Die Steigerung der Produktivität während der industriellen Revolution

Einleitung

Die Industrialisierung wird in Deutschland grob zwischen den Jahren 1800 und 1914 eingeordnet und in Protoindustrialisierung und Hochindustrialisierung unterschieden. In England begann die Frühphase der Industrialisierung bereits um 1870. Nachfolgend soll dargestellt werden, inwiefern sich die Produktionsweise während der Industrialisierung im Vergleich zur vorindustriellen Produktion verändert hat und welche Faktoren diese am meisten beeinflussten. Hierfür möchte ich zwischen den Anfängen der Industrialisierung und dem industriellen „take off“ unterscheiden. Vor allem werde ich auf die Bedeutung der Dampfmaschine, auf die Metallindustrie und auf die Textilindustrie eingehen.

Adolph von Menzel: Eisenwalzwerk (1875)
Adolph von Menzel: Eisenwalzwerk (1875)

Die Anfänge

In der Vorphase der Industrialisierung bis 1835 kam es zunächst zu einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion. Durch die Bauernbefreiung im 18. Jahrhundert wandelten sich die Produktionsprozesse. Außerdem stieg durch die ständig wachsende Bevölkerung auch die Nachfrage nach Nahrung.

Albrecht Thaer, ein preußischer Agrarreformer, schrieb in seiner „Einleitung zur Kenntnis der englischen Landwirtschaft“ über Möglichkeiten der Verbesserung der Agrarproduktion. Als oberstes Ziel eines Landwirtes gab er an, „höchstmöglichen Gewinn“ aus dem Boden zu ziehen. Somit hatte er von Beginn an einen ökonomischen Blickwinkel auf die Landwirtschaft. Vorreiter waren aber auch andere europäische Länder. So begann man in den Niederlanden schon im 16. Jahrhundert damit, die Bodennutzung aufgrund der wachsenden Bevölkerungszahl zu intensivieren.

Insgesamt wuchs die Bevölkerung im ersten Drittel des 19. Jahrhundert von 23 auf 31 Millionen Menschen an. In gleichem Maße wuchs auch die landwirtschaftliche Produktion. Die genutzte Fläche stieg um etwa 20 Prozent, während die Getreideerträge um ca. 10 Prozent stiegen. Außerdem stieg auch der Nährwert der Nahrung durch den Anbau von Kartoffeln, Kohl, Klee und anderen Blattfrüchten. Im Vergleich zum Getreide ließ sich mit dem Anbau von Kartoffeln auf der gleichen Ackerfläche die zehnfache Menge ernten. Somit setzen sich die Kartoffel und der aufgrund der Haltbarkeit oft zu Sauerkraut verarbeitete Kohl als Hauptnahrungsmittel dem Getreide gegenüber durch.

Durch die bessere Nutzung der vorhandenen Ackerflächen und den Anbau von nährstoffhaltigeren Lebensmitteln wurde die erste Grundlage für die Industrialisierung geschaffen.

Im sekundären Sektor führte vor allem die Einführung der Gewerbefreiheit zu einer Steigerung der Produktion. Zu Beginn herrschte hier bereits ein Überangebot an Arbeitskräften bei einer noch vorindustriellen Produktionsweise.

Die Einführung der Gewerbefreiheit ermöglichte es, dass jeder ein Gewerbe eröffnen konnte. Somit wurden hierdurch viele Herkunftsbeschränkungen aufgehoben. Wichtige Punkte waren außerdem die Aufhebung der Begrenzung des Produktionsvolumens und der Beschäftigtenzahl und die Aufhebung von Beschränkungen der Produktionsweise. Durch diese Maßnahmen war es nun jedem möglich, ein Gewerbe zu eröffnen und es wurden neue Möglichkeiten für die vielen Arbeitskräfte eröffnet. Außerdem waren dies erste Anzeichen einer freien Marktwirtschaft, da hierdurch das Aufkommen von Konkurrenz ermöglicht wurde und einzelne Gewerbe nicht mehr durch zu viele Gesetze begrenzt wurden.

Technische Neuerungen gab es vor allem in den Sektoren der Metallverarbeitung, der Textilindustrie und dem Bergbau. In der Textilindustrie war das die Einführung der Spinnmaschine, die es möglich machte, in kürzerer Zeit mehr zu produzieren.

Die Vorläufer der Dampfmaschine halfen im Bergbau tieferliegende Gruben vom Wasser zu befreien und gleichzeitig Kohle an die Oberfläche zu fördern. Hierdurch wurde die Kohle günstiger, wodurch die Förderungskosten weiter sanken. Was der Einsatz von Technologie allein im Bergbau bewirkte, zeigen die folgenden Zahlen. Während um 1750 rund 10.000 Bergleute jährlich 80.000 Tonnen förderten, wurden im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts jährlich ca. 2 Millionen Tonnen von einer vergleichsweise geringen Arbeiterzahl von 70.000 gefördert.

