München 1972 – Die Olympischen Spiele als Medienereignis

Hinführung zum Thema

In einigen Monaten, in ein paar Jahren, ja vielleicht erst in Jahrzehnten wird man sagen, dass München ein zeitgeschichtliches Ereignis war, das mit seiner ganzen Tragik, seiner Wirrnis und der Unreife die Probleme deutlich gemacht hat, mit denen wir in dieser Welt von heute leben müssen.

(Willi Daume, Präsident des Nationalen Organisationskomitees der Olympischen Spiele, am 11.09.1972)

Die XX. Olympischen Spiele 1972 in München sind auch nach mehr als 45 Jahren im kollektiven Gedächtnis der deutschen und weltweiten Bevölkerung präsent. Sie sollten als „Fest des Friedens“ das „neue Deutschland“ präsentieren, welches sich international noch immer gegen bestehende Ressentiments erwehren musste. Es sollte jedoch ganz anders kommen. Palästinensische Terroristen nutzten durch ihr Eindringen in die israelische Olympia-Unterkunft und die Entführung von israelischen Sportlern die Spiele als Plattform, um die Freilassung von Gleichgesinnten zu fordern. Anstatt eines neuen friedlichen Deutschlands sahen die zahlreichen Zuschauer vor den Fernsehbildschirmen nun ohne Zeitverzögerung die Geschehnisse aus dem Olympischen Dorf. Die Medien, welche vorher von der besonderen und friedlichen Atmosphäre nur so schwärmten, berichteten live von den Vorfällen aus der bayrischen Landeshauptstadt und sollten nun ein anderes Bild der Spiele prägen. Genau deren Bedeutung soll in der folgenden Ausarbeitung behandelt werden. Der Einfluss der Medien wird oftmals zu wenig bei Aufmerksamkeit erregenden Ereignissen auf der Welt berücksichtigt, denn sie sind es, die deren jeweilige Tragweite global vermitteln und das vorherrschende Bild entscheidend beeinflussen.

Die Olympischen Sommerspiele 1972
Die Olympischen Sommerspiele 1972

Die Olympischen Spiele der Neuzeit – Von der Idee zum globalen Medienereignis

Gut 15 Jahre nach den Ausgrabungen antiker Sportstätten im alten Olympia erweckte der französische Baron Pierre de Coubertin die Olympischen Spiele 1894 wieder zum Leben. Er orientierte sich zwar an das historische Vorbild, verband es jedoch mit zeitgenössischen Gesichtspunkten. Beeinflusst von den Idealen der Friedensbewegung des 19. Jahrhunderts begriff Coubertin den Wettkampf nicht als eine Form der Entzweiung, sondern betonte stets seine verbindende und friedensstiftende Wirkung.  Sein Entwurf bestand aus „demokratischen, pazifistischen und internationalen Denkansätzen“. Diesen stellte er anfangs einen kleinen elitären Zirkel von Aristokraten vor, welche im Anschluss alle vier Jahre ein solches Sportfest veranstalteten. Hierfür wurde  das Comité International Olympique gegründet, welches später unter der englischen Bezeichnung  International Olympic Committee (IOC) mit seinen Olympischen Spielen der Neuzeit zunehmend an Bedeutung gewann. Bereits bei dessen Konstituierung waren Mitglieder aus zehn verschiedenen Nationen anwesend, wodurch die internationale Auslegung des IOC über nationale Grenzen hinweg offeriert wurde. „Somit war die Institution selbst seit ihrem Beginn nicht national verankert, sondern sollte frei von jeglichen politischen Interessen über nationale Interessen hinweg arbeiten“, urteilte die Historikerin Eva Maria Gajek. Die Spiele sollten bei jeder Austragung an einen anderen Ort wechseln und nicht von einer einzigen Nation durchgeführt werden. Auch die komponierte Hymne und die 1914 entstandene Flagge mit den fünf Ringen, welche die jeweiligen Kontinente repräsentieren sollten, führten dazu, dass die Vorstellung einer brüderlichen Weltgemeinschaft realisiert werden konnte. Die Nation war aber dennoch für Pierre de Coubertin und dem IOC bedeutsam. Coubertin vertrat die Ansicht, dass eine nationale Identität ein wichtiger Grundstein für die Realisierung von Liberalismus und Individualismus darstellt. Aus diesem Grund waren die Olympischen Spiele seit ihrem Ursprung von nationaler Repräsentation geprägt. Die Athleten sind Vertreter ihrer Nation. Sie tragen einheitliche Kleidung und bei Siegen wird die Nationalhymne des erfolgreichsten Olympioniken in der jeweiligen Disziplin gespielt. Die Olympische Idee ist somit sehr vielschichtig aufzufassen. Sie beruht auf internationale, pazifistische und demokratische Ideale, die jeden Athleten als Individuum gleichwertig betrachtet, aber gleichzeitig auch die nationale Identität als verbindungsstiftendes Element mit einbezieht.

