Die Eroberung von Konstantinopel 1453

Als die Sonne am 29. Mai 1453 über Konstantinopel aufging, war eingetreten, wovor sich die Stadtbewohner so sehr gefürchtet hatten: Nach wochenlanger Belagerung hatten osmanische Soldaten in der Nacht die zerstörten Überreste der Stadtmauer durchbrochen. Nun zogen sie plündernd und mordend durch die Straßen. „Die Stadt ist verloren!“ hallte es durch Konstantinopel.

Der Fall von Konstantinopel markierte das Ende des byzantinischen Reichs, das seit über 1000 Jahren von Kaisern regiert wurde, die sich als direkte Nachfolge der römischen Kaiser verstanden. Gleichzeitig ging der Untergang von Byzanz einher mit dem Aufstieg des Osmanischen Reichs zur neuen Großmacht im östlichen Mittelmeer. Auch deshalb gilt der Fall von Konstantinopel als „Ende des Mittelalters“.

Die Belagerung von Konstantinopel aus einer zeitgenössischen französischen Miniatur von Jean Chartier. (Abbildung: Bibliothèque nationale de France Manuscript Français 2691 folio CCXLVI v, via Wikimedia Commons)
Die Belagerung von Konstantinopel aus einer zeitgenössischen französischen Miniatur von Jean Chartier. (Abbildung: Bibliothèque nationale de France Manuscript Français 2691 folio CCXLVI v, via Wikimedia Commons)

Zwei Reiche mit völlig verschiedenen Ausgangslagen

Die Unterschiede zwischen byzantinischem Reich und osmanischen Reich hätten am Vorabend der Eroberung von Konstantinopel nicht größer sein können.

Die Geschichte von Byzanz war seit dem Ende des 11. Jahrhunderts vom schleichenden Niedergang geprägt. Seit der Eroberung durch die Kreuzritter im Jahr 1204 war das Reich auf die unmittelbare Umgebung der Stadt Konstantinopel geschrumpft. Im 14. Jahrhundert zermürbten Bürgerkrieg und Pest die Menschen. Konstantinopel war damals „trotz seiner glänzenden Gelehrtenwelt gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts eine von Schwermut erfüllte, sterbende Stadt“, so der Historiker Steven Runciman.

Ganz anders das Osmanische Reich: Erst 1299 gegründet, erlebte es im 14. Jahrhundert eine schnelle und anhaltende Expansion – bald ist Byzanz komplett von der osmanischen Herrschaft umkreist. Bereits 1422 wagt Sultan Murad II. einen ersten erfolglosen Angriff auf die mächtigen Mauern von Byzanz.

Konstantinopel im Zangengriff des Osmanischen Reiches (Abbildung: Wikimedia Commons, Lokiseinchef)
Konstantinopel im Zangengriff des Osmanischen Reiches (Abbildung: Wikimedia Commons, Lokiseinchef)

Denn Konstantinopel hatte eine große strategische Bedeutung in der Region: Die Stadt lag am Scharnier zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil des Osmanischen Reichs und war eine sichere Basis für die wirtschaftlichen und militärischen Operationen der italienischen Stadtstaaten Genua und Venedig. Von hier aus agierten die Italiener im östlichen Mittelmeer und im Schwarzen Meer. Zugleich versprach Konstantinopel als wichtiger Handelsplatz die Aussicht auf reiche Beute.

Ein Sturm braut sich zusammen: Vorbereitungen zur Belagerung

Kaum verwunderlich also, dass die Osmanen unter ihrem neuen Sultan Mehmet II. schon wenige Jahre später einen neuen Anlauf zur Eroberung der Stadt vorbereiteten.

Dabei setzte Mehmet auf modernste Kriegstechnik: Ein Christ namens Urban fertigte für den Sultan insgesamt 69 Kanonen von zum Teil gigantischer Größe. Das größte von ihnen, das sogenannte „Konstantinopel-Geschütz“, hatte eine Rohrlänge von acht Metern und einen Durchmesser von 75 Zentimeter. Dieses Geschütz konnte Kugeln mit einem Gewicht von bis zu 600 Kilogramm abfeuern! Dieses von 60 Ochsen und 200 Männern nach Konstantinopel geschleppte Geschütz sollte die Mauern der Stadt sturmreif schießen.

In der Stadt ahnte man, was sich zusammenbraute und schickte Hilferufe in den Westen. Doch die Reaktionen waren ernüchternd: Kaiser Friedrich III. hatte kein Geld, in England leckten sie nach dem gerade erst beendeten Hundertjährigen Krieg noch ihre Wunden, der französische König musste sich gegen die Bedrohung durch Herzog Philipp den Guten von Burgund wehren.

