Die Legende von König Artus

Geschichten spielen für uns als Menschheit seit frühesten Zeiten eine enorme Rolle. Einige dienten schon immer in erster Linie der Unterhaltung, andere sollten dagegen vor allem lehrreich sein. Es gibt aber auch Geschichten, die so weitverbreitet und bekannt wurden, dass sie zu elementaren Bestandteilen ganzer Kulturen wurden. Um eine solche Geschichte soll es heute gehen: die des König Artus und seiner legendären Tafelrunde. Wer ist mit dieser Erzählung nicht vertraut? Der Sage vom alten britischen König Artus, der mit seinen tapferen Rittern im Camelot Hof hielt, mit Feinden rang, Gerechtigkeit sprach und so nebenbei auch noch nach dem Heiligen Gral suchte. Das Problem bei der Sache: Wir haben keine Ahnung, ob es diesen Mann überhaupt gegeben hat.

Gemälde von König Arthur von Charles Ernest Butler
Gemälde von König Arthur von Charles Ernest Butler

Die Sage des König Artus

Die Unsicherheiten fangen schon mit der Sage selbst an. Es gibt von ihr nämlich keine einheitliche Erzählung! Aber doch sind einige Elemente fast immer Teil der Geschichte. Artus soll der rechtmäßige König Britanniens gewesen sein, da schon sein Vater Uther diesen Titel trug. Aus einem nicht näher definierten Grund versteckte der Druide Merlin den kleinen Artus aber und gab ihn in die Obhut eines fremden Ritters. Man muss sich das Ganze wohl ein bisschen wie bei Harry Potter vorstellen, wobei ich doch hoffe, dieser Ritter war etwas netter als die Dursleys. Artus wusste jedenfalls wie Harry nichts von seinem „Glück“, in dem Fall dem Glück, rechtmäßiger Monarch Britanniens zu sein. Das alles änderte sich, als er mit seiner neuen Familie in Teenagerjahren an einer Stelle vorbeikam, an der ein Schwert in einem Stein steckte. Er konnte es zwar nicht wissen, aber inzwischen waren Nachfolgestreitigkeiten im Königreich ausgebrochen. Merlin stellte aus dem Grund dieses Schwert, genannt Excalibur, her und versenkte es in dem Stein. Nur der wahre König Britanniens war dazu in der Lage, es wieder herauszuziehen.

Warum der junge Artus das überhaupt versuchte, ist auch nicht ganz klar, beziehungsweise sind sich unterschiedliche Versionen der Geschichte darüber uneinig. In manchen Versionen hat er einfach das Schwert seines Bruders verloren und wollte ihm ein neues bringen. Wie dem auch sei: Er konnte Excalibur ohne Probleme aus dem Stein ziehen und wurde somit zum König Britanniens erklärt. Auch ein starkes Stück, so als Teenager. Danach ließ er sich das Schloss Camelot erbauen und dort die Tafelrunde, einen runden Steintisch, aufstellen. An dieser Tafel versammelte Artus fortan seine getreuen Ritter, deren Namen heute weithin bekannt sind: Lancelot und Galahad zum Beispiel. Mit diesen Rittern erlebte Artus infolge alle möglichen Abenteuer, die irgendwann zur Artussage zusammengefasst wurden.

Darstellung der 'Ritter der Tafelrunde' mit dem Heiligen Gral
Darstellung der ‚Ritter der Tafelrunde‘ mit dem Heiligen Gral

Wer war der wahre Artus?

Für lange Zeit wurde – gerade in Großbritannien – kaum angezweifelt, dass es den großen König Artus wirklich gegeben hatte. Er gehörte seit dem Mittelalter einfach zur Landesgeschichte dazu und war somit einer der frühesten Nationalhelden Britanniens. Wenn man nun aber versucht, ernsthaft zu rekonstruieren, wo seine Geschichte denn ihren Ursprung hatte, gerät man schnell in Schwierigkeiten. Die Zeit, in der die Sage um König Artus spielen soll, und die Zeit, in der sie das erste Mal in uns bekannten Quellen auftaucht, sind nämlich ziemlich weit voneinander entfernt. Anders gesagt: Viele Jahrhunderte lang ist Artus nach seiner angeblichen Existenz nirgendwo erwähnt worden. Eigenartig für einen so großen König …

