Der Bürgerkrieg in Sierra Leone

Fakten & Zahlen zu Sierra Leone

Sierra Leone liegt in Westafrika am Atlantischen Ozean. Nachbarländer sind Guinea und Liberia. Mit einer Fläche von 71.740 km² hat Sierra Leone etwa die Größe Bayerns. Rund 70 Prozent der 6,4 Millionen Einwohner sind Moslems, 20 Prozent Christen und 10 Prozent Animisten. Die dominierenden Sprachen sind Englisch und Krio. Ethnisch ist Sierra Leone äußerst heterogen. Außerdem ist der westafrikanische Staat reich an Bodenschätzen wie zum Beispiel Aluminium, Bauxit, Chrom, Diamanten, Eisenerz, Gold und Platin. Die Diamanten spielten als sogenannte ‚Blutdiamanten‘ eine wichtige Rolle während des Bürgerkriegs.

Karte von Sierra Leone
Karte von Sierra Leone

Sierra Lena unter europäischem Einfluss

Schon im Verlauf des 15. Jahrhunderts geriet das Gebiet des heutigen Sierra Leones unter europäischen Einfluss. Zunächst waren vor allem Portugiesen in dieser Gegend präsent. Sie nutzten den Landstrich als Rastplatz auf ihrem Weg nach Indien und für den Handel mit der lokalen Bevölkerung.

Einen tiefen Einschnitt in die historische Kontinuität der Region bedeutete die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1492. Im Zuge der europäischen Landnahme entstanden dort riesige Plantagen, für deren Bewirtschaftung aber Arbeitskräfte fehlten. Um diesen Mangel auszugleichen, wurden tausende Afrikaner als Sklaven in die ‚Neue Welt‘ verschleppt. Ein Zentrum des Sklavenhandels war Westafrika, welches spätestens seit 1700 vom ‚British Empire‘ kontrolliert wurde. Über Dekaden blühte das Geschäft mit der Ware Mensch, bis im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung allmählich ein Umdenken einsetzte.

Immer mehr Menschen in Europa wandten sich gegen die Sklaverei. Großbritannien nahm dabei eine Vorreiterrolle ein. Ein Gerichtsentscheid aus dem Jahr 1772 erklärte die Sklaverei im Vereinigten Königreich (nicht in den Kolonien) für illegal und dämmte sie damit ein. Infolge des sogenannten Mansfield-Urteils erhofften sich viele ehemalige Sklaven ein Leben in Freiheit und strömten deswegen insbesondere nach London. Eine verarmte urbane Schicht mit dem landläufigen Namen ‚black poor‘ entstand. Um sozialen Spannungen vorzubeugen wurde eine Ansiedlung dieser Bevölkerungsgruppe an der Küste Westafrikas ins Auge gefasst.

Nach einem erfolglosen Besiedlungsversuch im Jahr 1787 legten Kolonisten 1792 den Grundstein für die heutige Hauptstadt Freetown. Verantwortlich dafür war die private Sierra Leone Company (SLC). Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten des Unternehmens ging die Trägerschaft jedoch schon bald darauf auf den Staat über. Im Jahr 1808 wurde Sierra Leone eine Kronkolonie Großbritanniens.

Nach dem ‚Abolition of the Slave Trade Act‘ aus dem Jahr 1807 setzte sich die britische Regierung aktiv für die Unterbindung des Sklavenhandels ein. Sämtliche von der Marine in der Gegend befreiten Sklaven wurden rund um Freetown angesiedelt. So stieg die Bevölkerungszahl in den folgenden Jahren sprunghaft an.

Während des 19. Jahrhunderts baute Großbritannien seinen Einfluss auf das Hinterland Sierra Leones schrittweise aus. 1896 wurde das restliche Land schließlich als Protektorat dem Einflussbereich des Vereinigten Königreichs einverleibt. In diesen Gebieten übte Großbritannien eine ‚indirekte Herrschaft‘ aus. Formal behielten die afrikanischen Herrscher in diesem System ihre Positionen, allerdings wurde ihre Macht beschnitten und sie mussten sich ab diesem Zeitpunkt von der Kolonialregierung legitimieren lassen.

Die Etablierung des Protektorats führte zu einer konstitutionellen Zweiteilung des Landes. Mit der formalen Trennung der Verwaltung ging auch eine klare Abgrenzung der jeweiligen Bevölkerungsgruppen einher.

Nach dem Ersten Weltkrieg löste sich Sierra Leone langsam von seinem Mutterland. Zahlreiche Reformen übertrugen lokalen Gremien schrittweise mehr Macht.

