Die haitianische Revolution

Im Jahr 1791 erschütterte ein Aufstand die französische Kolonie Saint-Domingue. Die rund 500.000 Sklaven des Landes erhoben sich gegen ihre Herren und fegten das europäische Regime hinweg. Die haitianische Revolution führte am 1. Januar 1804 zur Gründung des ersten unabhängigen Staates in Lateinamerika durch ehemalige Sklaven.

Schlacht um die "Crête-à-Pierrot".
Schlacht um die Crête-à-Pierrot.

Vorgeschichte

Haiti ist ein auf der Insel Hispaniola in den Großen Antillen gelegener Inselstaat. Das Land umfasst den westlichen Teil der Karibikinsel, deren Ostteil die Dominikanische Republik einnimmt.

Im 15. Jahrhundert betrat erstmals ein Europäer haitianischen Boden. Der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus erreichte die Insel im Dezember 1492 und taufte sie auf den Namen Hispaniola. Schon bald nach der Ankunft der Europäer wurde die Insel in das spanische Kolonialreich eingegliedert. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts führten die neuen Herren in Haiti den Zuckerrohranbau ein. Da Arbeitskräfte fehlten, begann man in den 1520er Jahren mit der Einfuhr afrikanischer Sklaven.

Im 17. Jahrhundert verloren die Spanier langsam ihren Status als Hegemonialmacht in der Region. Zunächst setzten sich französische und englische Seeräuber auf Hispaniola fest, später gründeten verfolgte Hugenotten Siedlungen auf der Insel. Trotz wiederholter Versuche gelang es den Spaniern nicht die Neuankömmlinge wieder zu vertreiben. Im Jahr 1697 fiel Haiti durch den Friedensschluss von Rijswijk an Frankreich und erhielt den Namen Saint-Domingue. Nach der Übernahme des westlichen Teils der Insel durch die französische Krone setzte ein einem rasanter wirtschaftlicher Aufschwung ein. Insbesondere die Plantagenwirtschaft wuchs sehr schnell. Saint-Domingue exportierte vor allem Zucker, Indigo, Kaffee, Baumwolle und anfangs auch Tabak. Im Lauf des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Kolonie zur ertragreichsten europäischen Besitzungen in der Neuen Welt.

Holzstich einer Plantage aus dem 18. Jahrhundert.
Holzstich einer Plantage aus dem 18. Jahrhundert.

Die erste Welle der Revolution (1789-1791)

Im Jahr 1788 befand sich die französische Monarchie in einer schweren Krise. Der Staatsbankrott drohte, weswegen König Ludwig XVI. die Steuern erhöhen wollte. Dazu benötigte er jedoch die Zustimmung der Generalsände, welche er noch im selben Jahr einberief. Dies weckte nicht nur in Frankreich Hoffnungen auf Reformen, sondern auch in manchen Kolonien. Die sich in Saint-Domingue formierenden Interessengruppen forderten Steuerermäßigungen und Handelsliberalisierungen. Außerdem wurden Kommittees gebildet, die sich für ein politisches Mitspracherecht der Inselbewohner einsetzten. Im Juni 1789 wurde den Bewohnern des Landes schließlich sechs Abgeordnete in der Nationalversammlung zugestanden. In der folgenden Zeit erreichten die kolonialen Eliten eine gewisse wirtschaftliche sowie politische Autonomie Saint-Domingues.

Nach dem Sturm auf die Bastille im Oktober 1789 wurde der verhasste königliche Intendant (Steuereintreiber) von der Insel vertrieben. Lediglich der Gouverneur, der nur über exekutive Rechte verfügte, blieb als Vertreter des Mutterlandes in Saint-Domingue. In das Machtvakuum stießen verschiedenste Gruppierungen, welche sich unter einander immer stärker bekämpften. Als Folge der internen Machtkämpfe in der Kolonie löste die Regierung in Paris die assemblée coloniale (Kolonialversammlung) offiziell auf. Des Weiteren wurden alle in Saint-Domingue beschlossenen Gesetze sowie die kurz zuvor eingeführte Kolonialverfassung annuliert.

In dieser Zeit forderten auch die freien Afroamerikaner zunehmend die ihnen bislang vorenthaltenen politischen Rechte ein. In Saint-Domingue stieß dies auf gewaltsamen Widerstand aufseiten der weißen Bevölkerung. Es kam zu zahlreichen Lynchmorden. Dagegen formierte sich eine Rebellion der gens de couleur, welche aber schon nach kurzer Zeit niedergeschlagen wurde. Die Rädelsführer wurden grausam hingerichtet. Dies und die folgende Repressionswelle hatten jedoch nicht den von den Weißen gewünschten Effekt der Abschreckung, denn die freien Afroamerikaner organisierten sich in der Folgezeit zum Selbstschutz.