Auch aus Italien kamen keine guten Nachrichten: Papst Nikolaus V. hatte ebenfalls kein Geld, wollte sich aber zumindest mit Venedig absprechen, um Unterstützung zu schicken. Doch die Venezianer verzettelten sich lieber in einen diplomatischen Kleinkrieg mit dem Papst um ausstehende Schulden für einige Schiffe, die vom vorherigen Papst Eugen IV. vor 10 Jahren angemietet worden waren.

Ein wenig Unterstützung aus dem Westen kam aber doch nach Konstantinopel: Der Kriegsmann Giovanni Giustiniani Longo aus Genua finanzierte aus eigenen Mitteln eine Truppe aus 700 bewaffneten Soldaten. Aus Kastilien kam der Edelmann Don Francisco de Toledo, der steif und fest behauptete, er stamme selbst vom Kaiserhaus der Komnenen ab und der den Kaiser deshalb auch seinen „Vetter“ nannte. Auch die Venezianer und Genuesen, die in der Stadt lebten oder hier gerade auf der Durchreise waren, sicherten ihre Unterstützung zu.

Neben den 6.000 griechischen Soldaten waren damit etwa 3.000 zusätzliche waffenfähige Ausländer in der Stadt. Ihnen gegenüber stand ein osmanisches Heer von etwa 80.000 Mann.

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Karte_Eroberung_Konstantinopel_1453.png
Die Osmanen belagerten Konstantinopel zu Land und zu Wasser (Abbildung: Wikimedia Commons, Lokiseinchef)

Die Belagerung von Konstantinopel

Im Frühjahr 1453 versammelte sich das osmanische Heer vor den Mauern der Stadt, auf dem Marmarameer kreuzte die osmanische Flotte und aus Adrianopel rollten die frisch gegossenen Kanone des Urban heran. Am 5. April 1453 erschien dann auch Sultan Mehmet II. höchstpersönlich im Heerlager. Die Belagerung der Stadt begann.

Sogleich begannen die Osmanen damit, die mächtigen Befestigungen der Stadt zu beschießen. Untergrabungen sollten das Mauerwerk zusätzlich schwächen. Es begann ein wochenlanger Wettlauf: Tagsüber bombardierten die Osmanen die Mauern, in der Nacht reparieren die Byzantiner sie wieder notdürftig.

Auch zu Wasser wurde erbittert gekämpft: Die Byzantiner hatten den Hafen mit einer großen Eisenkette gesperrt. Immer wieder versuchten die Osmanen, die Sperre zu durchbrechen, doch trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit konnten sie die geschickter navigierenden byzantinischen und italienischen Schiffe nicht versenken.

Am 18. April wagten die Osmanen kurz nach Einbruch der Dunkelheit einen ersten Sturmangriff auf die Befestigung, den sie jedoch erfolglos abbrechen mussten. Auch auf See mussten sie zeitgleich einen Rückschlag hinnehmen: Ein Versorgungstransport aus 3 genuesischen Galeeren, die der Papst geschickt hatte, und einem kaiserlichen Lastschiff konnte heldenhaft die türkische Seeblockade durchbrechen. Den ganzen Tag über verfolgten die Bewohner Konstantinopels das Seegefecht und schöpften neue Hoffnung aus dem Erfolg.

Die Osmanen ihrerseits ließen nichts unversucht, um die Kontrolle über das Meer zu erlangen: In einem ebenso waghalsigen wie genialen Manöver transportierten sie einige Schiffe auf dem Landweg (!) um die Hafensperre herum ins Goldene Horn. Der Anblick der feindlichen Schiffe in diesen Gewässern hatte eine große psychologische Bedeutung: 1204 waren die Kreuzfahrer über die Hafenmauer am Goldenen Horn in die Stadt eingedrungen!