Während die ersten Austragungen nur wenig Aufmerksamkeit erregen konnten, änderte sich dies mit zunehmender Zeit. Besonders für Aufsehen sorgten die Auflagen 1932 in Los Angeles und 1936 in Berlin, welche neue Maßstäbe setzten und ebenso die Olympiade in neue Dimensionen führten, urteilten etwa Kay Schiller und Christopher Young. Die zunehmende Internationalisierung und der immer populärer werdende sportliche Wettkampf waren Voraussetzung ihres Erfolges. Zudem waren sowohl die USA als auch Nazi-Deutschland sehr erfolgreiche Sportnationen, die sich der Tatsache wohl bewusst waren, dass der Sport das Potential besaß, nationalistische Ideale und kollektive Leidenschaften zu transportieren. Als Beispiel hierfür führen Young und Schiller auch den Boxkampf zwischen Joe Louis und Max Schmeling im Jahr 1938 auf, welcher im Vorfeld von Kriegsrhetorik geprägt wurde. Mit den wegweisenden Olympiaden 1932 und 1936 rückte die Sportveranstaltung immer mehr im Fokus der Öffentlichkeit, welche vergleichbar mit den Weltausstellungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewesen sei. Sie pulverisierten beide die vorher bestehenden Bestmarken von verkauften Eintrittskarten. Vor allem die umstrittenen Spiele 1936 blieben in Erinnerung. Erstmals förderte mit dem NS-Regime eine Staatsregierung mit uneingeschränkter Unterstützung die Ausrichtung einer Olympiade, an der dank neuester technologischer Möglichkeiten so viele Menschen wie noch nie teilhaben konnten: Dank dieser Unterstützung konnte das Berliner OK die organisatorische Höchstleistung von Los Angeles noch überflügeln. Die beste verfügbare Kommunikationstechnologie kam zum Einsatz und ermöglichte damit dem weltweit größten Radiopublikum aller Zeiten, die Ereignisse mitzuverfolgen. Zum ersten Mal in der olympischen Geschichte erreichten die Spiele auch Fernsehzuschauer im eigens zu diesem Zweck eingerichteten Zentren im Raum Berlins.

Die XI. Olympischen Spiele wurden zu einem spektakulären Medienereignis, welches die Nationalsozialisten zu ihren Zwecken missbrauchten, gleichzeitig aber auch als „Geburtsstunde der modernen Olympischen Spiele“ gekennzeichnet wird. Sportler, Zuschauer und Zuhörer schwärmten zu großen Teilen von der Atmosphäre und den sportlichen Wettkämpfen, obgleich sie dem rassistischen Regime positiv oder negativ gegenüber gestimmt waren. Zwar waren einige nicht mit den Deutschen als Gastgeber einverstanden, die Spiele wurden jedoch nie in ihre Kritik mit aufgenommen. Auch beim IOC blieben die Wettkämpfe in Berlin zum überwiegenden Teil auch nach 1945 in positiver Erinnerung.

Spätestens seit der Austragung in Berlin bzw. Los Angeles sind die Olympischen Spiele somit als Medienereignis aufzufassen, welche der Identifikationsstiftung dienen und zeremoniell inszeniert werden. Sie sind von langer Hand geplant, werden von den Medien emotionalisierend transportiert und binden das Publikum mit ein. Der Historiker Frank Bösch bezeichnet sie als „geplante transnationale Medienereignisse“.

Olympische Sommerspiele 1936
Olympische Sommerspiele 1936

München 1972

Auch in München 36 Jahre später folgten die XX. Olympischen Spiele einer lang geplanten Inszenierung, durch die sich die Bundesrepublik in der Weltöffentlichkeit zu profilieren versuchte. Kay Schiller und Christopher Young machten in ihrem viel beachteten Werk über die Olympischen Spiele 1972 deutlich, worin das Interesse der Bundesrepublik und der Wert einer Austragung der XX. Ausgabe lag:

Es bedarf kaum der Erwähnung, dass die olympischen Spiele 1972 für die Bundesrepublik von außerordentlich großer Bedeutung waren. Bis dahin war die Bundesrepublik lediglich durch ihre Mitgliedschaft in der NATO und den Europäischen Gemeinschaften sowie durch die üblichen Formen kultureller Diplomatie, wie beispielsweise Staatsbesuche, die Teilnahme an Weltausstellungen und besondere Organisationen wie dem deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und dem Goethe-Institut auf der internationalen Bühne vertreten gewesen.

Die Bewerbung um die XX. Olympischen Spiele

Die Inszenierung des Gastgeberlandes erfolgt dabei nicht erst, wie oftmals angenommen, durch das Eröffnungszeremoniell, sondern bereits mit dem Entschluss, sich für die Ausrichtung der Olympischen Spiele zu bewerben. Im konkreten Fall Münchens erfolgte dieser erst relativ spät. Zwar war bereits im Vorfeld der Wunsch in der Bundesrepublik vorzufinden, sich um die Ausrichtung von Olympischen Spielen zu bewerben, diese beschränkten sich jedoch zu Beginn auf Berlin. Dies war dem IOC aufgrund der historischen Auflage von 1936 und der aktuellen politischen Lage in der zweigeteilten Stadt jedoch zu brisant. München hingegen war beim IOC äußerst gern gesehen und bot dabei im Speziellen zwei Vorteile. Zum einen war sie keine Hauptstadt, dass das IOC im Bewusstsein des zunehmenden „Gigantismus“ und der ausschweifenden Nationalisierung der Spiele äußerst wohlwollend entgegennahm. Zum anderen war München in einem Prozess der Modernisierung. Sie war die am schnellst wachsende Stadt Westdeutschlands und erlebte insbesondere von einer ausgesprochen jungen und unbelasteten Generation Zuspruch, welche durch den jungen und dynamisch wirkenden Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel repräsentiert wurde. Auch dass die Stadt seit 1948 sozialdemokratisch im ansonsten konservativen Bayern regiert wurde, wertete das IOC positiv. Eine Konkurrenz-Bewerbung aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet zerschlug sich, da das IOC einen Ort als Austragungspunkt und nicht eine gesamte Region vorsah.

