Roms grausamster Feldzug. Die Zerstörung Karthagos im dritten punischen Krieg

Der Weg in den Abgrund

Laut schreiend“ rissen die karthagischen Gesandten „die Hände empor“ und schleuderten „erbitterte Flüche den Römern ins Gesicht“. Sie „warfen sich auf die Erde und schlugen sie mit ihren Händen und Häuptern; manche „rissen sich sogar die Kleider vom Leibe und zerfleischten ihren Leib, man hätte sie für wahnsinnig halten können“.

Zuvor hatte der Konsul Censorinus das Todesurteil über Karthago verkündet. „Denn diese eure Stadt“, sprach er, „wollen wir von Grund auf zerstören!“ Drei Jahre später, 146 v. Chr., wurde das blühende Karthago eingeäschert.

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Ansicht des historischen Karthagos vor dem dritten punischen Krieg. Links unten der Zivilhafen, rechts daneben der runde Kriegshafen. Der rechteckige Platz nahe dem Kriegshafen ist das Forum. Auf dem Hügel liegt die Byrsa.

Warum dies geschah, ist umstritten, zumal nur (oft bruchstückhafte) römische Be­richte vorlie­gen. Die Landmacht Rom und das maritime Karthago der Fern­händler hätten sich arrangieren kön­nen. Mehr als 200 Jahre lang, von 508 bis 278 v. Chr., regulierten Verträge die bei­derseiti­gen Ein­flusssphären.

Der erste punische Krieg begann, weil Rom die zugesicherte In­tegrität Siziliens nicht aner­kannte. Ebenso willkürlich entfesselten die Herrscher am Tiber den zweiten Krieg; erneut ig­no­rierten sie gültige Vereinbarungen.

Dank seines Staatsbewusstseins behielt Rom jedes Mal die Oberhand. Der Senat befehligte Bürger­heere, während Karthago Söldner einsetzte, die nur bei der Fahne blieben, wenn sie Geld er­hielten. Jahrelang meuterten die Söldner und hätten Karthago beinahe ruiniert.

Auch war Roms Verfassung flexibler und sozial durchlässiger gestaltet als die kartha­gische. Mittels eines abgestuften Bürgerrechts und relativer Freizügig­keit der „Bundesgenos­sen“ funk­tionierte der römische Staat gut. Karthago behandelte seine Bun­desge­nossen wie „Un­terge­bene“; im Krieg neigten sie zur Treulosigkeit.

Trotz schwerer Niederlagen gab Rom nie auf. Hannibal verkannte die mentale Härte der Rö­mer. Freilich wohnte dem römischen Denken eine fürchterliche Kehrseite inne. Nicht einmal Han­nibal gedachte Rom zu vernichten; der Senat aber duldete keine Konkurrenz.

Verlorene Schlachten belasteten die Punier weit stärker. Hannibals Vater, Hamilkar, bemän­gelte, dass Kar­thago 241 v. Chr. den Kampf vorzeitig abgebrochen habe. Nach dem Ende des zweiten punischen Kriegs verpflichtete Hannibal die karthagische Ober­schicht, öf­fentliche Pro­jekte zu finanzieren. Jedoch verrieten die Oligar­chen Hannibal an Rom und stellten ihre Eigen­sucht über das Wohl des Staates.

201 v. Chr. nahmen die Punier drakonische Friedensbedin­gungen hin. Alle nichtafrikanischen Lände­reien mussten sie preisgeben. Binnen 50 Jahren hatten die Karthager 10 000 Talente Sil­ber zu ent­rich­ten. Fast jedes Kriegsschiff verloren sie. Zwar blieb Karthago unab­hän­gig, durfte aber nur innerhalb Afrikas Krieg führen und benötigte hierzu Roms Erlaubnis. Garantiert wurde der verblie­bene kar­tha­gi­sche Besitz­stand. Allerdings sollte der Numiderkönig Masi­nissa nicht ge­nannte punische Ter­ritorien er­halten. Karthago war keine Großmacht mehr.

