Die Moskau-Reise Adenauers 1955

Die Reise nach Moskau im September 1955 war die spektakulärste politische Aktion, die Konrad Adenauer als Bundeskanzler unternommen hat. Zugleich stellte sie im Urteil der westdeutschen Bevölkerung den größten Erfolg seiner politischen Laufbahn dar.

Konrad Adenauer besiegelt mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Nicolai Bulganin den Abschluss der Verhandlungen am 13.09.1955.
Konrad Adenauer besiegelt mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Nicolai Bulganin den Abschluss der Verhandlungen am 13.09.1955.

Vorgeschichte

Alles begann mit am 7. Juni 1955 mit einer sowjetischen Note an die Bundesregierung. Darin schlug die Führung der UdSSR eine Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten sowie die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor. Dieses Angebot verband die Sowjetführung mit einer persönlichen Einladung an den Kanzler „in nächster Zeit“ nach Moskau zu kommen. Um ihrer Einladung Nachdruck zu verleihen und besondere Erwartungen zu wecken, wurde ein mögliches Entgegenkommen hinsichtlich der Wiedervereinigung angedeutet.

Die deutsche Seite entwickelte deswegen eine hohe Erwartungshaltung. So rechnete mancher mit einer baldigen staatlichen Einheit und der Revision der Oder-Neiße-Linie. Trotzdem blieb die bundesdeutsche Haltung gegenüber der Sowjetunion durch Misstrauen geprägt. So entschied man in Bonn erst einmal abzuwarten. Am 3. August sandte die Führung der UdSSR eine neue Note nach Westdeutschland. In ihr wurden konkrete Vorschläge unterbreitet: Man solle über die Herstellung von diplomatischen Beziehungen, Handelsbeziehungen und die Entwicklung kultureller Verbindungen beraten. Einschränkend hieß es, dass keine Seite irgendwelche Vorbedingungen machen sollte. Von der Herstellung einer nationalen Einheit Deutschlands war keine Rede mehr.

Am 12. August 1955 nahm die Bundesregierung die Einladung schließlich trotzdem an und schlug als Termin den 9. September vor. In den folgenden Gesprächen versuchte die deutsche Seite das „Problem der staatlichen Einheit Deutschlands“ wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Auch wollte man über das Schicksal der noch in der Sowjetunion befindlichen deutschen Kriegsgefangenen und Zivilpersonen beraten. In einem Antwortschreiben vom 19. August gingen die Sowjets mit keinem Wort auf die Gefangenen ein und bezüglich der Wiedervereinigung hieß es lediglich, dass die eigene Haltung in dieser Frage „bekannt“ sei.

Diese neuerliche Note stimmte Bundeskanzler Adenauer pessimistisch. Aus diesem Grund verkündete er, dass die Reise nur noch einer ersten Kontaktaufnahme dienen sollte. Des Weiteren stellte er klar, dass die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen ohne Fortschritte in der Frage der Wiedervereinigung und die Rückgabe der Gefangenen und Verschleppten nicht denkbar sei.

bundesarchiv_bild_183-e0406-0022-011_russland_deutscher_kriegsgefangener
Deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion.

Der Besuch

Am Nachmittag des 8. September 1955 landete Konrad Adenauer auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo. Der Regierungsdelegation gehörten insgesamt 141 Personen an. Darunter befand sich der Außenminister Heinrich von Brentano sowie Kurt Georg Kiesinger und Carlo Schmid als Vertreter des Bundestags. Der Empfang auf dem  Flugplatz war bewusst spektakulär angelegt. Der sowjetische Ministerpräsident Bulganin begrüßte den deutschen Bundeskanzler an der Spitze eines großen Empfangskomitees.

Bei einem ersten Treffen am 9. September verlaß Konrad Adenauer seine Eröffnungserklärung. Danach lud die sowjetische Führung zu einem opulenten Festmahl in den Kreml. Während dieses Diners genehmigte sich der Kanzler einen georgischen Wein nach dem anderen. Davon entsetzt bedrängte ein deutscher Diplomat die sowjetische Führungsriege auch ihre Gläser immer wieder neu aufzufüllen. Im Folgenden entstand eine sehr ausgelassene Stimmung.

Weit weniger fröhlich war die Stimmung am Vormittag des zweiten Verhandlungstages. In der Frage nach dem Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion gab es keine Bewegung. Bulganin stellte klar, dass es für ihn keine Kriegsgefangenen mehr gäbe, sondern nur noch verurteilte Kriegsverbrecher. Außerdem betonte er die Notwendigkeit einer Einbeziehung der Regierung der DDR in diesem Zusammenhang. Auch in Bezug auf die deutsche Wiedervereinigung blieb die sowjetische Führung unnachgiebig. Das zwischenzeitlich extrem angespannte Gesprächsklima besserte sich zwar im Verlauf des Nachmittags, zu politischen Einigungen kam es aber während des gesamten Tages nicht mehr.

Am 11. September, einem Sonnatg, war Ruhetag. Am folgenden Montag schienen die Gespräche endgültig zu scheitern. Als sich die sowjetische Führung im Bezug auf die Kriegsgefangenen wieder nicht gesprächsbereit zeigte, war Konrad Adenauer drauf und dran die Sitzung zu verlassen. Er hatte bereits zwei Flugzeuge bestellt, um am nächsten Tag mit seiner Delegation abreisen zu können.

Die Wende brachte ein großer Empfang der Sowjetregierung im St. Georg Saal des Kreml. Während des Banketts gaben die Vertreter der UdSSR nach. In einem Gespräch mit Adenauer erklärte Bulganin unvermittelt und sehr impulsiv: „Lassen Sie uns zu einer Einigung kommen: Schreiben Sie mir einen Brief (gemeint war: Zustimmung zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen) – und wir geben Sie ihnen alle – alle! Eine Woche später! Wir geben Ihnen unser Ehrenwort!“ Dies bedeutete also nicht nur die Freilassung aller Kriegsgefangenen, sondern auch die Begnadigung sämtlicher Zivilinternierter. Allerdings wollte die Sowjetregierung ihre Zusage nicht schriftlich geben. Deswegen misstrauten viele Mitglieder der deutschen Delegation dem Angebot und rieten es abzulehnen. Konrad Adenauer akzeptierte das Angebot aber trotzdem. So wurden im Folgenden auch diplomatische Beziehungen zwischen den beiden Staaten aufgenommen.

Adenauer (m.) mit Bulganin (l.) und Chruschtschow (r.).
Adenauer (m.) mit Bulganin (l.) und Chruschtschow (r.).

Das Ergebnis

Die Sowjets hielten sich an ihr Versprechen. Kurze Zeit nach der Rückkehr der deutschen Delegation trafen die ersten Gefangenentransporte in der Bundesrepublik ein. Die erschütternden Szenen des Wiedersehens ließen die Frage nicht richtig aufkommen, ob sich die Reise gelohnt hat oder ob mehr herauszuholen gewesen wäre. Seine Moskau Reise machte Konrad Adenauer ungemein populär. Das politische Kapital, welches er daraus schlagen konnte, ebneten ihm den Weg zu seiner Wiederwahl als deutscher Bundeskanzler im Jahr 1957.

Die Mutter eines Kriegsgefangenen dankt Konrad Adenauer nach seiner Rückkehr aus Moskau.
Die Mutter eines Kriegsgefangenen dankt Konrad Adenauer nach seiner Rückkehr aus Moskau.

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Helmut Altrichter: Adenauers Moskaubesuch 1955: Eine Reise im internationalen Kontext


Ein Gedanke zu “Die Moskau-Reise Adenauers 1955

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s