Als das IOC es durchblicken ließ, welches auch nach Ende des Kriegs einige gute Kontakte zu deutschen Sportfunktionären wie dem umstrittenen Carl Diem pflegte, dass sie eine europäische Stadt als Ausrichter bei dieser Auflage favorisieren würde und dass München dafür sehr gute Chancen besitzen würde, konkretisierten sich die Pläne. Die federführenden Köpfe Vogel und der NOK-Präsident Willi Daume wandten sich Ende Oktober 1965 an den Bundeskanzler Ludwig Erhard. Dieser war aufgrund der zu erwartenden hohen Kosten zu Beginn, trotz anderweitiger Behauptungen Daumes, skeptisch, erkannte jedoch die Chancen, welche sich für die Bundesrepublik und auch seiner Person mit einer Ausrichtung von Olympischen Spielen bieten würde. Zum einen erhoffte er sich dadurch persönlich Vorteile, indem er durch das Zugeständnis als eine Art „Volkskanzler“ dargestellt werden könne. Viel bedeutsamer waren jedoch die Möglichkeiten der BRD sich neu in der Weltöffentlichkeit vorstellen zu können, welche sich seit Ende des Krieges nur begrenzt geboten haben. Die Konzeption, welche bereits während der Bewerbungsphase ihre Grundlagen erhielt und später vom politisch geprägten Münchener Organisationskomitee umgesetzt wurde, sah eine zurückhaltende Darstellung vor, die sowohl demokratisch, modern und pazifistisch erscheinen sollte. Sie sollten, die noch immer nach dem Ende des zweiten Weltkrieges präsenten antideutschen Gefühle beseitigen. Mit dieser Art und Weise der Präsentation folgten sie den Leitlinien, die sich die Bundesrepublik seit ihrem Bestehen in der Kulturpolitik selbst aufgelegt hatte. Zurückhaltend, weltoffen und friedlich sollte sich die BRD präsentieren. Durch ein mögliches „München 1972“ erhoffte sich Erhard gleichzeitig, der Welt die wieder gewonnene wirtschaftliche aber auch demokratische Stärke der Bundesrepublik  darzustellen.

Während die Bewerbung in den westlichen Ländern verheißungsvoll aufgenommen wurde, kamen vor allem aus Richtung Osten Gegenstimmen, insbesondere von der DDR, welche mithilfe ihrer Bruderstaaten gegen München wetterten. Sie erinnerten an die dunkle Vergangenheit Münchens als ehemalige „Stadt der Bewegung“, konnten jedoch den Erfolg Münchens, welcher auch durch das Zurückziehen der Bewerbung des vorherigen Favoriten Wiens in Folge der Weigerung der Landesregierung die finanziellen Kosten einer Austragung ausreichend zu tragen, zu Stande kam, nicht verhindern. Auch die finanziellen Zuwendungen in Form einer „sportlichen Entwicklungshilfe“  an afrikanischen Ländern trugen ihr Übriges. Damit konnten zudem auch die Boykottdrohungen einiger afrikanischer Staaten des im Zeitalter des „Kaltes Krieges“ sehr umkämpften und umworbenen Kontinents zunichte gemacht werden, die in Reaktion der Teilnahmen Südafrikas und Rhodesiens laut geworden waren. Das IOC und die westlichen Staaten unterstützen zudem die Absicht Deutschlands, so viele Afrikaner wie möglich an den Olympischen Spielen teilhaben zu lassen, die damit ihre dortige Wahrnehmung zu verbessern versuchten.

Problematisch waren jedoch die Beziehungen der DDR und der BRD. Der von der Bundesregierung vertretende Alleinvertretungsanspruch des deutschen Volkes und die Hallstein-Doktrin sorgten für Missmut bei den Ost-Staaten und zunehmend auch beim IOC. Nach zahlreichen Kontroversen und gar der Drohung die Spiele nicht mehr ausrichten zu dürfen, erlaubte die BRD schließlich die Einreise der DDR-Mannschaft, dessen NOK seit 1965 nun auch beim IOC aufgenommen war, und die Repräsentation ihrer nationalstaatlichen Symbolik bei sportlichen Veranstaltungen, welche vorher auf dem Staatsgebiet der BRD verboten waren.

Die Bewerbung legte somit die ersten Grundsteine für die Konzentrierung des „neuen Deutschlands“ fest, welche auf eine leise und zurückhaltende Darstellung beruhte. Zur Folge hatte dies noch einen weiteren Nebenaspekt. Im Sinne dieser Inszenierung musste gar die Deutschlandpolitik überdacht und verändert werden. Dies spiegelt die Wichtigkeit der Olympischen Spiele für die Bundesrepublik eindrucksvoll wider.

