Deutsche Auswanderung nach Australien

Einleitung

Zu Beginn des Jahres 1787 wurde Australien, damals noch Teil des britischen Empire, zur Strafkolonie bestimmt. Dorthin sollten die Gefangenen mit besonders schweren Delikten verbannt werden. So kam es dazu, dass im Januar 1788 die erste Flotte in Botany Bay – die Stelle des heutigen Sydney – landete. An Bord der First Fleet kamen über 1.000 weiße Männer und Frauen nach Australien; fast 75% davon waren Sträflinge, der Rest freie Einwanderer. Insgesamt wurden in den Jahren von 1788 bis in die 1860er Jahre rund 160.000 convicts nach Down Under deportiert. Als billige und flexible Arbeitskräfte leisteten die europäischen Strafgefangenen in Australien einen „Beitrag zur frühen ‚weißen‘ Erschließung des Kontinents“ und halfen das Land zu besiedeln.

In Australien wurde die interkontinentale Migration auch deshalb lange Zeit – und zwar bis in die 1960er Jahre – als sogenannte „Siedlungsmigration“ verstanden. Das bedeutet also, dass es in erster Linie darum ging, den Kontinent mit vornehmlich weißen Einwanderern zu besiedeln. Erst später wurde der Blick bei der Migration auf humanitäre Aspekte und Arbeitsmarktbedürfnisse geweitet und eine lockerere Einwanderungspolitik durch die australische Regierung praktiziert. Es lassen sich vier Phasen der Auswanderung nach Australien unterscheiden:

  • Zwangsmigration und Deportation (bis etwa 1840, in geringem Umfang bis 1868)
  • Freie und unkontrollierte Migration aus Europa, Amerika und Asien (bis ca. 1900)
  • Gelenkte Immigration nach den Prinzipien der White Australia Policy (bis 1965)
  • Einwanderung geregelt nach einem Punktesystem (seit den 1970er Jahren bis heute)

In dieser Arbeit liegt der Fokus vor allem auf dem zweiten und dritten Punkt. Hierbei ist auch die Sträflingsgeschichte deutscher Einwanderer interessant. Auch wenn es keine genauen Angaben darüber gibt, wie viele Deutsche sich unter den 160.000 Deportierten befanden, besteht ein Konsens darüber, dass es auch vereinzelt deutsche Strafgefangene gab. Ungefähr 4.200 Sträflinge kamen nicht aus dem Empire – was immerhin 2,6% entsprach – und davon wiederum waren ca. 750 Strafgefangene deutscher Herkunft. Jedoch finden sich Deutsche nicht nur unter den Verbannten, sondern reisten auch als freie Einwanderer nach Australien. So war zum Beispiel der Kommandant der ersten Flotte, Kapitän Arthur Phillip, Halbdeutscher. Sein Vater kam von Frankfurt am Main nach London, wo Phillip geboren wurde und bei der englischen Marine anheuerte. Begleitet wurde er unter anderem von zwei weiteren Deutschen, die auf dem roten Kontinent siedelten: der Feldmesser August Theodor Alt sowie der Aufseher Philipp Schaeffer, der sich später vergeblich im Weinanbau versuchte. Besser gelang dies sechs Winzerfamilien aus Hattenheim, die um 1837 nach Australien emigrierten und ihr Know how in dem kleinen Ort Camden verbreiteten. Andere Deutsche kamen als Missionare auf den fünften Kontinent. Brednich führt eine ganze Reihe weiterer wichtiger deutscher Auswanderer in Australien an; auf manche wird später eingegangen. Die Einwanderung Deutscher in größeren Gruppen begann erst ab 1838, dennoch kann man sagen: „Germans have played a significant part in the history of Australia.“

Ankunft der First Fleet in der Botany Bay im Jahr 1788 (Zeichnung von 1802).
Ankunft der First Fleet in der Botany Bay im Jahr 1788 (Zeichnung von 1802).