Im Mai 1791 gewährte die Zentralregierung in Paris einigen der freien gens de couleur mehr politische Rechte, was den Widerstand vieler Weißer erregte. Vor den Wahlen zur zwischenzeitlich wiedereingesetzten  assemblée coloniale verschärfte sich der Ton der Auseinandersetzungen. Radikale Gruppierungen forderten teilweise sogar die Loslösung von Frankreich. Die freien Afroamerikaner protestierten gegen den erneuten illegalen Ausschluss von den Wahlen zur Kolonialversammlung im Juli 1791. Sie bildeten bewaffnete Selbstschutzeinheiten, um sich gegen die zunehmend gewalttätigen Übergriffe verteidigen zu können. Auch in Frankreich spitzte sich die Lage durch den misslungenen Fluchtversuch des Königs im Juni 1791 zu.

Haiti am Ende des 18. Jahrhunderts.
Haiti am Ende des 18. Jahrhunderts.

Die Revolution der Sklaven (1791-1794)

Bis 1791 hatten die Sklaven Saint-Domingues kaum in die Ereignisse eingegriffen. Allerdings blieb ihnen das zunehmende Chaos auf der Insel ebenso wenig verborgen wie die revolutionäre Gleichheitsrhetorik im Zuge der Französischen Revolution. Mit der Eskalation der Gewalt im Sommer 1791 nahm unter den Sklaven die Bereitschaft zur Rebellion zu. In den Sommermonaten des Jahres 1791 brach sie schließlich im Norden Haitis aus. Schnell schlossen sich immer mehr Sklaven der Bewegung an. Die Weißen wurden von den Plantagen getrieben oder ermordet. Diese schlugen mit äußerster Brutalität zurück. In der folgenden Zeit entwickelte sich ein militärisches Patt zwischen den Aufständischen und den Kolonialtruppen. Um die Revolte niederzuschlagen verbündeten sich die Weißen im September 1791 mit den freien gens de couleur. Der afrikanischen Bevölkerungsgruppe wurden zahlreiche Zugeständnisse gemacht.

Die Nachricht vom Sklavenaufstand traf in Frankreich aus verschiedensten Gründen erst sehr spät ein. Die Pariser Nationalversammlung reagierte entsetzt und fürchtete einen Verlust der Kolonie. Die Regierung antwortete auf die Bedrohung ihres Territoriums mit gesetzgeberischen Maßnahmen sowie der Entsendung einer Zivilkommission nach Haiti. Die Kommissare konnten allerdings nur eine Amnestie im Fall der Rückkehr zur Legalität anbieten. Die Verhandlungen gestalteten sich ungemein schwierig, da die Plantagenbesitzer alles daransetzten, diese zu torpedieren. So waren die Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt und ein dauerhafter Friede wurde nicht erreicht.

Die Gewalt flammte wieder auf und die Revolte dehnte sich auch auf bislang von den Kämpfen verschonte Regionen aus. Saint-Domingue versank nun vollends im Chaos. Eine neuerliche Wende bahnte sich nach den Wahlen zur neuen französischen Ntionalversammlung im Oktober 1791 an. Gemäßigtere Kräfte übernahmen die Macht in Paris. Sie beschlossen die rechtliche Gleichstellung aller freien Afroamerikaner sowie die Entsendung einer zweiten Zivilkommission. Unterstützt durch 6.000 Soldaten gingen die Kommissare sowohl gegen die aufrührerischen Plantagenbesitzer als auch gegen die rebellischen Sklaven vor. Bei dieser Unternehmung bauten sie insbesondere auf die Hilfe der freien gens de couleur.

Im Januar 1792 überschlugen sich die Ereignisse in Paris. Die königliche Familie wurde verhaftet und im September wurde die Republik ausgerufen. Ludwig XVI. wurde im Januar 1793 wegen Hochverrats hingerichtet. Daraufhin traten Spanien und Großbritannien in den Krieg gegen Frankreich ein. Österreich und Preußen (und andere) kämpften zu dieser Zeit schon gegen das Revolutionsregime. Auch die Karibik wurde Kriegsschauplatz. Ab Mai 1793 verstärkten die Spanier ihr Hilfen für die aufständischen Sklaven. Unter anderem Waffen und Uniformen wurden den Rebellen zur Verfügung gestellt. Die britische Marine blockierte derweil den Schiffsverkehr nach Saint-Domingue. Im September 1793 kam es außerdem zu einer britischen Invasion in Haiti, welche Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachten. Interne Verwerfungen auf der Insel hatten die Landung begünstigt.