Die Eröffnungsfeier

Die Eröffnungsfeier ist für das Medienereignis „Olympische Spiele“ von zentraler Bedeutung. Diese unterscheidet Olympia durch ihren ‚Showcharakter‘ von anderen Sportereignissen und ist wichtiger Bestandteil des olympischen Spektakels. Sie ist das Ergebnis jahrelanger Planung und soll insbesondere eine gemeinschaftsstiftende Atmosphäre erzeugen. Im Hinblick auf die negativen Reaktionen nach der zugunsten Münchens erfolgten Olympia-Vergabe aus Osteuropa aber teilweise auch aus den USA  beabsichtigte das Organisationskomitee mit der Eröffnungsfeier und den Spielen als solches den alten Ressentiments entgegenzutreten und bei den Olympischen Spielen die Bundesrepublik als friedliebend, demokratisch und europäisch zu repräsentieren. In der Zeremonie sollte durch den Einsatz von Symboliken eine Darstellung des gewandelten deutschen Selbstverständnisses nach 1945 eingeflochten werden. Dass dies ganz im Interesse der politischen Elite war, wird auch in der Regierungserklärung Willy Brandts vom 28.10.1969 deutlich. „Wir haben damit die Chance, der Weltöffentlichkeit das moderne Deutschland vorzustellen“, so Brandt vor den anwesenden Abgeordneten im Bundestag.

Die Eröffnungsfeier
Die Eröffnungsfeier

Demgegenüber stand jedoch ein streng reglementiertes vorgegebenes Zeremonienmodell des IOC, welche von Ritualen und Traditionen geprägt und der angedachten modernen Selbstdarstellung kaum Möglichkeiten bot. Eine extra für diesen Zweck gegründete Arbeitsgruppe konnte jedoch einige Abänderungen wie etwa dem Verzicht militärischer Symbolik (z.B. Salutschüsse) erreichen. Militär war während der Eröffnung überhaupt gar nicht erst anwesend. Polizei und Ordner trugen farbenträchtige Kleidung und keine sichtbaren Waffen und passten somit genau in das vorgegebene Bild, das München und die Bundesrepublik zu repräsentieren gedenkten. Gleichzeitig war jedoch aber auch die rituelle Prägung weiterhin sichtbar. Aber auch dies konnte im Sinne der deutschen Selbstkonstruktion genutzt werden. Auffällig war dies vor allem beim seit 1936 bestehenden Fackellauf. Dem erst 18-jährigen Leichtathleten Günther Zahn gesellten sich auf seinem Weg bis zu der Entzündung der Olympischen Flamme vier Läufer aus Amerika, Afrika, Asien und Australien dazu. Dabei trug Zahn ein schlichtes weißes Oberteil ohne nationale Zeichen oder sonstige Symbolik. Gerade dies wurde in der Wissenschaft als sehr symbolträchtig bewertet. Durch das Entzünden des Olympischen Feuers auf einem Stahlpodest, sollte das Aufgehen ‚eines modernen Deutschlands in einem friedlichen Europa‘ und ein neues pazifistisches Deutschland dargestellt und repräsentiert werden.

Auch der ästhetische Rahmen folgte der Inszenierung. Mittels einen pointierten Einsatz von visuellen und akustischen zeitgenössischen Elementen und die moderne ästhetische Ausgestaltung des Festraumes sollte der symbolisch aufgeladene Festakt konterkariert werden. Sakrale Musik und Hymen waren kaum wahrnehmbar stattdessen wurden Beat-Songs, Volkslieder und Gospel gespielt, die die Modernität Deutschlands zur Schau stellten sollten.

Die Eröffnungsfeier ist von zahlreichen Ritualen und Traditionen umgeben, die Veranstalter in München schafften es durch die gebotenen Freiheiten seitens des IOC jedoch durch Architektur, Design und Musik eine eigene Erzählung, der heiteren und fröhlichen Spiele, zu konstruieren. Auch die mediale Berichterstattung erfolgt gewisser Traditionen, deren Umsetzung jedoch in München erneuert wurde. Insbesondere die hochwertige Fernsehübertragung durch bestimmte Einblendungen und Schnitte schaffte es dem Zuschauer zu Hause eine eigene Darstellung des Ereignisses live näher zu bringen. Gleichzeitig wurden auch die Zuschauer vor Ort als Akteur angesehen, welche mitsamt den Sportlern zum Gelingen der Inszenierungen beitrugen. Durch diese Maßnahmen konnte die Bundesregierung die Eröffnungsfeier zur außen- und innenpolitischen Positionierung einsetzen und die Vision des „neuen Deutschlands“ der Welt näher gebracht werden.

Ein „totales Medienereignis“?

Bereits in der Bewerbungsphase wurden die Medien mit einbezogen. Kontakte mit der Association Internationale de la Presse Sportive (AIPS) machten es möglich, 20 Meinungsbildner aus ganz Europa mit Informationen zu den sportlichen Aspekten der Bewerbung und zur dynamischen Persönlichkeit des Oberbürgermeisters zu versorgen. Zudem hinterließ der auf Einladung zahlreich wahrgenommene dreitägige Kurzbesuch Münchens bei vielen Journalisten einen bleibenden Eindruck, welcher seinen Teil zu der positiven Berichterstattung der westlichen Printmedien gegenüber der deutschen Bewerbung beitrug.