Der Weg in den Bürgerkrieg

Im Jahr 1961 erlangte Sierra Leone die Unabhängigkeit von Großbritannien. In den folgenden Jahren übernahmen einige autoritäre und korrupte Regierungen die Macht. Hinzu kamen immer wieder Militärputsche, welche die Instabilität des Landes weiter verstärkten. Außerdem wurde die politische Opposition zunehmend eingeschüchtert und Proteste gewaltsam niedergeschlagen. In diesem Kontext gelang es dem damaligen Präsidenten Siaka Stevens 1978 Sierra Leone mit Hilfe einer Verfassungsänderung in einen Einparteienstaat zu verwandeln. Die Herrschaft seiner Partei All People’s Congress (APC) war von Korruption, politischen Spannungen sowie von steigenden Preisen und Lebensmittelknappheit geprägt. Die Spaltung innerhalb der Gesellschaft vertiefte sich auf diese Weise zunehmend. Die Krise gipfelte Ende der 1980er Jahre darin, dass viele der Gebildeten das Land verließen, die Kriminalitätsraten wuchsen und vor allem unter den Studenten eine Militarisierung einsetzte, da sie in besonderem Maße von Arbeits- und damit einhergehender Perspektivlosigkeit betroffen waren. Die Regierung war zusehends nicht mehr Herr der Lage und die Bevölkerung verlor das Vertrauen in die Exekutive. In diesem Zusammenhang bahnte sich eine Revolution an.

Der Bürgerkrieg

Den Beginn des Bürgerkriegs markierte das Eindringen von Rebellen in das Gebiet Sierra Leones ab März 1999. Die bewaffneten Kräfte griffen Städte innerhalb des Kailahunbezirks im Südosten Sierra Leones an. Ausgeführt wurden die Attacken von Kämpfern der National Patriotic Front of Liberia (NPFL) und der heimischen Rebellengruppe Revolutionary United Front (RUF).

In einer Stellungnahme kurz darauf machte der Präsident Sierra Leones, Joseph Saidu Mamoh, allein Charles Taylor, den Anführer der NPFL, für die Angriffe verantwortlich. Den Anteil der RUF, welche die Regierung des APC stürzen wollte, verkannte er komplett.

Kurze Zeit später eröffnete die RUF eine weitere Front. Da die gerade einmal 3000 Mann starke Armee Sierra Leones auf Grund der wirtschaftlichen Krise und der Veruntreuung von Staatsgeldern massiv unterfinanziert war, sah sie sich einer Aufgabe gegenüber, die sie nur schwerlich meistern konnte.

Kämpfer der RUF-Rebellen
Kämpfer der RUF-Rebellen

Aufgrund der Unterstützung ausländischer Kräfte für die Armee stabilisierten sich die Fronten in der folgenden Zeit. Dennoch wurde die APC-Regierung im Jahr 1992 von frustrierten Soldaten gestürzt. Eine Militärjunta (National Provisional Ruling Council [NPRC]) unter der Führung von Captain Valentine Strasser übernahm die Macht.

Unter seiner Regentschaft, die erst mit seinem Sturz im Jahr 1996 endete, brach der Staatsapparat völlig zusammen. Es gelang der NPRC nicht die RUF davon abzuhalten die lukrativen Rohstoffvorkommen zu kontrollieren, Kindersoldaten zu rekrutieren und Gräueltaten an der Zivilbevölkerung zu verüben.

Um die Regierung zu unterstützen formierten sich private Milizen, darunter zum Beispiel die Civilian Defense Forces (CDF). Meist waren diese Organisationen jedoch genauso brutal wie ihre Feinde. Sämtliche Bürgerkriegsparteien strebten nach persönlicher Bereicherung durch die Ausbeutung der reichen Rohstoffvorkommen Sierra Leones.

Zu einem ersten Versuch Frieden zu schließen kam es, als die bei den Wahlen 1996 erfolgreiche Sierra Leone Peoples Party (SLPP) unter Präsident Ahmed Tejan Kabbah und die RUF das Friedensabkommen von Abijan unterzeichneten.“ Die Waffenruhe war aber nicht von langer Dauer. Die Gewalt flammte erneut auf, als Präsident Kabbah 1997 von unzufriedenen Armeeangehörigen aus dem Amt gedrängt wurde und diese wieder die Macht in Sierra Leone übernahmen.

Die neue Militärregierung verbündete sich mit der RUF und nannte sich Armed Revolutionary Council (AFRC). Die Junta war für schwerste Menschenrechtsverletzungen und eine Zeit des Terrors und der Gewalt verantwortlich.