Nach allem, was wir aus der Geschichte entnehmen können, muss das Leben des Artus, wenn es ihn denn gegeben hat, im 5. oder frühen 6. Jahrhundert nach Christus spielen. Es handelt sich um die Zeit der Völkerwanderung, direkt nach dem Abzug der römischen Truppen aus Britannien. Das wissen wir, weil in den verschiedenen Versionen der Sage sächsische Stämme vorkommen, gegen die Artus in den Krieg zieht. Auch die Römer selbst kommen darin noch vor, wenn auch nicht mehr auf der britischen Insel selbst, sondern von Gallien aus. Diese recht eindeutige Datierung der Sage stellt uns schon an und für sich vor Schwierigkeiten. Es gibt aus der Übergangszeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter nämlich kaum verwertbare Quellen. Der Abzug Roms führte fast überall – so auch in Britannien – zu einem Machtvakuum, Kämpfen und neu aufsteigenden Mächten, die weniger Wert auf die Dokumentation legten als die guten alten Römer. Wenn wir nicht gerade zufällig irgendwo etwas ausbuddeln, fällt es uns einigermaßen schwer, Sagen aus dieser Zeit zu verifizieren.

Das nächste Problem ist dann eben die Zeit, aus der die uns bekannten Geschichten über Artus stammen. Denn all das, was wir heute mit der Artussage in Verbindung bringen – König Artus selbst, die Tafelrunde, Excalibur und Camelot – entsteht erst in der englisch-normannischen Literatur des 12. Jahrhunderts! Vorher gibt es bestenfalls vage Hinweise auf einen großen britannischen Herrscher des Frühmittelalters, die man je nach persönlicher Begeisterung auf König Artus beziehen kann oder eben nicht. In den Chroniken des Gildas im 6. Jahrhundert etwa (was ja ziemlich nah dran wäre an den angeblichen Ereignissen) kommt zwar ein Anführer der Briten vor, der ist aber weder König noch heißt er Artus. Vielmehr trägt er den Namen Ambrosius Aurelianus. Erst dreihundert Jahre später taucht der Name Artus dann erstmals auf, aber auch da nur als Heerführer, nicht als König der Briten.

Eine durch und durch hochmittelalterliche Legende

Das heißt, für ein halbes Jahrtausend nach seiner womöglichen Wirkungszeit kennen wir keine detaillierten und glaubwürdigen Quellen über das Leben von König Artus. Dieses Dunkel der Quellen lichtet sich tatsächlich erst im 12. Jahrhundert und da spielt ein ganz bestimmter Autor eine Schlüsselrolle: Geoffrey von Monmouth. Denn in seiner „Historia Regnum Britanniae“ wird Artus zum allerersten Mal ausführlicher erwähnt und sein Leben beschrieben. Im Laufe des 12. Jahrhunderts tauchen dann in anderen Texten erstmals weitere Kernelemente der heutigen Geschichte auf, wie die Tafelrunde und das Schwert Excalibur. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir uns dieses Schwert heute meist als großen Zweihänder vorstellen, wie er unter Kreuzfahrern des Hochmittelalters beliebt war. In der Lebenszeit Artus‘ wäre das Schwert aber so gut wie sicher ein viel kürzerer Einhänder gewesen. Nach römischem Stil eben.

König Artus mit seinem Schwert 'Excalibur'
König Artus mit seinem Schwert ‚Excalibur‘

Was ist also die wahrscheinlichste Entstehungsgeschichte der berühmten Artussage? Wie bei so gut wie allen Erzählungen dieser Zeit, können wir wohl von irgendeinem historischen Kern ausgehen. Irgendeinen britannischen Anführer zur Zeit der Völkerwanderung dürfte es wohl gegeben haben, wahrscheinlicher ist aber, dass es gleich mehrere waren, die später zur Figur Artus verschmolzen sind. Dabei kann es sich um den von Gildas genannten Ambrosius Aurelianus handeln, es gibt aber daneben noch zahlreiche andere Anwärter. Diese Geschichten wurden in England (viel stärker aber wohl in Wales) oral weitergetragen, bis sie Geoffrey von Monmouth und andere im 12. Jahrhundert zusammenfassten. Letzten Endes ist es aber auch egal, ob es Artus wirklich gegeben hat. Wie bei allen mündlichen Erzählungen ging es hier erstmal um eine gute Geschichte. Die Figur Artus wurde im Hochmittelalter zu einem idealen Herrscher stilisiert, später im Zeitalter des Nationalismus wurde er dann zu einem britischen Nationalhelden. Und real muss er daher ja nicht sein. Das sind Idealherrscher und Nationskonstrukte ja auch nicht.

Dieser Artikel stammt von Gastautor Ralf Grabuschnig. Ralf ist Historiker, Autor, Blogger und Podcaster. Auf „Déjà-vu Geschichte“ erzählt er alle zwei Wochen mit einer gesunden Portion Augenzwinkern aus der Geschichte. Letztes Jahr erschien außerdem sein Buch „Endstation Brexit“, in dem er sich der englisch-europäischen Geschichte von Cäsar bis Cameron humorvoll nähert.

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Wilfried Westphal: Artus, König von Camelot


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