Nach der Eröffnungsfeier rückten die sportlichen Wettkämpfe im Fokus der Öffentlichkeit. 4250 Medienvertreter, und somit etwas weniger als in Mexiko-Stadt, waren in die bayrische Landeshauptstadt gereist und berichten von den Spielen. Gleich 1200 von ihnen waren Radio- und Fernsehjournalisten. Während das PR-Team sich hauptsächlich darauf konzentrierte, Touristen zu einem Erstbesuch in Deutschland zu animieren, waren sich die Organisatoren absolut bewusst, dass die Aufgabe, Deutschland der Welt zu präsentieren, mindestens ebenso bedeutsam war. Zu diesem Zweck wurde bereits 1969 vom OK eine eigene Presseabteilung ins Leben gerufen. Zugleich wurde unter großem finanziellem Aufwand das Deutsche Olympia Hörfunk- und Fernsehzentrum (DOZ) errichtet. Gleichzeitig scheuten die Organisatoren keine Kosten und Mühen, die Journalisten so angenehm wie möglich, in München unterzubringen, damit diese auch ja positiv von den Spielen berichten.

Nicht nur allein aus diesen Gründen wurden die XX. Olympischen Sommerspiele in München in der zeitgenössischen Berichterstattung als „totales Medienereignis“ tituliert, welches weltweit große Aufmerksamkeit erfuhr. Insbesondere in Deutschland wurden die Spiele dank einer noch nie dagewesenen Berichterstattung seitens ARD und ZDF zu einem nationalen Medienereignis. Aber auch weltweit waren die Augen nach München gerichtet. Rund eine Milliarde Menschen verfolgten das Sport-Spektakel, noch nie zuvor gab es ein größeres TV-Publikum. So beschrieb etwa der „Spiegel“ die Szenerie folgendermaßen:

Fernseh-Olympia eint ARD und ZDF, Westeuropas Eurovision und Osteuropas Intervision, Kommunisten und Kapitalisten, Hamiten und Semiten, Mongolen und Monegassen, Alte, Neue, Dritte Welt. Rund um den Erdball, rund um die Uhr läuft 16 Tage lang die längste Show der Fernsehgeschichte für das größte TV-Publikum, das es je gab: fast eine Milliarde Menschen.

Diese Entwicklung lag vor allem an der gewachsenen Bedeutung des Hörfunks und insbesondere des Fernsehens. Bedeutende Fortschritte in der Übertragungstechnik, wie beispielsweise die weitere Verbreitung von Farbfernsehern und die Allgegenwart von Fernsehgeräten sowie Transistorradios Ende der 1960er Jahre waren hierfür sicherlich ein zentraler Faktor, urteilten Young und Schiller. Durch die Spiele konnte zugleich auch die Verbreitung der Medien ausgebaut werden, Farbfernseher erfreuten sich immer größerer Beliebtheit, die extra für dieses Ereignis angeschafft wurden.

 In den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts führten die Pressekonzentration und die Etablierung des Fernsehens mit seinen technischen Neuerungen wie Satelliten- und Aufnahmetechnik zu einer neuartigen Verdichtung der Kommunikation, folgert Eva Maria Gajek. Diese internationale Aufmerksamkeit bildete die Grundvoraussetzung, um nationale Selbstbilder global zu vermitteln und die Olympischen Spiele als ‚diplomatic territory‘ zu nutzen, bilanziert sie weiter. Durch die positive Darstellung der Medien und das vermittelte Gefühl Teil der Olympiade zu sein, fand die Inszenierung der „friedlichen und heiteren Spiele“ Platz im kollektiven Bewusstsein der Menschen und die Bundesrepublik konnte sich so von seiner neuen Seite zeigen.

Es gab jedoch auch Kritik an die allumfassende Gegenwärtigkeit von Olympia. „So geht das Tag für Tag und Mal für Mal; der Informationswert dieser peinlichen Schau ist gleich null; man betet, die Perlen des olympischen Rosenkranzes bewegend, seine Litanei“, urteilte etwa der Literaturhistoriker Jens Walter in der „Zeit“.

Das Medienereignis im Medienereignis

Der fünfte September 1972 sollte jedoch das Bild der XX. Olympischen Spiele entscheidend ändern. Anstatt der friedlichen Olympischen Spiele wurde die Welt nun Zeuge des Terrors und eines „Medienereignisses im Medienereignis“.