Masinissa und Cato

Dennoch gedieh das Restreich demographisch genauso wie ökonomisch. Schon 191 v. Chr. wollte Karthago die noch ausste­hende Reparationssumme begleichen und weckte deshalb in Rom das Unbehagen.

Häufig okkupierte Masinissa karthagisches Gebiet; partei­ische „Schiedssprüche“ der Römer legi­timierten solche Gewaltakte. Weil der skrupellose Numider das gesamte punische Land be­anspruchte,  obsiegten in Karthago jene, die verlangten, Masinissa zu bekämpfen.

Faktisch gab es für die Punier nur zwei Varianten des Untergangs: entweder vereinnahmte sie Masinissa oder Rom intervenierte. Als der unersättliche König 153 v. Chr. das Bagradastal begehrte, hielt Rom Karthago solange hin, bis Numidien erneut triumphiert hatte.

Dann kam eine senatorische Delegation unter Marcus Porcius Cato. Die Karthager beklagten das Vorgehen Masinissas und lehnten weitere römische Schiedssprüche ab. Catos Argusaugen  erspähten die Wirtschaftskraft des Gegners; er forderte nun Karthagos Zerstörung.

Als Masinissa 150 v. Chr. eine karthagische Stadt belagerte, griffen die Punier zur Waffe, ohne Rom gefragt zu haben. Ihr Feldherr Hasdrubal zog mit 58 000 Mann ­gegen Numidien; sie  wurden völlig geschlagen.

Angsterfüllt versuchten die Pu­nier, Rom zu besänftigen, verurteilten Hasdrubal zum Tode, schickten Gesandte in die Tiber­stadt. Der Senat erwartete eine unbestimmte „hinreichende Ge­nugtuung“: der Friedensvertrag sei gebrochen. Zuvor hatte jedoch Rom den rechtswidrigen Landraub Masinissas gebilligt.

Jetzt beschlossen die meisten Senatoren, Kar­thago auszulöschen. Ihre Entschei­dung hielten sie geheim und erklärten 149 v. Chr. Karthago `nur` den Krieg. Rom wollte die Punier nicht zum Ver­zweiflungs­kampf provozieren. Die Konsuln Mar­cus Manilius und Lucius Mar­cius Cen­so­rinus ver­sam­melten 84 000 Legio­näre.

Die Entwaffnung

Punische Gesandte baten den Senat um Frieden. Karthago dürfe unab­hängig blei­ben, sagten die Römer, wenn es 300 vornehme Söhne als Geiseln übergebe. Au­ßerdem seien weitere, noch unbekannte Forderungen zu erfüllen. Heimlich wurden Manilius und Censo­rinus an­gewiesen, Karthago zu vernichten.

Die Punier, friedenswillig und naiv, durchschauten die Bosheit der Römer nicht, sondern lie­ferten hunderte Kin­der­geiseln aus. Bei deren Einschiffung klam­merten sich ihre Mütter „mit rasen­dem Weh­ge­schrei an die Kleinen“. Manche der Frauen „schwammen weit ins Meer hinaus und be­gleite­ten die Schiffe, tränenüberströmt und den Blick auf die Kinder gerichtet“. Andere  Mütter „schlugen sich auf die Brust, als wenn sie bereits Tote betrauerten“.

Zunächst wurden die römischen Truppen in das nord­afrikanische Utica verlegt. Dort sollten die Karthager erfahren, wie der Krieg zu beenden sei. Utica hasste Karthago und kollaborierte mit Rom. Vergeblich  beschworen die Punier in Utica die „Milde und Mä­ßigung“ des Todfein­des. Das entmachtete Karthago habe keine Schiffe und betrauere 50 000 im Krieg ge­gen Masi­nissa gefallene Soldaten. Warum schickte Rom ein großes Heer? Der Senat ver­sprach Freiheit und Selbstständigkeit!

Wenn Karthago den Frieden wolle, entgegnete Censorinus, möge es sein gesamtes Kriegsge­rät herausgeben. Und Karthago legte die Rüstungen für 200 000 Mann, 2000 Katapulte, unzäh­lige Lanzen sowie Speere dem Feind vor die Füße. Nur die 20 000 Mann des Hasdrubal standen noch unter Waffen.

