Krankheiten und Heilmethoden bei den brasilianischen Ureinwohnern – Beschreibung medizinischer Erfahrungen im Rahmen der Österreichischen Brasilien-Expedition 1817 – 1820

Die Österreichische Brasilien-Expedition

Europa Anfang des 19. Jahrhunderts: Die aufstrebende Wissenschaft bringt große Entdecker und Abenteurer hervor, neue Regionen in fernen Ländern werden erkundet. Landschaften, Menschen, Flora und Fauna werden vermessen, gezeichnet, kategorisiert und katalogisiert. Naturforscher Alexander von Humboldt wird nach der Rückkehr von seiner Amerikanischen Forschungsreise  (1799-1804) sogar als „Wiederentdecker Amerikas“ bezeichnet. Auch im Königreich Bayern gibt es Wissenschaftler mit Entdeckungsdrang: Der Zoologe Johann Baptist Spix und der junge Botaniker Carl Friedrich Philipp Martius werden von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften für eine Expeditionsreise ins ferne Brasilien ausgewählt. Die ursprünglich geplante Reise kann aus Kostengründen nicht durchgeführt werden, doch schon wenige Monate später sollten Spix und Martius dennoch die Möglichkeit erhalten, nach Südamerika aufzubrechen. König Maximilian I. Josefs Einsatz sowie einigen glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass die beiden jungen Forscher sich der Österreichischen Brasilien-Expedition, nach dem teilnehmenden Zoologen Johann Baptist Natterer auch „Natterer-Expedition“ genannt, anschließen konnten.

Johann Natterer, zeitgenössische Lithographie
Johann Natterer, zeitgenössische Lithographie

Obschon Spix und Martius beide auch Medizin studiert hatten, war die Untersuchung von Krankheitsbildern der Ureinwohner nicht das ausgemachte Ziel der Forschungsreise. Nicht nur im Reisebericht „Reise in Brasilien von 1817 – 1820“, sondern insbesondere in Martius’ 1844 publizierten Werk „Das Naturell, die Krankheiten, das Arztthum und die Heilmittel der Ureinwohner Brasiliens“ findet sich jedoch eine Vielzahl an Abhandlungen über medizinische Themen und so liegt es nahe, die in Brasilien angestellten medizinischen Untersuchungen der beiden Forscher in den Fokus zu rücken.

Voraussetzungen und Reiseverlauf

Während die bayerische Forschungsreise aufgrund unerwartet hoher Kosten nicht stattfinden konnte, war es im benachbarten Österreich eine geplante Vermählung, die eine ebensolche Expedition ermöglichen respektive vorantreiben sollte. Die anlässlich der Hochzeit von Erzherzogin Leopoldine aus dem Hause Habsburg und Peter I. aus dem portugiesischen Adelshaus Braganza geplante Reise war anfangs weder in Bezug auf die Dauer, noch hinsichtlich der Kosten limitiert. Unter der Leitung des Botanikers Johann Christian Mikan sollten nicht nur die bayerischen Wissenschaftler Spix und Martius, sondern auch weitere Forscher an der Erkundungsreise teilnehmen: Johann Natterer, Zoologe, Johann Emanuel Pohl, Arzt und Botaniker, Heinrich Wilhelm Schott, kaiserlicher Gärtner, Dominik Sochor, kaiserlicher Jäger sowie die beiden Maler Thomas Ender und Johannes Buchberger. Auf Wunsch der späteren Kaiserin von Brasilien, Leopoldine, wurden auch der Mineraloge Rochus Schüch sowie der Tiermaler G. K. Frick Teil der Expeditionsgruppe.