Die Geiselnahme von München

Acht Palästinensische Terroristen der Untergrundorganisation Schwarzer September der Popular Front for the Liberation of Palestine (PLO) drangen zwischen vier und fünf Uhr morgens in der Nacht vom 4. auf den 5. September in das Quartier der israelischen Mannschaft in der Conollystraße 31 ein. Sie verwundeten dabei den Trainer der Ringer-Mannschaft Moshe Weinberg sowie den Gewichtheber Josef Romano, welche wenig später ihren Verletzungen erlagen und nahmen neun weitere israelische Sportler als Geiseln. Um 5:03 Uhr erfolgte der erste Notruf an die Münchner Polizei. Gegenüber einem „herbeigeeilten Polizeibeamten“ ließen sie ihre Forderungen übermitteln. Sie forderten die Freilassung von über 200 gleichgesinnten Palästinensern aus israelischen Gefängnissen sowie der inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Was folgte war ein fast rund 21-stündiger Verhandlungsmarathon, der von der Ablehnung jeglicher Forderungen durch Israel sowie gescheiterter und bisweilen als dilettantisch beurteilter Befreiungsversuche seitens der deutschen Behörden geprägt war. Die Geiselnehmer wollten schließlich nach mehreren abgelaufenen Ultimaten und vergeblicher Vermittlungs- und Befreiungsversuche die israelischen Sportler aus der Bundesrepublik ausfliegen lassen. Um 22:22 Uhr machte sich die politische Einsatzleitung mit Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, dem bayrischen Innenminister Bruno Merk, dem Münchener Polizeipräsidenten Manfred Schreiber sowie dem CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß per Hubschrauber, bereits zum zweiten Mal, auf dem Weg zum Militärflugplatz Fürstenfeldbruck. Zeitgleich flogen zwei weitere Hubschrauber die Terroristen mit den Geiseln ebenfalls nach Fürstenfeldbruck. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde ihnen die tatsächliche Anzahl der Terroristen bewusst. Aufgrund der Tatsache, dass die ägyptische Regierung sowie weitere arabische Staaten es vorher verneinten, die Terroristen mitsamt ihren Geiseln in ihren Hoheitsgebieten landen zu lassen, bestand für die deutschen Behörden nur noch die Option des Erstürmens. Die Terroristen sollten sich in dem Glauben wähnen, dass sie über Fürstenfeldbruck nach Ägypten gebracht werden. Auf dem Flugplatz sollten als Flugbegleiter verkleidete Polizisten die palästinensischen Terroristen überraschen und die Geiseln befreien. Nach deren Weigerung, sie sahen sich dafür nicht genug ausgebildet und qualifiziert an, standen hierfür aber nur noch fünf Scharfschützen zur Verfügung. Als die Terroristen merkten, dass in der Boeing 727 keine Flugzeugbesatzung auf sie wartete, eröffneten die Scharfschützen um 22:37 Uhr das „mehrstündige Feuergefecht“, welches außer Kontrolle geriet. Der Einsatz misslang völlig, so dass bereits am nächsten Tag auf der internationalen Pressekonferenz um 2:30 Uhr die verheerende Bilanz von elf toten israelisches Sportler, fünf toten und drei verletzten Terroristen und ein toter sowie zahlreiche weitere verletzte Polizisten gezogen werden musste.

Denkmal für die Opfer der missglückten Geiselbefreiung im Jahr 1972 vor dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Die Namen der Opfer sind in Bronze eingraviert
Denkmal für die Opfer der missglückten Geiselbefreiung im Jahr 1972 vor dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Die Namen der Opfer sind in Bronze eingraviert

Mit dieser ‚Haupthandlung‘ war quasi noch eine ‚Nebenhandlung‘ verschränkt, nämlich die, die dem Ganzen den Status eines Medienereignis verleiht. Neben den politischen Führungskräften und den Sicherheitskräften konnten auch zahlreiche Zuschauer mittels Fernsehübertragung die Geschehnisse im Olympischen Dorf miterleben. Ebenso konnten dies die Terroristen, welche dadurch die Absichten ihrer Gegenspieler genauestens verfolgen konnten. Eine wichtige Rolle nehmen dabei die Medien ein, welche dabei nicht nur als Vermittler, sondern auch als Akteur in Erscheinung traten. Die deutschen Medien berichteten nahezu von Beginn an über die Ereignisse im Olympischen Dorf, während die BBC um acht Uhr morgens ihr Programm unterbrach. Die US-Amerikanische ABC stieg aufgrund der Zeitverzögerung erst gegen Mittag in die Berichterstattung ein. Ebenso schnell wuchs auch das Interesse der Bevölkerung. Zwischen 9 und 11 Uhr stieg die Zuschauerquote in Deutschland etwa um 15 Prozent an. Was dann folgte, beschrieb Eva-Maria Gajek folgendermaßen: „Die Zuschauer daheim bekamen eine ungefilterte Bilderflut zu sehen. Wie später auch bei 9/11 war die Übertragung ein babylonisches Stimmengewirr aus Expertenmeinungen, Korrespondentenschalten und Betroffenenaussagen.“ Sie waren Zeuge des ersten Terroranschlages vor laufenden Fernsehkameras. „900 Millionen Fernsehzuschauer aus mindestens 100 verschiedenen Ländern konnten erstmalig am Fortgang des terroristischen Übergriffs live teilnehmen und diesen von zu Hause aus verfolgen.“ Zwischen den Rezipienten und der Handlung gab es nur eine geringe Distanz. So stellte etwa die ABC nur rund 60 Meter zur israelischen Unterkunft einen Kamera auf. Fernsehzuschauer konnten so die Ereignisse viel besser verfolgen, als die Zeugen vor Ort.