Truppen, die von der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft entsandt wurden (ECOMOG), vertrieben die Putschisten und Rebellen Anfang 1998 aus Freetown. Der abgesetzte Präsident Kabbah kehrte zurück. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es einem Verbund aus ECOMOG- und CDF- Kämpfern die AFRC-Kräfte schrittweise auch aus anderen Landesteilen zu vertreiben. Dabei kam es auf beiden Seiten erneut zu erheblichen Menschenrechtsverletzungen.

Im Jahr 1999 wurde ein Waffenstillstand zwischen allen Bürgerkriegsparteien geschlossen. Die daran anknüpfenden Verhandlungen führten, unter Mitwirkung der Vereinten Nationen, am 07. Juli 1999 zu einem erneuten Friedensabkommen. Der Vertrag von Lomé sah die Umwandlung der RUF in eine politische Partei und ihre Beteiligung an der Regierung; die Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung der Kämpfer aller Kriegsparteien; die Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission sowie eine vollständige Amnestie für alle RUF/AFCR Rebellen vor.

Zur Überwachung des Friedensabkommens von Lomé rief der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die 6000 Mann große Mission UNAMSIL ins Leben. Doch der Vertrag von Lomé brachte nicht den erhofften Frieden. Die Gewalt flammte immer wieder auf und die angedachte Entwaffnung der Kämpfer gelang nicht. Als im Mai 2000 die Blauhelme angegriffen wurden und rund 500 von ihnen als Geiseln genommen wurden, war das Friedensabkommen endgültig gescheitert.

Eine durch Kampfhandlungen zerstörte Schule
Eine durch Kampfhandlungen zerstörte Schule

Erst ein neuerliches Waffenstillstandsabkommen zwischen Regierung und Rebellen vom November 2000 brachte die Wende. Obwohl es immer wieder zu Zwischenfällen kam, verlief die Demobilisierung der Kämpfer erfolgreich und den UNAMSIL-Truppen gelang es die Kontrolle in nahezu allen Teilen des Landes zu gewinnen.

Anfang 2002 erklärte Staatspräsident Kabbah den Bürgerkrieg in einer feierlichen Zeremonie für beendet. Bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Mai 2002 wurde Kabbah mit 70 % der Stimmen wiedergewählt und die SLPP erneut stärkste Partei. Ende 2005 lief das Mandat der UNAMSIL Friedenstruppe aus und wurde durch die Mission zur nachhaltigen Friedenssicherung UNIOSIL ersetzt.

Die Bilanz des Bürgerkriegs

Der Bürgerkrieg in Sierra Leone war eine entsetzliche humanitäre und sozioökonomische Katastrophe. Mehr als 75.000 Menschen verloren während des Konflikts ihr Leben und viele mehr wurden verletzt. Das Ausmaß an Brutalität, Gewissens- und Skrupellosigkeit wird besonders an der Rekrutierung von Kindersoldaten, den sexuellen Übergriffen und dem systematischen Abhacken von Gliedmaßen deutlich. Diese Delikte wurden sowohl von den Rebellen als auch von den Regierungs- und Friedenstruppen verübt. Die meisten und schlimmsten Gräueltaten haben jedoch RUF/AFRC Kämpfer zu verantworten. Des Weiteren befanden sich über zwei Millionen Sierra-Leoner auf der Flucht, davon ein größerer Teil in den Anrainerstaaten.

Außerdem war die Versorgungslage prekär. Es fehlte vor allem an Nahrungsmitteln und Medikamenten. Die durchschnittliche Lebenserwartung sank im Jahr 1994 auf nur noch 35,70 Jahre.

Zudem war die wirtschaftliche Situation desaströs. Der Krieg hat viele Dörfer und Städte verwüstet, hinzu kamen erhebliche Zerstörungen der Infrastruktur. Dies brachte das wirtschaftliche Leben in Sierra Leone quasi zum Erliegen. Das Bruttoinlandsprodukt sank von 1,055 Milliarden US-Dollar im Jahr 1988 (278,31 USD pro Kopf) auf nur noch 635,9 Millionen US-Dollar (156,59 USD pro Kopf) im Jahr 2000.

Des Weiteren blieben während des Bürgerkriegs viele Schulen geschlossen. Diese wurden entweder durch Kampfhandlungen zerstört oder aber die Schüler waren geflüchtet, beziehungsweise als Kindersoldaten in die Kämpfe verwickelt worden. Insgesamt verfügten nur rund 36 Prozent aller ehemaliger Kombattanten über schulische Bildung.

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Marco Helfrich: Bürgerkrieg und Friedenskonsolidierung in Sierra Leone


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