Johann Baptist Spix und Carl Friedrich Philipp Martius erhielten am 28. Januar 1817 die Aufforderung, über Wien nach Triest im damaligen Königreich Illyrien zu reisen. Zeitgleich wurde der Akademie der Wissenschaften befohlen, „[Spix und Martius] mit gelehrten Aufträgen, sowohl in Beziehung auf unsere speciellen Hauptfächer, als überhaupt auf Alles, was in den Kreis unserer Beobachtungen und Forschungen fallen dürfte, zu versehen und diejenigen Instrumente mitzutheilen, von deren Anwendung während der Reise sich vorzüglich interessante Resultate für die Wissenschaften erwarten liessen.“

Am 10. April 1817 stieß die Fregatte „Austria“ von Triest aus in See. Entlang der dalmatischen und italienischen Küste fuhr das Schiff nach Malta, wo wegen starker Winde ein Zwischenstopp eingelegt werden musste. Der Entdeckungsdrang beider Forscher zeigt sich nicht nur in der Tatsache, dass sie – wie selbstverständlich – die Insel Malta erkundeten, sondern auch darin, wie sie nach erneutem in See stechen ein ungewöhnliches Phänomen beobachteten und zu erklären versuchten. Die „Phosphorescenz“ des Meeres wird im Reisebericht mit überschwänglicher Faszination beschrieben: „[…] aber jetzt schien das bei Nacht das Schiff in sprudelndem Feuer zu schwimmen […]. Der Anblick dieser majestätisch-zauberischen, nächtlichen Erscheinung reisst jeden Zuschauer zur Bewunderung hin […].

Aufbruch der beiden an der Expedition teilnehmenden Fregatten 'Austria' und 'Augusta', Stich von Giovanni Passi
Die  Fregatten ‚Austria‘ und ‚Augusta‘, Stich von Giovanni Passi

Am 12. Mai ankerte die „Austria“ im Hafen von Gibraltar. Hier wurden erste anthropologische Beobachtungen notiert, so findet sich eine Klassifizierung von Marokkanern und Nordafrikanern. Obschon die Fregatte Europa nicht verlassen hatte, sahen sich die Entdecker schon mit gefährlichen Erkrankungen konfrontiert, die Eingang in die Notizen fanden: „Unter die gefährlichsten Krankheiten […], gehört auch das gelbe Fieber. Kurz, ehe wir hier ankamen, wurde eine Menge Menschen als Opfer dieser Krankheit dahingerafft.“

Anfang Juni verließ das Schiff des Expeditionsteams die Meerenge von Gibraltar. Das Team war vom Gedanken bewegt, auf den dritten Weltteil zuzusteuern. Nach einem Aufenthalt auf Madeira stießen die Schiffe der Natterer-Expedition erneut in See und nahmen Kurs auf Rio de Janeiro. Am 15. Juli ließen sich die Forscher dort an Land bringen, knapp zweieinhalb Monate nach der Abfahrt aus Triest.

Bereits zu Beginn des Brasilienaufenthalts wurde im Reisebericht vermerkt, mit welchen Krankheitsbildern die beiden sich konfrontiert sahen: „chronische Diarrhöen, Wassersucht, intermittirende Fieber, Syphilis, Hydrocele; doch ist vielleicht von allen diesen nur die letzte als endemisch und der Stadt eigenthümlich anzusehen. Die hiesigen Aerzte leiten diese Krankheit vorzugsweise von dem Genusse des Wassers her; […].“

Schon in Rio wussten die bayerischen Wissenschaftler also von „typischen“ Krankheiten zu berichten und notierten nicht nur die Ansicht dortiger (nicht-indigener) Mediziner hinsichtlich Krankheitsentstehung und Behandlung, sondern auch ihre eigenen Vermutungen (so wird die Ursache der oben zitierten Erkrankungen nicht auf verdorbenes Wasser zurückgeführt, sondern auf ungewohnt tropisches Klima und zu häufigen Geschlechtsverkehr).