Neues Glück am anderen Ende der Welt? – Aufbruch nach Down Under

Heute wird geschätzt, dass zwischen 1841 und 1928 insgesamt fast 6 Mio. Deutsche nach Übersee ausgewandert sind. Für die deutschen Gebiete lassen sich dabei drei unterschiedliche Phasen abgrenzen:

  • Vor 1865 verließen besonders unabhängige Bauern und Handwerker mit ihren Familien aus dem Süden und Südwesten das Land. 
  • Zwischen 1865 und 1895 zogen vor allem Einzelwanderer aus ärmeren ländlichen Schichten aus dem Norden und Nordosten fort. 
  • Von 1895 bis zum Beginn des 1. Weltkriegs wanderten insbesondere alleinstehende Männer und Frauen aus allen Teilen des Deutschen Reichs aus.

Das Hauptzielland waren damals die USA, mit einigem Abstand folgten schließlich Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien, wobei der Prozentsatz deutscher Auswanderer in diese Länder immer zwischen 0,5% und 5% schwankte. Seit den 1830er Jahren bezeichnet man die transatlantische Migration angesichts der hohen Zahlen deshalb auch als „Massenbewegung“. Zwischen 1815 und 1930 verließen fast 60 Mio. Menschen Europa, davon kamen 3,5 Mio. in Australien an. Die meisten stammten aus britischen Gebieten, doch auch aus anderen Ländern strömten die Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben ans andere Ende der Welt oder flohen, besonders vor oder nach diversen Revolutionen, vor dem „erschütterten Sozialgefüge Europas“. Nach der Push-Pull-Theorie muss es also in den deutschsprachigen Gebieten Gründe gegeben haben, weshalb Teile der Bevölkerung das Land verließen, während es auf der anderen Seite positive Aspekte gab, die die Leute in Australien anzogen. Beides soll im Folgenden genauer betrachtet werden.

Push-Faktoren: warum aus Deutschland emigrieren?

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts war die Freizügigkeit rechtlich festgeschrieben, sodass die Menschen in den deutschen Gebieten ihre Heimat verlassen konnten. Push-Faktoren waren schlechte ökonomische, soziale, politische oder religiöse Verhältnisse in der Heimat. Soziografische Veränderungen wie der Rückgang des Agrarsektors, begonnen mit der Bauernbefreiung, verstärkte die Abwanderung. Durch Besitzregulierung, Lastenablösung und Allmendenteilung sowie die mit der Realteilung im Süden und Westen des Landes einhergehende Zersplitterung des Bodens entstanden Zwergwirtschaften, die sich in schlechten Phasen nicht mehr rechneten. In Zeiten von Missernten, wie beispielsweise nach der Kartoffelseuche von 1846, und Wirtschaftskrisen kam es zur Verschuldung vieler vor allem (Klein-)Bauern und zur allgemeinen Ausbreitung von Armut. Auch führten die Gewerbefreiheit und der Niedergang der Zünfte zu einer Verunsicherung der (Klein-) Handwerker, zu einer generellen Verschlechterung der Handwerkerschaft und zur Auflösung der Heimgewerbe. Aufgrund des anhaltenden Bevölkerungswachstums, einem Mangel an Nahrungsmitteln und immer wieder auftretenden (Cholera-)Epidemien drohte vielen Menschen Verelendung und es breitete sich eine allgemeine Hoffnungslosigkeit aus. Eine wirkliche Perspektive stellte somit für viele nur die Auswanderung dar, denn das Missverhältnis zwischen einem Wachstum der deutschen Bevölkerung auf der einen und einem weniger dynamisch ansteigenden Erwerbsangebot in Deutschland auf der anderen Seite sowie einem attraktiv erscheinenden Chancenangebot überseeischer Ziele konnte nicht geleugnet werden. Zu den aus wirtschaftlichen Gründen Ausgewanderten kamen ab 1848/49 noch diejenigen hinzu, die aus politischen Gründen fliehen mussten. Nach der gescheiterten Revolution sahen viele der sogenannten „forty-eighters“ keinen anderen Weg als die Emigration, wenn sie an ihren Prinzipien festhalten wollten. Die verbesserte Mobilität dank Eisenbahn und später Dampfschifffahrt trug wesentlich zum Entstehen einer „migration industry“ bei, was den Emigranten das Auswandern erleichterte. Bis 1857 verließen ca. 1,3 Mio. Deutsche das Land auf der Suche nach einem besseren Leben in Übersee – im Fall Australiens kann man von einer Kettenwanderung („chain migration“) sprechen, da sich die Einwanderung fortsetzte, indem sich die neuen Auswanderer an den bereits bekannten Orten ihrer Vorgänger niederließen, wie noch gezeigt wird.