Um die Lage wieder zu stabilisieren verkündete der oberste französische Zivilkommissar Léger-Félicité Sonthonax im Sommer 1793 eigenmächtig das Ende der Sklaverei in Haiti. Dies war mit einem Aufruf zur Verteidigung Saint-Domingues gegen die feindlichen Kräfte verbunden. Dadurch sollten auch die zu den Spaniern übergelaufenen Sklaven zurückgewonnen werden. Die Maßnahme war aber von nur mäßigem Erfolg gekrönt.

In Frankreich übernahmen im Jahr 1793 die radikalen Jakobiner die Macht. Sie schafften am 4. Februar 1794 die Sklaverei komplett ab. Die Zivilkommissare wurden im Juni 1794 abberufen und angeklagt, man ihnen die Überschreitung ihrer Kompetenzen vorwarf. Zu einer Verurteilung kam es aber nicht.

Kämpfe während der haitianischen Revolution.
Kämpfe während der haitianischen Revolution.

Der Weg zur Unabhängigkeit (1794-1804)

Die Sklavenbefreiung führte in der Kolonie weitestgehend nicht zum erhofften Überlaufen der ehemaligen Sklaven zu den Franzosen. Die Kämpfe hielten an. Im Jahr 1795 geriet wieder Bewegung in die politische Situation der Insel. Durch den Frieden von Basel in diesem Jahr trat Spanien auch seine restlichen Besitzungen auf Hispaniola an die Franzosen ab und schied aus dem Konflikt aus. Auch die Briten zogen sich 1798 zurück. In diesem Zusammenhang gelang dem Sklavenführer Louverture Toussaint ein kometenhafter Aufstieg. Bald kontrollierte er weite Teile des Nordens sowie des Westens Haitis.

Die Spannungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen verschärften sich nach dem Abzug der Briten rasant. Im Jahr 1799 kam es zu einem Bürgerkrieg zwischen den Provinzen, aus welchem Toussaint im August 1800 als Sieger hervorging. 1801 ließ er eine Verfassung für die Kolonie ausarbeiten durch welche er zum Gouverneur auf Lebenszeit ernannt wurde. Durch eine ausgeprägte Vetternwirtschaft zog er die Missgunst vieler Einheimischer auf sich, durch seine Politik den Zorn der französischen Regierung.

Zwischenzeitlich hatte der Korse Napoléon Bonaparte die Macht in Frankreich übernommen. Dieser entsandte ein Expeditionskorps, um Saint-Domingue wieder näher an das Mutterland zu binden und um Toussaint als Machtfaktor auf der Insel auszuschalten. Die Franzosen brachten die Insel rasch unter ihre Kontrolle. Toussaint wurde verhaftet und nach Frankreich deportiert, wo er 1803 starb. Dies führte jedoch nicht zu einer Beruhigung der Lage. Als im Jahr 1802 die Sklaverei wieder eingeführt werden sollte eskalierte die Gewalt auf ein nie dagewesenes Maß. In den folgenden Kämpfen, welche auf beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführt wurden, besiegten die Haitianer die Franzosen. Die Reste der französischen Truppen wurden 1803 nach Jamaika evakuiert. Die in der Kolonie verbliebenen Weißen wurden danach weitgehend getötet. Am 1. Januar 1804 wurde die Unabhängigkeit Haitis ausgerufen.

Haiti 1804.
Haiti 1804.

Auswirkungen

Die Ereignisse in Haiti zwischen 1789 und 1804 waren ein einschneidendes Ereignis. Vor allem die Abschaffung der Sklaverei hatte die weitesten Auswirkungen. Das Feuer der Revolution griff in den folgenden Jahrzehnten auf noch viele weitere Regionen Lateinamerika über. Außerdem erhielten die Abolitionisten in England und in den Vereinigten Staaten Aufwind durch den Erfolg Haitis von 1804. So stand letztlich auch Englands Ausstieg aus dem transatlantischen Sklavenhandel 1807 im größeren Kontext der Revolution von Saint-Domingue. Frankreich erkannte die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonie erst im Jahr 1825 an. Damit verbunden war eine horrende Forderung von 90 Millionen Francs, welche später auch bezahlt wurde.

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Philipp Hanke: Revolution in Haiti: Vom Sklavenaufstand zur Unabhängigkeit


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