Censorinus lobte den „willigen Gehorsam“ der Karthager; gleich im nächsten Satz verkündete er das Todesurteil! Ihre Stadt sollten die Punier räumen und künftig im Binnen­land siedeln. Wie oben erwähnt, verfluchten jene so schmählich Betrogenen die Römer.

Hunderttausende konnten nicht auf bloßer Erde existieren: Rom plante einen Genozid. Un­möglich sei es, betonten die Karthager, „Män­ner auf das Festland zu ver­pflanzen, die vom Meer leben“. Schont die Stadt, flehten sie, „die euch kein Leid an­getan hat, tötet dafür uns, bitte, die ihr uns umsiedeln wollt!“

Arglistig behaupteten die Römer, dass Karthago erklärt habe, sich jeder Forderung zu beugen. Aber Karthago hatte „frei und unabhängig“ bleiben sollen; auch handelten die Punier in dem Glauben, dass der Frieden wiederherzustellen sei.

Karthago bäumt sich auf

Sobald man in Karthago die Absichten der Römer kannte, begann ein „blindwütiges, ra­sendes To­ben“. Wer verlangt hatte, Geiseln und Waffen auszuliefern, wurde erschlagen. „Ein ans Wun­derbare grenzender Stimmungsum­schwung“ be­seelte das nun kampfbe­reite Volk.

Rehabilitiert kehrte Hasdrubal zurück. Sklaven erhielten die Freiheit; in pausen­loser Tag- und Nachtarbeit schmiedete man Waffen und baute Schiffe. Da die Konsuln den wehrlosen Gegner nicht ernstnahmen, gönnten sie sich Zeit, die Kar­thago nutzte. Ungeachtet schwerster Bedin­gungen widerstanden die Punier drei Jahre lang. Große Festungsanlagen, die freilich am Han­dels- und Kriegshafen vernachlässigt waren, schützten sie.

Manilius und Censorinus erstürmten weder Karthago noch bezwangen sie Hasdrubal. Dem Has­drubal unterlag Manilius sogar. Publius Sci­pio Aemilianus, damals Militärtribun, regelte nach Masinissas Tod die Erbfolge in Numidien. Fortan leistete König Gulussa Rom mi­litärische Hilfe. Auch be­wog Scipio den karthagi­schen Reiteroffizier Phameas mit etwa 2000 Solda­ten zur Fahnenflucht.

Die nächsten Konsuln, Calpurnius Piso und Lucius Mancinus, belagerten meist erfolglos Städte, die Karthago unterstützten. Der numidische Offizier Bithyas und 800 Reiter liefen zu Kar­thago über. Laut Appian gewannen die Punier „Selbst­vertrauen, Mut und Ausrüstung“. Has­drubal erhielt das Amt des Komman­danten.

Scipio

Doch nun stieg Scipio trotz seines jungen Alters zum Konsul auf, befreite den Mancinus aus einer ge­fährlichen Situation, reorganisierte  auch das Heer des Piso. Kurzzeitig drang Scipio in Kar­thago ein: wegen der unklaren Lage befahl er den Rückzug. Hasdrubal ließ gefan­gene Rö­mer foltern und „le­bend von der Stadt­mauer herunterwer­fen“.

Jetzt wollte Scipio Karthago aushungern; wenige Schiffe brachten der Stadt noch Le­bens­mit­tel. Daher ließ Scipio vor der Hafeneinfahrt einen Damm errichten; prompt gruben die Kar­tha­ger einen Kanal vom Hafen zum Meer.

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Skizze des belagerten Karthagos. Am Hafen befindet sich „Scipios Damm“, mit dem die Römer die Zufahrt nach Karthago sperren wollten.

Mit 50 neugebauten Triremen fuhren die Belagerten hin­aus und hätten die Feind­flotte besiegen können. Aber sie vergaben die letzte große Chance. Scipio erkannte, dass die Mauer am Hafen, vor der ein kleines Stück Land lag, die Achillesferse der Stadt bildete.