„Armut im Vormärz“, Zeichnung von Theodor Hosemann, 1840.
„Armut im Vormärz“, Zeichnung von Theodor Hosemann, 1840.

Interessant zu betrachten sind auch die Push-Faktoren, die die Auswanderung ab der Mitte des 20. Jahrhunderts förderten. Immerhin emigrierten allein in den ersten 15 Jahren nach Kriegsende knapp 780.000 Deutsche ins Ausland, davon gingen 80.500 nach Australien; geschätzt wird, dass bis 1975 sogar ca. 135.000 Deutsche auf den roten Kontinent abgewandert sind, um ein neues Leben zu beginnen. Auch in dieser Epoche machen wirtschaftliche Motive einen wichtigen Auswanderungsgrund aus, jedoch sind auch die Kriegserlebnisse, der Beginn des Kalten Kriegs sowie die Last der Kriegsschuld als Push-Faktoren nicht zu vernachlässigen. Viele Deutsche litten unter der allgemeinen Notlage und befürchteten, dass Westdeutschland sich nicht allein ernähren könne. Zudem hatten viele Menschen Angst vor einem neuen Krieg. Vor allem Arbeiter, Händler und Techniker wollten in Australien ihren wirtschaftlichen Status verbessern, was aufgrund der unterschiedlichen wirtschaftlichen Situation der beiden Länder 1950 verständlich wird. Die 49-Stunden-Woche in Deutschland, dazu eine hohe Arbeitslosigkeit von 10,4%, die niedrigen Löhne und die hohen Preise für Konsumlangzeitgüter, zudem die deutlich geringere Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung waren alles Motive, die für eine Auswanderung nach Australien sprachen, das als „relativ wohlhabendes Land“ galt. Dort bestimmte seit 1948 die 40-Stunden-Woche den Arbeitsalltag, die Arbeitslosigkeit befand sich 1950 mit nur 1,8% auf einem sehr viel geringeren Niveau, die Löhne dagegen auf einem sehr hohen. „Die Mehrheit der australischen Bevölkerung genoss in den 50er Jahren einen sehr hohen Lebensstandard“, was die Deutschen dazu bewegte, ebenfalls nach Down Under zu ziehen. Auch die anfangs gute Versorgung mit Wohnraum – fast 90% der Australier wohnten im Eigenheim – stellte für die deutschen Auswanderungswilligen einen wichtigen Aspekt dar, wenn man bedenkt, dass Deutschland 1950 teilweise noch in Trümmern lag. So befand sich Australien bis 1960 mit ca. 203.000 Personen aus dem deutschen Bundesgebiet an dritter Stelle der Zielländer. Ende der 1970er Jahre hatten sich die Auswanderungsmotive bei manchen dann verändert: die sogenannten „Atombombenmigranten“ emigrierten nach Australien, da das Land bei allen, die Angst vor einem Atomkrieg hatten, als „safer place“ galt.

Pull-Faktoren: attraktives Australien?