Die Eroberung der Stadt Der Griff der Osmanen um die Stadt wurde immer enger. Um 1:30 Uhr nachts am 28. Mai 1453 gab Sultan Mehmet II. schließlich den Befehl zum Sturmangriff. Sofort stürmten Truppen auf der gesamten Länge der Stadtmauern vor und versuchten, sich mit Haken und Leitern Zugang zu den Befestigungswerken zu verschaffen. Die byzantinischen Verteidiger waren zwar besser bewaffnet und besaßen stärkere Rüstungen, sahen sich aber einer krassen Übermacht gegenüber. Immer weitere Angriffswellen rollten auf die Stadtmauern zu. Jetzt griffen auch die besser bewaffneten anatolischen Türken und die Elitetruppen der Janitschare an. Schließlich gelang der Durchbruch: Eine kleine Ausfallpforte in der Mauer war von den Byzantinern für einen Ausfall genutzt worden und unvorsichtigerweise danach nicht mehr verschlossen worden. Hier drangen die Türken nun erstmals in die Stadt ein. Das löste eine Kettenreaktion aus: Die Verteidigung brach zusammen, byzantinische und italienische Soldaten flohen – entweder zu ihren Familien oder in den Hafen zu ihren Schiffen. Der byzantinische Kaiser war nur eines der vielen Todesopfer der plündernden Osmanen. Der Fall von Konstantinopel und die Folgen Mit der Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen änderten sich die Kräfteverhältnisse in der Region entscheidend: Die Osmanen konnten ihre Herrschaft an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien festigen und machten die Stadt unter dem Namen Istanbul zur neuen Hauptstadt ihres Reiches. Für die italienischen Stadtstaaten bedeutete das zunächst den Zusammenbruch ihrer Handelsaktivitäten in der Region. Der Zugang Westeuropas zu den Luxusgütern des Ostens wie Gewürze und Seide war damit massiv bedroht. Doch natürlich wollte sich das Osmanische Reich die lukrativen Geschäfte mit dem christlichen Abendland nicht entgehen lassen: Schon bald nach dem Fall von Konstantinopel begannen die Venezianer bereits mit Verhandlungen, um ihre alten Handelsprivilegien in der Region zurückzuerhalten. Gleichzeitig intensivierten europäische Seefahrer auch ihre Suche nach alternativen Handelsrouten. Vor allem Portugal und Kastilien sahen ihre Chance gekommen, die italienischen und asiatischen Zwischenhändler zu umgehen, indem sie den Handel auf alternative Routen lenkten. Die Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama im Jahr 1498 war eine wichtige Etappe der beginnenden europäischen Expansion. Bereits seit Beginn des 15. Jahrhunderts flohen griechische Gelehrte vor den unsicheren Lebensbedingungen im Osten nach Italien. Mit der Eroberung von Konstantinopel verstärkte sich der Exodus nach Westen nochmals. Die Griechen hatten bisher im Westen unbekannte antike und arabische Schriften im Gepäck, auf die sich die italienischen Humanisten gierig stürzten. Diese Texte waren ein mächtiger Katalysator für den Durchbruch der Renaissance. Schlechte Nachrichten reisen schnell: Die Kunde vom Fall der Stadt verbreitet sich In Europa traf die Nachricht von der Eroberung Konstantinopels am 29. Juni 1453 in Venedig ein – zwei Monate nachdem die Osmanen die Mauern durchbrochen hatten. Am 8. Juli 1453 erfuhr auch der Papst vom Fall der Stadt. Die Menschen in Europa waren entsetzt und fassungslos. Natürlich, an den wichtigsten Höfen hatte man gewusst, dass Konstantinopel belagert wird – doch mit der Möglichkeit einer Eroberung der Stadt hatte eigentlich niemand gerechnet. Schnell verbreiteten sich Erzählungen von – tatsächlichen oder imaginierten – Grausamkeiten. So berichtet Enea Silvio Piccolomini in seiner Türkenrede auf dem Frankfurter Reichstag, dass edle Männer wie Tiere abgeschlachtet und heilige Jungfrauen geschändet worden sein. In der verwüsteten Stadt hausten jetzt die Türken, die – so Piccolomini – das Fleisch von Pferden und Geiern essen und sich wilden Ausschweifungen hingeben würden. Mathieu d’Escouchy berichtet folgendes Geschehen aus der Nacht der Eroberung: Mehmet II. will als Beute die Kaisertochter in sein Bett zwingen und sie auch gleich noch zum Islam bekehren – doch die Kaisertochter bleibt standhaft. Also lässt Mehmet sie in die Hagia Sophia bringen, reißt ihr die Kleider vom Körper und lässt sie auf der Mutter-Gottes-Statue köpfen. Bei solchen Berichten aus der sicheren Entfernung Europas gilt es vorsichtig zu sein. Denn viele Humanisten und Geistliche nutzten die Eroberung nur als politisches Argument, um ihre eigenen Positionen und Forderungen durchzusetzen. Deshalb stellten sie die Türken zum Beispiel als Geißel Gottes dar, die Eroberung als gerechte Bestrafung der Griechen, die sich mit ihrem orthodoxen Glauben vom Papst abgewandt hatten. So mancher humanistische Denker erging sich bei der Beschreibung der Geschehnisse auch in literarischen und rhetorischen Übungen und ergötzte sich daran, die Eroberung in möglichst grellen und grausamen Bildern zu schildern. Entscheidend ist also, jede Quelle für sich kritisch zu betrachten, denn für die meisten Berichte gilt, dass „Identisches […] vielleicht wirklich so geschehen [ist], kann aber auch zur stereotypischen Türkentopik gehören, wie die auf Altären geschändeten Jungfrauen“ (Erich Meuthen). In Europa wurden schnell Stimmen laut, die nach einer kriegerischen Antwort verlangten. Verschiedene Päpste riefen wiederholt zum Kreuzzug gegen die Türken auf. Auf mehreren sogenannten „Türkenreichstagen“ schwor Eneas Silvio Piccolomini die Fürsten des Reiches in Regensburg, Frankfurt und der Wiener Neustadt in den Jahren 1454 und 1455 auf den gemeinsamen Kampf gegen die Türken ein. Herum kam dabei freilich nichts. Denn: Die Päpste sahen sich bald dem Vorwurf ausgesetzt, die beschworene Bedrohung durch die Türken vor allem als Vorwand zu nutzen, um mal wieder an Geld zu kommen um so ihr Luxusleben im Vatikan zu finanzieren. Diese neuen Diskussionen um die „Türkengefahr“ sollten die europäischen Politik in den nächsten Jahrhunderten entscheidend mitbestimmen – es war der Beginn einer neuen Ära.
Die 21 Kilometer langen, dreifachen Mauern von Konstantinopel galten als die Mächtigsten ihrer Zeit. (Abbildung: Wikimedia Commons, Bigdaddy1204)