Trotz der guten Voraussetzungen nahm gesamtwirtschaftlich gesehen das Wachstum der Produktion nach 1815 zunächst nur langsam zu. Dies lag an einer Vielzahl von Gründen. Zum einen gab es noch einige gesetzliche Einschränkungen, einen ungenügenden Ausbau der Infrastruktur, Traditionalismus und eine nicht förderliche Haltung der Politik. Außerdem waren viele technische Neuerungen zwar bereits verfügbar, jedoch noch nicht ausgereift oder in Masse produzierbar. Hemmend wirkten auch britische Patentbestimmungen, die eine einfache Übernahme der Technologie durch deutsche Unternehmen schwierig machte.

Der industrielle Durchbruch

Die Phase des industriellen Durchbruchs wird zwischen 1845 und 1873 eingeordnet. Diese Phase brachte die deutsche Wirtschaft in kurzer Zeit auf eine neue Stufe. Wichtig in dieser Phase war vor allem der sogenannte Führungssektor, bestehend aus Eisenbahnbau, Schwerindustrie, Steinkohlenbergbau und Maschinenbau. Ein Anstieg der Nachfrage nach Industriewaren, eine Zunahme des Personen- und Güterverkehrs und eine Zunahme der Angestellten führten natürlich auch zu einem Anstieg der Gewinne. Bezogen auf die Warenproduktion lässt sich festhalten, dass von traditionellen, naturgegebenen Kräften immer mehr auf Maschinenkraft gesetzt wurde.

Die Dampfmaschine

Während dieser zweiten Phase der Industrialisierung feierte die Dampfmaschine ihren Siegeszug. Nachdem die Vorläufer der Dampfmaschine, beispielsweise Newcomers „Feuermaschine“ und „Atmosphärenmaschine“, noch sehr ineffizient und unzuverlässig arbeiteten, entwickelte James Watt 1765 die erste Dampfmaschine. Rund dreißig Jahre später ersetzte eine Dampfmaschine 120 Pferde und ermöglichte den Betreibern eine Ersparnis von drei Vierteln der Kohle. Außerdem ließen sich nun auch sehr tief gelegene Gruben effektiv vom Wasser befreien.

Ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt war der Einsatz der Dampfmaschine in anderen Industriezweigen wie Mühlen und der Textilindustrie. Hierfür musste die Dampfmaschine jedoch angepasst werden, um Drehbewegungen ausführen zu können. Durch die Verwendung von Dampfmaschinen wurde der Standortfaktor für Produktionsstätten unwichtiger, da diese nicht mehr auf Wasserkraft angewiesen waren.

Durch die Einführung der Dampf- und anderen Maschinen konnte die Produktion gesteigert werden und somit stieg auch der Bedarf an Arbeitskräften. Es bildeten sich Industriezentren in den Städten und viele ehemalige Landarbeiter und Bauern, durch neue, effizientere Methoden der Produktion in der Landwirtschaft auf der Suche nach Arbeit, zogen in die Städte um dort zu arbeiten.

wertschöpfung nach wirtschaftssektoren 1850-2004
Wertschöpfung nach Wirtschaftssektoren (1850-2004)

Während 1780 nur 20 Prozent der Beschäftigten im sekundären Sektor arbeiteten, waren es 1913 bereits 38 Prozent. Das Verlagswesen hingegen, das der Grundstein der Heimproduktion auf dem Land war, verzeichnete einen Rückgang von 8,5 auf zwei Prozent.

Die Metallindustrie

Eng zusammenhängend mit der Einführung der Dampfmaschine war der Aufschwung des Metallsektors. Vor allem der Maschinenbau und der Eisenbahnbau ließen die Nachfrage nach Metallprodukten in die Höhe schnellen.

Die Verwendung von Dampfmaschinen ermöglichte auch in diesem Sektor eine schnellere und effizientere Produktion. So konnten Maschinen mithilfe der Dampfkraft angetrieben werden und auch die aufkommende Fließbandarbeit wurde hierdurch unterstützt. Ein weiterer Faktor war die Tatsache, dass Dampfmaschinen, wie bereits gesagt, die Förderung von Kohle vereinfachten. Vor allem im Braunkohle- und Eisenerzbergbau, welche meist im Tagbau betrieben wurden, konnten Maschinen effizient eingesetzt werden. So steigerte sich deren Produktivität im Vergleich zum Untertagebau um das Fünffache. Dadurch wurde eine für die Metallverarbeitung essenzielle Ressource sehr viel günstiger. Die aus dem Metall gebauten Maschinen und Eisenbahnstrecken begünstigten wiederum die weitere Produktion. Weiterhin wurde durch die steigende Produktion die Nachfrage an Dampfmaschinen höher, die in den Manufakturen gebaut wurden. So entstand ein Kreislauf und die einzelnen Faktoren begünstigten sich gegenseitig.

Allein in Preußen wuchs die Anzahl der Fabrikarbeiter zwischen 1846 und 1875 von 7.600 auf 162.000 an.