Australien war historisch gesehen ein Einwanderungsland und lag nach absoluten Zahlen in den letzten 150 Jahren hinter den USA, Kanada und Brasilien auf dem vierten Platz. Zwischen 1850 und 2000 wird geschätzt, dass 9,5 Mio. Immigranten nach Australien einwanderten und permanent siedelten. Eine große Rolle spielten dabei wirtschaftliche Beweggründe. Die Aussicht auf höhere Lebensstandards, der Erwerb von Bodenbesitz und bessere Verdienstmöglichkeiten kennzeichneten die Wünsche der Siedler des 19. Jahrhunderts. Auch wenn die ersten Auswanderer hauptsächlich aus religiösen Gründen emigrierten – was anhand der Altlutheraner in South Australia im weiteren Verlauf der Arbeit sichtbar werden wird – war die Arbeitsmigration schon immer zahlenmäßig relevanter. Auch soziale und politische Motive sollten nicht vernachlässigt werden. Hahn spielt auf den „Export der sozialen Frage“ nach Nordamerika und Australien seit Ende des 18. Jahrhunderts an und meint damit, dass die von Armut und Perspektivlosigkeit betroffenen Bauern und Handwerker ihre Verelendung im Heimatland nicht hinnehmen wollten und die einzige echte Alternative in der Auswanderung sahen. Hinzu kam Mitte des 19. Jahrhunderts der „Export der politischen Frage“, worunter die Ausweisung oder sogar Flucht der gescheiterten Revolutionäre verstanden wird. All diese Leute verbindet die Hoffnung, am anderen Ende der Welt neu anfangen zu können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen – unabhängig ihrer wirtschaftlichen Situation oder politischen Überzeugung. Verstärkt wurde gerade die überseeische Massenmigration neben der Revolutionierung des Transportwesens auch durch Fortschritte bei der Vermittlung von Informationen sowie der Ausbreitung der Massenmedien, da es nun leichter war, sich über die Auswanderung nach Australien zu informieren. Konnte man früher nur vereinzelt Berichte von Emigranten hören, nahm die publizistische Informationsdichte über mögliche Zielländer schon bald zu. Zudem entsandten zuerst die einzelnen Kolonien, später die australische Regierung, Einwanderungsagenten in das Deutsche Reich, um auswanderungswillige Deutsche anzuwerben.

Auch im 20. Jahrhundert dominierten wirtschaftliche Pull-Faktoren die Emigration nach Australien und das Werben für die Auswanderung wurde intensiviert. Die australische Botschaft eröffnete in verschiedenen deutschen Großstädten Auswanderungsbüros, verteilte Informationsbroschüren und warb neutral in Zeitungen und Zeitschriften. Die positiven Zahlen der australischen Wirtschaft zu Beginn der 1950er Jahre waren den meisten Deutschen bekannt und man wusste um den „Reichtum des Landes und die hohen Löhne“. Trotzdem achtete die deutsche Regierung darauf, dass die Verhältnisse in Australien nicht zu geschönt dargestellt wurden. Ohnehin wurde die Auswanderung in der Bundesrepublik erst ab dem 8. Mai 1952 offiziell zugelassen und staatlich betreut, als das Bundesamt für Auswanderung seine Arbeit aufnahm. Wenig später gab es in Westdeutschland insgesamt 75 gemeinnützige Beratungsstellen zur Auswanderung. Es wurde immer wieder auf die negativen Aspekte, zum Beispiel die angespannte Wohnraumsituation sowie meist eine unterqualifizierte Beschäftigung, hingewiesen. Dennoch galt der rote Kontinent weiterhin als attraktives Auswanderungsland und viele Abenteurer wagten den Schritt ans andere Ende der Welt, um dort ein neues Leben anzufangen.

Neubeginn in Australien: Zahlen und Fakten zur deutschen Überseemigration im 19. Jahrhundert