Die Eroberung der Stadt

Der Griff der Osmanen um die Stadt wurde immer enger. Um 1:30 Uhr nachts am 28. Mai 1453 gab Sultan Mehmet II. schließlich den Befehl zum Sturmangriff. Sofort stürmten Truppen auf der gesamten Länge der Stadtmauern vor und versuchten, sich mit Haken und Leitern Zugang zu den Befestigungswerken zu verschaffen. Die byzantinischen Verteidiger waren zwar besser bewaffnet und besaßen stärkere Rüstungen, sahen sich aber einer krassen Übermacht gegenüber.

Immer weitere Angriffswellen rollten auf die Stadtmauern zu. Jetzt griffen auch die besser bewaffneten anatolischen Türken und die Elitetruppen der Janitschare an. Schließlich gelang der Durchbruch: Eine kleine Ausfallpforte in der Mauer war von den Byzantinern für einen Ausfall genutzt worden und unvorsichtigerweise danach nicht mehr verschlossen worden. Hier drangen die Türken nun erstmals in die Stadt ein.

Das löste eine Kettenreaktion aus: Die Verteidigung brach zusammen, byzantinische und italienische Soldaten flohen – entweder zu ihren Familien oder in den Hafen zu ihren Schiffen. Der byzantinische Kaiser war nur eines der vielen Todesopfer der plündernden Osmanen.

Der Fall von Konstantinopel und die Folgen

Mit der Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen änderten sich die Kräfteverhältnisse in der Region entscheidend: Die Osmanen konnten ihre Herrschaft an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien festigen und machten die Stadt unter dem Namen Istanbul zur neuen Hauptstadt ihres Reiches.

Für die italienischen Stadtstaaten bedeutete das zunächst den Zusammenbruch ihrer Handelsaktivitäten in der Region. Der Zugang Westeuropas zu den Luxusgütern des Ostens wie Gewürze und Seide war damit massiv bedroht. Doch natürlich wollte sich das Osmanische Reich die lukrativen Geschäfte mit dem christlichen Abendland nicht entgehen lassen: Schon bald nach dem Fall von Konstantinopel begannen die Venezianer bereits mit Verhandlungen, um ihre alten Handelsprivilegien in der Region zurückzuerhalten.

Gleichzeitig intensivierten europäische Seefahrer auch ihre Suche nach alternativen Handelsrouten. Vor allem Portugal und Kastilien sahen ihre Chance gekommen, die italienischen und asiatischen Zwischenhändler zu umgehen, indem sie den Handel auf alternative Routen lenkten. Die Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama im Jahr 1498 war eine wichtige Etappe der beginnenden europäischen Expansion.