Die Textilindustrie

Eine zweite revolutionäre Neuerung in der Warenproduktion war die serienmäßige Einführung von Spinn- und Webmaschinen. Dadurch entstanden allein in der Gegend um Manchester mehrere hundert neue Fabriken. Während der Zeit der industriellen Revolution verhundertfachte sich hier die Menge der verarbeiteten Baumwolle. In Verbindung mit einer Dampfmaschine konnten so um 1840 50.000 Spindeln betrieben werden.

Das führte dazu, dass allein durch eine solche Maschine 200.000 Heimarbeiter ersetzt werden konnten, die jetzt natürlich ebenfalls auf der Suche nach Arbeit in die Städte zogen. Manchester wuchs so zwischen 1750 und 1840 um knapp 200.000 Bewohner.

In Deutschland wuchs die Garnproduktion durch die industrielle Revolution zwischen 1835 und 1873 von 5.000 auf 95.000 Tonnen an. Außerdem wuchs die Arbeiterschaft von 11.000 auf 65.000 und die Produktion je Arbeiter von 450kg auf 1,46 Tonnen.

Insgesamt war die Industrialisierung im deutschen Textilgewerbe jedoch, auch je nach Sektor, ein sehr langsamer Prozess, sodass hier nicht von einem „take off“ gesprochen werden kann.

Vor allem im Bereich des Webvorgangs sieht man anhand der folgenden Grafik den anfangs eher schleppenden Prozess:

Industrialisierung des Webvorgangs (1780-1913)
Industrialisierung des Webvorgangs (1780-1913)

Die Spinner und Weber, die bisher in Heimproduktion ihre Ware anfertigten, litten unter den neuen Produktionsprozessen. Durch die Verwendung der neuen Maschinen, dem größeren Kapital und den größeren produzierten Stückzahlen kam es zu einer „Überproduktion mit starkem Preisverfall“.

So wurde nicht nur in der Textilproduktion ein großer Teil des Handwerks verdrängt. Hierzu zählten auch die Tapeten-, Hut-, Knopf-, Schirm-, Stock-, Seifen- und Lichterfabrikation, welche durch die industrielle Produktion in den städtischen Fabriken nicht mehr konkurrenzfähig waren.

Die Rolle des Kapitals

Auch die Zunahme des Kapitals der verschiedenen Wirtschaftszweige steigerte die Produktion. So wurden vor allem zu Beginn der Industrialisierung oft Investitionen getätigt, die es Fabriken ermöglichten, neue Maschinen zu beschaffen.
 Dadurch steigerte sich die Produktion der Waren und es wurde gleichzeitig wieder mehr Kapital ausgeschüttet. In der Textilindustrie stiegen die Löhne nur auf 130 Prozent, 23 während die Preise der Endprodukte nicht billiger wurden, sondern gleich blieben. Aufgrund der stark gesenkten Produktionskosten konnten die Fabrikeigentümer nun wieder erneute Investitionen tätigen.

Die Rolle des Taylorismus und Fordismus

Eine entscheidende Rolle spielte auch der Taylorismus. Dieser hatte zum Ziel, die Arbeit in den Fabriken effizienter zu gestalten. So wurden Zeitstudien durchgeführt, Prämiensysteme eingeführt und neue Arbeitsabläufe festgelegt. Auch die Umgebung der Arbeiter wurde angepasst, beispielsweise durch neue Beleuchtung und besseres Werkzeug. Arbeitsprozesse wurde in kleine Arbeitsschritte aufgeteilt und von je einer dafür qualifizierten Person durchgeführt. Insgesamt wurde die Fabrik von Taylor als große Maschine betrachtet, in der die Arbeiter nur die Funktion einzelner Maschinenteile hatten.

Aus dem Taylorismus entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts der Fordismus. Die Fließbandproduktion wurde eingeführt, Arbeiter wurden weiter spezialisiert und die Arbeitsteilung intensiviert. Hierdurch gingen die Stückkosten für die Produktion nach unten und die Gewinne wurden größer.

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Entwicklung der industriellen Produktion eine Kombination aus sich gegenseitig bedingenden und beeinflussenden Faktoren war. Wichtige Erfindungen wie die Dampf- und die Spinnmaschine machten es möglich, effizienter, günstiger und in größeren Stückzahlen zu produzieren. Gleichzeitig vereinfachte beispielsweise die Dampfmaschine die Kohleförderung, was dazu führte, dass der Bertrieb der Dampfmaschinen günstiger wurde. Großen Einfluss hatten auch der Fordismus und der Taylorismus. Durch Arbeitsteilung, die Spezialisierung von Arbeitern und genaue zeitliche Produktionsvorgaben wurden die Kosten gesenkt, die Gewinne gesteigert und in kürzerer Zeit mehr produziert.

Artikel verfasst und zur Verfügung gestellt von: Daniel Lassak

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Hans-Jürgen Bremm: Das Zeitalter der Industrialisierung


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s