Todeskampf

Zur Jahreswende 147/146 v. Chr. besiegte Scipio die letzten karthago­treuen Städte. Dann at­tackierte er Karthagos Handelshafen, den Hasdrubal verteidigte. Fast unbemerkt über­wand der römische Offizier Laelius die Mauer am Kriegshafen. Rasch stießen die Legio­näre zur By­rsa vor, jener Burg- und Tempelfestung der Stadt, die auf einem Hügel lag. Hier ver­schanzten sich etwa 50 000 Kar­thager.

Sechs Tage und Nächte  wurde in drei Straßenzügen, die zur Byrsa führten,  erbittert gerungen. Manche Verteidiger warfen von Hausdächern Steine herab; die Römer schleu­derten diese Kämpfer „auf das Pflaster“ oder in „aufgerichtete Lanzen“. In schma­len Gassen fochten „Mann gegen Mann“. Scipio ließ den ganzen  Stadt­teil ab­brennen, wobei viele „Greise, Kinder und Frauen“ qualvoll starben. Um leichter vorrücken zu können, stießen die Rö­mer noch le­bende Karthager in Gruben, deren „Beine aus der Erde herausragten und lange zap­pelten; andere schauten mit ihren Köpfen aus dem Boden“.

„Zwänge des Krieges“, behauptet Appian, verursachten solche Gräueltaten. Doch schil­dert er lediglich die Kämpfe in wenigen Straßenzügen. Wie erging es hunderttausen­den Zivilperso­nen im restlichen Karthago? Wurden sie niedergemetzelt? Der Bericht des Polybios, der an Scipios Seite den Untergang Karthagos erlebte, ist großenteils ver­schollen.

Schließlich ergaben sich fast alle Verteidiger der Byrsa. Scipio hatte versprochen, sie nicht zu töten. 50 000 Menschen endeten in der Sklaverei. Der letzte Akt äh­nelte einer klassi­schen Tra­gödie. Die 800 numidischen Überläufer und Hasdrubals Familie verharr­ten in der Byrsa. Has­drubal aber flüchtete zu Scipio und musste vor ihm niederknien, damit ihn seine Frau er­blickte, die Hasdrubal als „Ver­räter am Vater­land“ beschimpfte. Daraufhin stürzten sich die Numider, Has­drubals Frau und ihre beiden Kinder ins Feuer.

Der römische Vernichtungswille

Geplündert wurde Karthago, dem Erdboden gleichgemacht, die Neubesiedlung ver­boten. Wo­her rührte diese Grausamkeit? Keinesfalls hatte Rom die geschwächten Karthager noch zu fürchten. Im gleichen Jahr 146 v. Chr. zerstörten römische Soldaten ebenso Korinth. Alle soll­ten wissen, was ihnen drohte, wenn sie nur die mindeste Widersetzlichkeit zeigten. Das gren­zenlose Machtstreben der Wölfe vom Tiber bedingte ihren Ver­nichtungswillen.

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Überreste Karthagos; sie gehören zum Weltkulturerbe

Polybios erzählt, dass Scipio, als Karthago brannte, prophezeite: „Kom­men wird einst der Tag“, da Rom hinsinkt wie Troja. Wohl wahr! Zuerst verloren die Rö­mer ihre republikanische Freiheit; in fernen Ländern statio­nierte Feldherrn vermochte nie­mand zu kon­trollieren. Ohnehin erzwang das riesige und vielgestaltige Imperium eine autokrati­sche Staatsform.

Dem eroberungssüchtigen Rom fehlten starke Bündnis­partner. Immer län­gere Grenzen wur­den gezogen, immer zahlreichere Invasoren strömten herbei. So endete die Gier in Selbstzer­störung und Machtlosigkeit. Karthago blieb nicht un­gerächt. 455 besetzten und plünderten die Vandalen das große Rom. Sie kamen – aus Karthago.

Artikel verfasst und zur Verfügung gestellt von: Rolf Helfert

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Olde Hansen: Der Dritte Römisch-Karthagische Krieg: Die Zerstörung Karthagos 146 v.Chr.


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