Aber nicht nur die Zuschauer stellte das Geschehene vor Herausforderungen, sondern auch die Journalisten. Sportjournalisten mussten nun über das Attentat berichten. Während deutsche Medien zu politischen Korrespondenten durchstellen konnten, war dies gerade bei den ausländischen Medien nicht der Fall. Hier mussten eigentliche Sport-Fachleute nun den Spagat zwischen Olympia und Terror-Ereignis meistern. Nicht nur die Tatsache, dass die sportlichen Wettkämpfe der Olympischen Spiele bis zum Nachmittag weiter ausgetragen wurden, sondern auch die spärliche Informationspolitik machte den Journalisten zu schaffen. Aufgrund der laufenden Verhandlungen wurde sogar ein Informationsstopp verordnet. Statt auf Fakten beruhte die Berichterstattung vordergründig also auf Beobachtungen der Medienvertreter im Olympischen Dorf. Diese Lage versetzte die Journalisten dazu, sehr ungewöhnliche Berufspraktiken anzuwenden, um an Informationen heranzukommen. Sie versuchten auf unterschiedlichster Weise dem Olympischen Dorf bzw. später dem Flugplatz Fürstenfeldbruck so nah wie möglich zu kommen. Dabei drangen sie nicht nur als Vermittler, sondern auch als aktiver Akteur in die Handlung ein. So wollte die ABC mittels eines Eiswagens in das Olympische Dorf gelangen, andere tarnten sich wie bereits die Terroristen als Sportler.

Der Informationshunger ging sogar so weit, dass Journalisten der Associated Press in der Unterkunft der Israelis anriefen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Das aktive Handeln der Agentur setzte die Geiseln einer Gefahr aus, die an das moralische Berufsethos grenzte. Doch deutlich wird hieran gleichzeitig, dass die Medien direkt in dem Ablauf eingriffen und ihr Handeln sich nicht nur auf das Vermitteln von Botschaften beschränkte.

Dieses Vorgehen teilten sie auch ihren Zuschauern bzw. Zuhörern mit, dennoch mussten auch sie eingestehen, nur wenig bis gar nichts von der Szenerie zu wissen.

Wir stehen, hermetisch ist das Feld abgeriegelt, vor den Toren. Ein Presseoffizier ist nicht zu erreichen. Wir wissen gar nichts. Vielleicht ist es gut ausgegangen, vielleicht ist es auch eine Katastrophe.

So lautete etwa der Kommentar des Radioreporters Wolfgang Gabauer vom Bayrischen Rundfunk. Durch die gezeigten TV-Bilder griffen die Medien ebenfalls aktiv in die Handlung ein. Nicht nur die Zuschauer weltweit, sondern auch die Terroristen sahen aufgrund einer vergessenen Stromabschaltung zu, wie schlecht verkleidete Polizisten versuchten, sich als Sportler getarnt, für eine mögliche Erstürmung des israelischen Quartiers in Stellung brachten.

In das Bild passte da auch die fälschliche Meldung, dass die Befreiung der Geiseln gelungen sei. Ein Mitarbeiter im Pressezentrum des OK hatte dies auf Verweis einer hohen Polizeiquelle kurz nach 23 Uhr vermeldet. Der Schusswechsel war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht beendet. Auch Regierungssprecher Conrad Ahlers ließ daraufhin in der Tagesschau seine Hochachtung an die Beteiligten ausrichten und berichtete ebenfalls von einem erfolgreichen Einsatz in Fürstenfeldbruck. Aufgrund der geringen Ereignishandlung und der fortschreitenden Uhrzeit nahmen jedoch nur noch wenige Zuschauer diese Meldung wahr. Eine Stunde später war die Meldung zwar wieder korrigiert worden, davon erfuhr die Öffentlichkeit jedoch erst auf der internationalen Pressekonferenz gegen 2:30 Uhr.

Nach der Geiselnahme: von „The Games must go on“ zur Abschlussfeier

Erst gegen 15:30 Uhr nach der Geiselnahme wurde am 5. September beschlossen, die sportlichen Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen zu unterbrechen. Mehr als zehn Stunden liefen somit das Sport- und das Krisenereignis noch parallel nebeneinander. Dabei rückte die Geiselnahme selbstverständlich in den Fokus der Berichterstattung. Sie unterbrach den normalen Tagesablauf der Bürger sowie der Medien. Zwar flaute das Interesse der Zuschauer zur späten Stunde am 6. September deutlich ab, tagsüber schauten die Bürger jedoch vielfach gebannt nach München. So betrug die Sehbeteiligung in der ARD bei der Tagesschau um 21:15 Uhr 51 Prozent. Bei der Trauerfeier und Gedenkstunde am 6. September betrug diese ebenfalls annähernd 50 Prozent – und das werktags. So schauten 40 Prozent bei der ARD und neun Prozent beim ZDF zu. „Ganz im Sinne von Dayan und Katz unterbrach folglich das Attentat den routinierten Tagesablauf des Zuschauers auch noch in den folgenden Tagen“, schlussfolgerte Gajek. Aber dies war nicht nur beim Rezipienten, sondern gerade auch bei den Medien bemerkbar. Auch sie unterbrachen ihren routinierten Arbeitslauf. An den Folgetagen der Geiselnahme erschienen die nationalen und internationalen Zeitungen teilweise in einem von der Norm abweichenden Layout. So war in der „Zeit“ stets eine Karikatur auf der ersten Seite vorzufinden, nach München 1972 jedoch nicht. Dieselbe Handhabung war nur beim Tod Adenauers, beim Prager Frühling und beim Kniefall Willy Brandts  praktiziert worden. Auch am 5. September wurden, lokal begrenzt, bereits Extrablätter verteilt worden. Parallel waren die Zuschauer durch das Fernsehen hautnah dabei. Als direkter Vermittler vor Ort, auch für die Journalisten, fungierte jedoch der Hörfunk.  Dem Krisenereignis wurde allein durch die Durchbrechung des Erscheinungsmusters „die Bedeutung eines Medienereignisses“ verliehen. „Das Krisenereignis des Attentates schaffte demzufolge das, was der Eröffnungsfeier nicht gelang: eine transnationale Aufmerksamkeit für das Ereignis auf der ersten Seite.“ Dies war nur im Inland der Fall. Bei den ausländischen Zeitungen war die Eröffnungsfeier hingegen nur vereinzelt auf der ersten Seite vorzufinden.