Bereits seit Beginn des 15. Jahrhunderts flohen griechische Gelehrte vor den unsicheren Lebensbedingungen im Osten nach Italien. Mit der Eroberung von Konstantinopel verstärkte sich der Exodus nach Westen nochmals. Die Griechen hatten bisher im Westen unbekannte antike und arabische Schriften im Gepäck, auf die sich die italienischen Humanisten gierig stürzten. Diese Texte waren ein mächtiger Katalysator für den Durchbruch der Renaissance.

Schlechte Nachrichten reisen schnell: Die Kunde vom Fall der Stadt verbreitet sich

In Europa traf die Nachricht von der Eroberung Konstantinopels am 29. Juni 1453 in Venedig ein – zwei Monate nachdem die Osmanen die Mauern durchbrochen hatten. Am 8. Juli 1453 erfuhr auch der Papst vom Fall der Stadt. Die Menschen in Europa waren entsetzt und fassungslos.

Natürlich, an den wichtigsten Höfen hatte man gewusst, dass Konstantinopel belagert wird – doch mit der Möglichkeit einer Eroberung der Stadt hatte eigentlich niemand gerechnet. Schnell verbreiteten sich Erzählungen von – tatsächlichen oder imaginierten – Grausamkeiten. So berichtet Enea Silvio Piccolomini in seiner Türkenrede auf dem Frankfurter Reichstag, dass edle Männer wie Tiere abgeschlachtet und heilige Jungfrauen geschändet worden sein. In der verwüsteten Stadt hausten jetzt die Türken, die – so Piccolomini – das Fleisch von Pferden und Geiern essen und sich wilden Ausschweifungen hingeben würden.

Mathieu d’Escouchy berichtet folgendes Geschehen aus der Nacht der Eroberung: Mehmet II. will als Beute die Kaisertochter in sein Bett zwingen und sie auch gleich noch zum Islam bekehren – doch die Kaisertochter bleibt standhaft. Also lässt Mehmet sie in die Hagia Sophia bringen, reißt ihr die Kleider vom Körper und lässt sie auf der Mutter-Gottes-Statue köpfen.

Bei solchen Berichten aus der sicheren Entfernung Europas gilt es vorsichtig zu sein. Denn viele Humanisten und Geistliche nutzten die Eroberung nur als politisches Argument, um ihre eigenen Positionen und Forderungen durchzusetzen. Deshalb stellten sie die Türken zum Beispiel als Geißel Gottes dar, die Eroberung als gerechte Bestrafung der Griechen, die sich mit ihrem orthodoxen Glauben vom Papst abgewandt hatten.

So mancher humanistische Denker erging sich bei der Beschreibung der Geschehnisse auch in literarischen und rhetorischen Übungen und ergötzte sich daran, die Eroberung in möglichst grellen und grausamen Bildern zu schildern. Entscheidend ist also, jede Quelle für sich kritisch zu betrachten, denn für die meisten Berichte gilt, dass „Identisches […] vielleicht wirklich so geschehen [ist], kann aber auch zur stereotypischen Türkentopik gehören, wie die auf Altären geschändeten Jungfrauen“ (Erich Meuthen).

In Europa wurden schnell Stimmen laut, die nach einer kriegerischen Antwort verlangten. Verschiedene Päpste riefen wiederholt zum Kreuzzug gegen die Türken auf. Auf mehreren sogenannten „Türkenreichstagen“ schwor Eneas Silvio Piccolomini die Fürsten des Reiches in Regensburg, Frankfurt und der Wiener Neustadt in den Jahren 1454 und 1455 auf den gemeinsamen Kampf gegen die Türken ein. Herum kam dabei freilich nichts.

Denn: Die Päpste sahen sich bald dem Vorwurf ausgesetzt, die beschworene Bedrohung durch die Türken vor allem als Vorwand zu nutzen, um mal wieder an Geld zu kommen um so ihr Luxusleben im Vatikan zu finanzieren. Diese neuen Diskussionen um die „Türkengefahr“ sollten die europäischen Politik in den nächsten Jahrhunderten entscheidend mitbestimmen – es war der Beginn einer neuen Ära.

Dieser Artikel stammt von Gastautor Max Emanuel Frick. Max Emanuel hat Geschichte und Germanistik in München und Leeds studiert. Seine große Leidenschaft: Das Hochmittelalter und allen Formen der symbolischen Kommunikation. Darüber und über alle anderen Themen rund ums Mittelalter bloggt er auf Curiositas.

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Steven Runciman: Die Eroberung von Konstantinopel 1453


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s