In Rio trennten sich Spix und Martius von der österreichischen Gruppe, um fortan auf eigene Faust durch Brasilien zu reisen. Die weitere Reiseroute der beiden Entdecker kann im Folgenden nur grob skizziert werden: Von Rio de Janeiro ging es in die direkte Umgegend, dann nach São Paulo, nach Ypanema, Belo Horizonte, Diamantina, Januaria, Ilhéus, Salvador, Juazeori, Oeiras, Caxias, São Luis und Pará.

Von Pará aus brachen sie im August 1819 in einem Canoa, einem brasilianischen Kanu, auf und erkundeten den Amazonas flussaufwärts. In Nogueira, dem heutigen Tefé, trennten sich die Wege der beiden schließlich. Johann Baptist Spix reiste entlang des Rio Solimões nach Westen, Carl Friedrich Philipp Martius folgte dem etwas weiter nördlich verlaufenden Rio Japurá ebenfalls in westlicher Richtung. Am 16. April 1820 trafen die beiden getrennten Gruppen wieder in Belém ein, von wo sie knapp zwei Monate später mit der „Nova Amazonia“ und etlichem gesammelten Material nach Europa aufbrachen. An Bord waren unter anderem 85 Säugetierarten, 350 Vögel, 130 Amphibien, 6500 Pflanzenarten, völkerkundliche Gegenstände sowie die beiden jungen Indigenen Juri und Miranha.

Route der bayerischen Expeditionsteilnehmer
Route der bayerischen Expeditionsteilnehmer

„Das Naturell, die Krankheiten, das Arztthum und die Heilmittel der Ureinwohner Brasiliens“

Über 20 Jahre nach der Rückkehr aus Brasilien veröffentlichte Carl Friedrich Philipp von Martius sein Werk „Das Naturell, die Krankheiten, das Arztthum und die Heilmittel der Ureinwohner Brasiliens“. Im 1844 publizierten Werk geht der Autor dem Titel entsprechend zunächst auf das „Naturell“ der Ureinwohner ein und meint damit vor allem seine anthropologische Betrachtungen hinsichtlich Charakter, Verhalten und Sprache sowie Morphologie und Anatomie. Aus heutiger Sicht sind die Beobachtungen von Martius’ von Vorurteilen geprägt, so schreibt er über den Indigenen: „Seine Sinne sind nur Diener im Kampfe mit der Natur, […]“. Auch die Verwendung von – abermals aus heutiger Sicht – herabwürdigender Begriffe wie „Wilde“ oder „Neger“ zeugt vom Zeitgeist. Der wissenschaftlichen Betrachtung tut dies jedoch meist keinen Abbruch, zumal das Hauptaugenmerk der vorliegenden Arbeit auf den beschriebenen Krankheiten liegt. Weiters erwähnt von Martius nach der Beschreibung von Krankheitsbildern auch verwendete Heilmittel, vor allem solche aus dem Tier- und Pflanzenreich, derer sich die Heiler („Pajé“ genannt) bedienen, denn: „Ihre Apotheke ist der Wald“.

Beschreibung ausgewählter Krankheiten

Nicht nur im hier untersuchten Werk, das sich explizit um Krankheiten dreht, sondern auch in allen drei Teilen der allgemeinen Reiseberichte „Reise in Brasilien in den Jahren 1817 – 1820“ finden sich, vor allem in den Reiseberichten teils unstrukturiert und mitten im Text, Hinweise auf etliche Erkrankungen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird im Folgenden darauf verzichtet, auf jede Nennung von Krankheiten einzugehen. Stattdessen werden einige Krankheitsbilder herausgestellt und in eigenen Kapiteln kurz skizziert.