Einen besonderen Eingang in das kollektive Gedächtnis fanden dabei insbesondere, neben den TV-Bildern während der Geiselnahme, die Fotografien die durch die internationalen Zeitungen eine große Beachtung zu Teil wurde. Vor allem das Bild des Fotografen Kurt Strumpf, das einen Terroristen mit seiner Maske auf dem Balkon der Mannschaftsunterkunft zeigte, ging um die Welt. Auch bei der Trauerfeier war selbiges festzustellen. Nicht die Macht der Bilder, sondern insbesondere die Rede des IOS-Präsidenten Avery Brundage erhielt einen Platz im kollektiven Gedächtnis:

Every civilized person recoils in horror at the barbarous criminal intrusion of terrorists into the peaceful Olympic precincts. We mourn our Israeli friends, victims of this brutal assault. The Olympic flag and the flags of all the world fly at half mast. Sadly, in this imperfect world, the greater and more important the Olympic Games become, the more they are open to commercial, political and now criminal pressure. The Games of the 20th Olympiad have been subjected to two savage attacks. We lost the Rhodesian battle against naked political blackmail. We have only the strength of a great ideal. I am sure the public will agree that we cannot allow a handful of terrorists to destroy this nucleus of international cooperation and goodwill we have in the Olympic movement. The Games must go on and we must continue our efforts to keep them clear, pure and honest and try to extend sportsmanship of the athletic field to other areas. We declare today a day of mourning and will continue all the events one day later than scheduled.

Besonders die fünf Wörter „The Games must go on” stachen dabei hervor. Sie wurden zum Sinnbild dafür, dass die Spiele, auch auf die heutige Zeit bezogen, und das öffentliche Leben sich nicht im Schatten ausgeübter Gewalttaten verstecken sollen. Es wurde zwar getrauert, dennoch sollten Terroristen nicht die Botschaft der Olympischen Bewegung für ihre Zwecke missbrauchen. Es sollte hierbei jedoch nicht vergessen werden, dass neben dem Imageverlust auch die finanzielle Komponente für die weitere Austragung der Olympischen Spiele sprach.

Avery Brundage (1970)
Avery Brundage (1970)

In der Nachbetrachtung überwog insbesondere die Diskrepanz zwischen dem Konzept der heiteren Spiele und des späteren Krisenereignisses. Die live in alle Welt übertragenden Bilder aus dem Olympischen Dorf, die olympischen Flaggen auf Halbmast, die bewegende Trauerfeier, der harte Kontrast zu den betont fröhlichen Spielern – all dies brannte sich tief ins kollektive Gedächtnis ein. Dies wurde auch in der Abschlussfeier ersichtlich. Das IOC schränkte die Freiheiten der Organisatoren sehr stark ein. Die Hinwendung zu den Riten und Traditionen sollte wieder das Gefühl der Sicherheit vermitteln. Einzig die Sportler konterkarierten wiederum das Erscheinungsbild, als sie fröhlich zusammen in das Olympiastadion einliefen. In der Berichterstattung wurde vielfach Kritik an der deutschen Konzeption ausgeübt, welche die Geiselnahme zumindest begünstigt habe. Besonders von israelischer Seite wurde den deutschen Behörden Dilettantismus vorgeworfen. Dabei ist bis heute nicht geklärt, ob und wie weit Israel an der Operation teilgenommen hat. Auch das Verhalten der Einsatzkräfte entsprach keineswegs dem vor den Olympischen Spielen entworfenem Selbstbild Wie bereits die Informationspolitik entsprach auch das polizeiliche Handeln im Terrorereignis nicht dem vorher entworfenen Selbstbild einer perfekt organsierten Bundesrepublik. Das Krisenereignis untergrub somit die Inszenierung einer freundlichen, modernen, zurückhaltenden aber gut organisierten Bundesrepublik.

Artikel verfasst und zur Verfügung gestellt von: Steffen Oevermann

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Kay Schiller/Christopher Young: München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland


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