Krankheiten der Sinnesorgane

Die eingangs erwähnte Vorsicht hinsichtlich der Vorurteile, die zur Zeit der Forscher Spix und Martius existiert haben, ist auch bei der Untersuchung der Abhandlung über „Krankheiten der Sinnesorgane“ geboten, so findet sich dort folgender Hinweis auf die voreingenommene Betrachtung des Autors: „Aus dem, was ich oben von der Sinnlichkeit des Americaners angeführt habe […] lässt sich schon a priori der Schluss ziehen, dass er nur wenigen Krankheiten der Sinnesorgane unterworfen sey, […].“ Die Augen der Ureinwohner – nach von Martius meist schwarz oder braun und selten dunkelblau gefärbt – seien nicht anfällig für Krankheiten wie den Star, jedoch aufgrund möglicher Traumata (beispielsweise durch Astwerk) und Rauch in den Hütten gefährdet. Die häufigste Augenerkrankung sei jedoch Arcus Senilis, eine Verdickung der Cornea.

Interessant ist auch der Vergleich zur europäischen Zivilisation: Martius glaubt, dass die Augen der Ureinwohner auch deshalb stark und gesund seien, weil diese – im Vergleich zu den Europäern – weder lesen, noch Brillen oder Operngucker benutzen würden. Häufiger betroffen waren die Ureinwohner Brasiliens jedoch von Erkrankungen des Gehörgangs. Carl Friedrich Philipp von Martius erklärt dies vor allem mit den Umweltbedingungen, denen sich die Ureinwohner ausgesetzt sahen: „Er [der Indianer] trägt oft keine Kopfbedeckung, sehr selten einen Hut, und gestattet dadurch der heissen Sonne eine meistens schädliche Einwirkung auf das äussere Ohr, […].“ Die Folge waren rheumatische und katarrhalische Ohrenentzündungen und chronische Ohrenflüsse. Auch mit Parasiten im Gehörgang hatten die Eingeborenen zu kämpfen, von Martius nennt hier exemplarisch den Sandfloh.

Johann Baptist von Spix
Johann Baptist von Spix

Knochenkrankheiten

Von Martius geht in seiner Betrachtung zu Knochenkrankheiten zunächst auf Entwicklung und die vermeintlich höhere Stabilität der Knochen von Indianern ein: „Es ist bekannt, dass, sowie Herodot behauptete, die Schädelknochen der Neger seyen härter, als die der Weissen, Gleiches auch den Americanern von den spanischen Schriftstellern ist nachgesagt worden.“ Einem kurzen Einschub über Zahngesundheit folgt die Erklärung über die wenigen Knochenkrankheiten, die von Martius auf der Reise beobachten konnte. So berichtet er von Exostosen (also Zubildungen von Knochensubstanz, umgangssprachlich auch als „Überbein“ bezeichnet) am Wadenbein. Die Tatsache, dass ihm keine Ureinwohner mit ärgeren Verunstaltungen begegnet sind, erklärt der Forscher damit, dass Neugeborene mit einer Verunstaltung des Knochengerüstes wohl „sogleich nach der Geburt umgebracht werden.“ Direkte Belege für diese These lassen sich im Buch nicht finden.

Magen- und Darmerkrankungen

Den Beobachtungen von Martius zufolge waren die Ureinwohner Brasiliens häufig von Magen- und Darmbeschwerden betroffen. Er berichtet von „Engasco“, einer Verdauungsstörung, die sich unter anderem in Völlegefühl und häufigem Aufstoßen äußerte. Die Ursache sieht er vor allem in „rohe[r], ungare[r], im Uebermaass genossene[n] Nahrung“ und einer weiteren beobachteten, ungewöhnlichen Ernährungsform: So sollen die Indigenen, die bei Brasilianern als Arbeiter „gehalten“ wurden, als Folge von Heimweh Erde, Flussletten, den Kalk der Wände oder Holz gegessen haben. Das Verzehren von Erde, von Martius als „Erdefressen“ bezeichnet, scheint eine regelrechte Sucht gewesen zu sein.
Eine weitere chronische Verdauungskrankheit, die als „Spinela“ bezeichnet wird, führt der Autor auf eine „Einwärtsbiegung des Schwerdtknorpels“ zurück. Von Gesprächen mit Dr. Paiva aus Bahia, der Leichen von Kranken seziert hatte, berichtet von Martius: „Dr. Paiva sagte mir, dass man bei Leichen […] grosse Varicositäten der Kranzadern des Magens wahrnehme; […].Nach Mahlzeiten oder heftiger Körperbewegung würden die Betroffenen unter starken Schmerzen leiden, nach Jahren des Leidens würde die Krankheit in Wassersucht und Zehrfieber enden.

Im selben Kapitel geht Martius auch auf die Folgen von Vernachlässigung ein und berichtet nicht nur von Kindern, die durch den Verlust der Mutter elend aufwachsen, sondern auch von zwangsfastenden Jungfrauen nach Eintritt der Regelblutung. Durch die Isolierung und Mangelernährung mit Fisch und Wasser wurde der Körper ausgezehrt, von der Entkräftung erholten sich die jungen Frauen nur langsam.

Carl Friedrich Philipp von Martius
Carl Friedrich Philipp von Martius

Die Blattern

Äußerst interessant sind die Ausführungen des Autors hinsichtlich der Blattern (heute als Pocken bezeichnet). Die Bedeutung der eingeschleppten Krankheit für die Ureinwohner Brasiliens lässt sich schon an der Länge der Abhandlung erkennen – während andere Krankheitsbilder lediglich mit wenigen Sätzen thematisiert werden, behandelt von Martius die Blattern auf annähernd sechs Seiten. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts formuliert er klar, wie die tödliche Krankheit nach Südamerika gebracht wurde: „Leider muss es gesagt werden, dass die europäischen Einwanderer in manchen Gegenden, […] mit teuflischer Hinterlist dazu beigetragen haben, um die Seuche unter die Wilden zu bringen und durch sie eine harmlose Bevölkerung dem grausamsten Tode zu weihen. […] da haben einzelne Colonisten Hemden und andere, mit Blattern vergiftete Kleidungsstücke in die Wälder gehängt und die Fabel des Nessus zur schrecklichen Wirklichkeit gemacht.“ Er wusste, dass das Immunsystem der Ureinwohner der eingeschleppten Erkrankung nicht viel entgegenzusetzen hatte und beschreibt den Krankheitsverlauf dramatisch: „[…] dass seine ganze Körperoberfläche einem einzigen, brandigen Geschwür gleicht.“ Altersgrenzen existierten nicht, besonders gefährdet wähnt von Martius jedoch ältere Menschen und Schwangere. Es folgen Erzählungen über Indigene, die aus purer Angst fliehen, sobald auch nur der leiseste Verdacht auf eine Blatternerkrankung in ihrer Nähe besteht. Weiters werden im Buch mehrere Blatternepidemien genannt, so 1819 in Pará mit 4000 Erkrankten und 36 bis 48 Todesopfern pro Woche. Aufgrund dieser Vorfälle zog der bayerische Wissenschaftler den Schluss, dass Gebiete mit geringerer Besiedelungsdichte weniger gefährdet seien. Brasilianische Ärzte nahmen damals an, dass höchstens ein Viertel aller Blatternkranker gerettet werden konnte.

Syphilis

Genau wie die zuvor erwähnten Blattern wurde auch die Syphilis nach Südamerika eingeschleppt. und verbreitete sich dort zu Beginn des 19. Jahrhunderts rasant. Als von Martius Werk „Das Naturell, die Krankheiten, das Arztthum und die Heilmittel der Ureinwohner Brasiliens“ publiziert wurde, existierte auch in der alten Welt noch kein Heilmittel für die tückische Syphilis, so kritisiert er die Verwendung von Quecksilber: „[…] die dem heftigen Feinde gegenüber rathlos nur wenige vegetabile Mittel zu Hülfe ruft, und dabei meistens mehr gewinnt, als durch die Behandlung europäischer Ärzte, welche dem Mercur immer noch ein zu weites Feld gestatten.“ Linderung soll unter anderem durch eine gallertartig verkochte Masse aus Schlange und Huhn erzielt werden. Eine wirksame Behandlung der Syphilis wurde erst mit der Entdeckung von Penicillin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ermöglicht.

Resultat über die Krankheiten der Ureinwohner und deren Verbreitung

Carl Friedrich Philipp von Martius fasst die Ergebnisse der Beobachtungen und anthropologischen Untersuchungen, die er im Rahmen der Österreichischen Brasilien-Expedition machen konnte, in nur sechs allgemeinen Annahmen zusammen. So geht er davon aus, dass die Ureinwohner Brasiliens an keiner spezifischen „Volkskrankheit“ litten, dass das Klima große Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hatte, und dass die Ureinwohner auch Krankheiten der Alten Welt kannten. Weiters führt er die von den Europäern eingeschleppten Blattern und die Syphilis als Krankheiten mit hoher Sterblichkeit an, bezeichnet die Ureinwohner jedoch insgesamt als sehr gesund, insofern sie nicht in Kontakt mit europäischer Zivilisation kommen. Die Möglichkeit zur Selbsthilfe gegen die „physischen Uebel“ spricht er ihnen jedoch ab. Diese Aussage steht in Gegensatz zu den Beobachtungen, die in der Abhandlung über das „Arztthum“ niedergeschrieben wurden, schließlich scheint von Martius beispielsweise von der Anwendung einiger pflanzlicher Heilmittel geradezu begeistert gewesen zu sein.

Tanz der 'Puri-Indianer', colorierte Lithographie
Tanz der ‚Puri-Indianer‘, colorierte Lithographie

Von Martius merkt an, dass die zuvor erwähnten Krankheiten nicht in allen Teilen des großen Landes ähnlich stark verbreitet waren. Dies erklärt er unter anderem mit dem Klima, welches in den verschiedenen Landesteilen unterschiedlich sei (so unterscheide sich das feuchte Gebiet des Amazonasdelta klimatisch deutlich von den trockenen Gegenden im Nordosten des Landes).

Der Pajé als Arzt und Heiler

Während in Europa spätestens seit dem Beginn der Aufklärung die medizinische Bildung an Universitäten erfolgte – die beiden Forscher Martius und Spix sind hierfür die besten Beispiele -, waren die „Ärzte“ in den indigenen Gesellschaften oft parallel auch mit weiteren Aufgaben betraut und genossen keine universitäre Bildung. Martius schreibt unter anderem davon, dass die als „Pajé“ bezeichneten Heiler ein hohes Ansehen genossen, oft Rat- und Gesetzgeber waren sowie als Priester und Verwalter des Heiligen, als Wahrsager und Zauberer tätig waren und vergleicht die brasilianischen Heiler mit asiatischen Schamanen.

In Ermangelung chemisch hergestellter Medikamente griffen die Heiler der Ureinwohner auf natürliche Mittel zurück. So ist das Krokodil ein Lieferant wichtiger Heilmittel: „Aus dem muschusähnlichriechenden Fette, welches das Crocodil in zwei Säcken unter dem Halse absondert, bereitet er ein wirksames Mittel gegen den Biss der Klapperschlange.“ Auch weiterer Teile des Krokodils bediente sich der Pajé: Das grüne Fett wurde gegen rheumatische Geschwülste verwendet und auf Wunden gestrichen, der getrocknete und gepulverte Krokodilmagen wurde gegen „Steinbeschwerden“ (namentlich Nieren- und Gallensteine) verwendet.

Die Beschreibungen des Naturforschers Martius wirken nicht selten wie Szenen aus Märchen und Gruselgeschichten: „Das gepulverte Fleisch einer gespiessten, am Feuer ausgedörrten schwarzen, höchst eckelhaften Kröte […] gilt als ein Vorbauungsmittel gegen Verhexung und wird  von kreissenden Weibern zur Erleichterung des Geburtsgeschäftes genommen.“

Neben Heilmitteln aus dem Tierreich bedienten sich die Heiler auch solcher aus dem Pflanzenreich. Martius zeigt sich von der Effektivität einiger dieser Heilmittel geradezu begeistert und schreibt, sie waren so „schnell und kräftig, dass sie an’s Wunderbare grenzten.“ Er wurde im Rahmen der Expedition selbst mehrfach Zeuge schneller Heilungsprozesse durch Pflanzen, so heilte das Fussgeschwür eines Sklaven in nur acht Tagen zu. Martius spricht den indigenen Heilern eine gewisse Beobachtungsgabe und einen großen Wissensfundus hinsichtlich Heilpflanzen zu, die Kommunikationsfreude diesbezüglich sei teils aber nicht immer hoch: „[…] denn das Misstrauen und die Feindschaft gegen diese Eindringlinge […] mahnt den indianischen Arzt von vertraulicher Mittheilung gerade seiner wirksamsten Medicamente am meisten ab.“

Weiters geht von Martius auch auf kultivierte Pflanzen ein, von denen einige auch heutzutage noch als Nahrungsmittel angebaut werden. Manche dieser Pflanzen haben es mittlerweile sogar in die europäische Küche geschafft: Die Erdnuss, die wir heute als oft Snack verzehren, wird vom Forscher aus Erlangen wie folgt beschrieben: „7. Die Erdeichel, Mandubi der Tupis, Mani in Haiti, Arachis hypogaea, wird roh und geröstet gegessen, und liefert ein beliebtes fettes Oel.“ Auch die Papaya (Carica papaia), die Banane (Musa sapientum), die Cashew (Anacardium occidentale) und die Paprika (Capsicum) beschreibt er weniger als Heil-, denn als typische Nahrungs- und Gewürzpflanzen der Ureinwohner.

Die Krankenheilung selbst, die dem Pajé oblag, erfolgte oftmals in einer Art Isolation. Kranke wurden, wenn möglich, in einem abgeschiedenen Teil der Hütte gebettet und ganz der Obhut des Pajé überlassen. Der Isolation folgte eine genaue Anamnese, die auch Familienmitglieder mit einschließt. Neben der oralen und äußerlichen Anwendung von Heilpflanzen aller Art mussten die Heiler auch über die Wirkung von Giften Bescheid wissen. Dies wird durch die Beobachtungen von Martius hinsichtlich der Jagd mit Giftpfeilen deutlich, die in Band III des Werkes „Reise in Brasilien“ niedergeschrieben wurden, und so beschreibt er das Aussaugen von Wunden durch die Heiler wie folgt: „[…] dass er sich gravitätisch über den Kranken setzt, und nun kräftig zu saugen (tupi: piter) beginnt. Rührt die Wunde von einem giftigen Thiere oder einer vergifteten Waffe her, so nimmt der Arzt nicht selten ein Stück von der Tabackspflanze […] in den Mund, um sich selbst vor den schädlichen Wirkungen zu sichern.“

Weitere Fähigkeiten des Pajé hinsichtlich der Behandlung von Kranken beziehen sich auf die Chirurgie. Zwar spricht von Martius den Heilern nicht viel chirurgisches Wissen zu, die Scarification, Venäsection und Schindelung von Beinbrüchen sei jedoch Teil seiner Fertigkeiten.

Scarification und Venäsection wurden bei allgemeinen Leiden angewendet, die Venäsection (vergleichbar mit dem in Europa durchgeführten Aderlass) wurde mittels Fischstachel, Coati-Zahn oder „mittelst eines Pfeilchens, das mit einem Bergkrystallsplitter bewaffnet von einem kleinen Bogen auf die Ader geschossen wird“, durchgeführt. Aus Gesprächen mit Missionaren in Canomá und Mauhé wusste von Martius über das Ritual, sich der „Plage der Schwangerschaft“ durch einen nach Aderlass erfolgten Abort zu entledigen. Einen Vergleich mit heute angewandten Methoden der Wundverödung lässt sich in der Abhandlung über grosse, offene Wunden ziehen. Dem Autor zufolge wurde das verwundete Glied des Patienten in Baumbast eingewickelt und auf einem Gerüst über glühenden Kohlen geröstet. Martius selbst wurde Augenzeuge des schnellen Genesungsprozesses eines Ureinwohners, dessen Schenkel von mehreren Lanzenstichen durchbohrt worden war.

Moderne Pajés beim Tanz
Moderne Pajés beim Tanz

Abschließende Bemerkungen und Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten

Nach Betrachtung der Beschreibung einiger ausgewählter Krankheitsbilder, die die bayerischen Forscher Johann Baptist von Spix und insbesondere Carl Friedrich Philipp von Martius auf ihrer rund dreijährigen Expeditionsreise durch Brasilien beobachten konnten, öffnen sich weitere mögliche Forschungsfelder. So wurde im Rahmen dieser Arbeit bereits angemerkt, dass einige der Heilmethoden – namentlich etwa das Veröden von Wunden oder das Schienen von Knochenbrüchen – auch heute noch Anwendung finden. Während die Verwendung von Heilmitteln tierischer Herkunft damals wie heute teils auf Aber- und Irrglauben beruhte (man denke nur an die grausame Jagd auf Tiger aufgrund des Irrglaubens, ihre Körperteile hätten eine Heilwirkung), sind die Heilwirkungen einiger in Brasilien heimischer Pflanzen unbestritten und auch in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen worden. Von Martius beschreibt, wie der aus dem Melonenbaum (Papayabaum) gewonnene Milchsaft von den Ureinwohnern Brasiliens als Mittel gegen Würmer eingesetzt wurde. Das in den Früchten enthaltene Papain wurde bald auch in Europa als Heilmittel eingesetzt, unter anderem – analog zur Verwendung bei einigen indigenen Völkern – gegen Würmer. Noch heute wird der Milchsaft der Papaya als Wurmmittel eingesetzt, unter anderem in der Karibik, Venezuela, Guatemala und Brasilien.

Eine Pflanze, deren getrocknete Blätter heute weltweit als Sucht- und Genussmittel Verwendung finden, beschreibt von Martius im Hinblick auf das Aussaugen von Wunden ebenso wie im Hinblick auf das Beräuchern: Tabak. Dieser wurde Bruno Wolters zufolge von Indianern als Narkotikum und als Genussmittel verwendet und findet zumindest zu letzterem Zwecke auch heute noch Anwendung.

Ein ausführlicher Vergleich der Heilmethoden der brasilianischen Ureinwohner mit den heutigen naturkundlichen Heilmethoden dort (sowie in Europa) steht noch aus, obschon Wolters mit seinem Werk „Drogen, Pfeilgift und Indianermedizin. Arzneipflanzen aus Südamerika“ hier gute Vorarbeit geleistet hat.

Von weiterem Interesse könnte die Untersuchung von Krankheitsbildern sein, von denen Spix und Martius auf ihrer Reise Kenntnis erlangt haben und die nicht explizit im Werk über Krankheiten, sondern möglicherweise in den vielen weiteren Werken beider Autoren Erwähnung fanden. Die Erkenntnisse aus früheren Expeditionen anderer Forscher, namentlich etwa der eingangs erwähnte Alexander von Humboldt, ließen sich ebenso als Quellengrundlage für weiterführende Vergleiche heranziehen.

Auch die Auswirkungen von Klima, Stechmücken und weiteren Besonderheiten in Brasilien, mit denen sowohl die Reisegruppe, als auch vor Ort lebende Missionare zu kämpfen hatten, bieten sicherlich Material für weitere Untersuchungen.

Artikel verfasst und zur Verfügung gestellt von: Marcel Sahlmen

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Kurt Schmutzer: Der Liebe zur Naturgeschichte halber: Johann Natterers Reisen in Brasilien 1817-1836

 

 


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s