Bis zum 1. Weltkrieg war die deutsche Einwanderung nach Australien hinter der britischen die umfangreichste. Die Deutschen galten als die „major group to form distinctive rural settlements before the First World War”. Den Anfang der modernen Auswanderungsströme machten Kleinbauern und Handwerker aus Süddeutschland, vor allem aus Bayern, Württemberg, Baden und der Pfalz. Teilweise lässt sich dabei bereits eine Tendenz zur Anwerbung qualifizierter Arbeitskräfte – wie sie charakteristisch für Australiens Migrationsgeschichte ist – erkennen. Migranten sollten „Siedlungs- und Ausbauarbeiten“ durchführen und auch die Deutschen hatten daran ihren Anteil. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen dann vermehrt Tagelöhner und Bauern aus den deutschen Ostprovinzen. Daran lässt sich erkennen, dass die Immigration deutscher Siedler auf den roten Kontinent differenzierter betrachtet werden muss. Sie lässt sich chronologisch und räumlich in drei Phasen unterscheiden. Die ersten deutschen Auswanderer erreichten 1838 South Australia und gründeten dort erste größere deutsche Siedlungen. Eine zweite Welle setzte zu Beginn der 1850er Jahre mit dem Goldrausch in Victoria ein. Nur wenig später kamen Deutsche auch in Gruppen nach New South Wales und Queensland, das anfangs noch zur Provinz Neusüdwales gehörte. Jede Region wies andere Gegebenheiten auf, sodass sich das Leben der Deutschen unterschied, wie in diesem Kapitel gezeigt werden soll. Somit liegen für die ersten Jahrzehnte auch keine Zahlen über die gesamte deutsche Auswanderung nach Australien vor, da die Provinzen immer einzeln betrachtet wurden. Erst ab 1872 kann man mithilfe des Statistischen Jahrbuchs für das Deutsche Reich anhand der Auswanderungsstatistiken, die deutsche Emigranten nach Australien in deutschen, belgischen und holländischen Häfen zählten, erahnen, wie viele tatsächlich nach Down Under reisten. Für den Zeitraum von 1872 bis 1899 sind 19.307 Auswanderer vermerkt; zwischen der Jahrtausendwende und dem Beginn des 1. Weltkriegs kamen dann nochmal 2.871 Deutsche.

Landwirtschaft und Weinanbau in South Australia

Wenn man über South Australia spricht, ist es wichtig zu wissen, dass diese Provinz – die 1836 von New South Wales abgelöst wurde – keine Sträflingskolonie war, sondern durch freie Einwanderer besiedelt wurde. Edward Gibbon Wakefield entwarf schon früh Pläne für eine systematische Kolonisierung Südaustraliens. Dabei war sein Ziel, Arbeitsmigranten, sowohl aus dem britischen Empire als auch aus anderen europäischen Regionen, anzuwerben, die zu einem vernünftigen Bodenpreis Land erwerben und besiedeln sollten. Das ‚Experiment South Australia‘ gelang insofern, als es zeigte, dass man sehr wohl ohne Sträflinge auskommen konnte. Es gab also bereits Mitte des 19. Jahrhunderts Strategien, Arbeitsmigranten anzuwerben – und wie sich zeigen wird, blieb diese Taktik Australiens im 20. Jahrhundert und bis heute bestehen.

Bereits 1837 kam der Deutsche Johannes Menge in South Australia an. Er machte sich einen Namen als Mineraloge, indem er Bodenschätze, wie zum Beispiel Kupfer, entdeckte und die Fruchtbarkeit des Barossa-Valleys ca. 60km nördlich von Adelaide untersuchte. Die erste organisierte Auswanderung einer großen deutschen Gruppe folgte ein Jahr später, und zwar aus religiösen Gründen: die Altlutheraner. Nachdem König Friedrich Wilhelm III. 1817 die Vereinigung der reformierten und der lutherischen Kirche forderte, sahen sie nur die Möglichkeit der Auswanderung, um in ihrer freien Religionsausübung nicht eingeschränkt zu werden. Dabei spielte Pastor Kavel aus Brandenburg eine entscheidende Rolle. Mithilfe des Agenten George Fife Angas, der die Kosten für die Überfahrt trug, organisierte Kavel die Emigration seiner Gemeinde nach South Australia. Über Plymouth segelten die Deutschen schließlich auf der „Prince George“ in ihre neue Heimat, wo sie am 20. November 1838 in Port Adelaide ankamen. Im Hinterland gründeten die Deutschen eine erste Siedlung, die sie nach ihrem deutschen Heimatdorf benannten: Klemzig. In den folgenden Monaten erreichten noch weitere Schiffe mit deutschen Lutheranern an Bord die australische Küste; insgesamt folgten 486 Menschen Pastor Kavel ans andere Ende der Welt. Alle siedelten in den Hügeln hinter Adelaide; so entstanden unter anderem die Orte Hahndorf (1839), das nach Kapitän Hahn, der eines der Schiffe nach Australien steuerte, benannt wurde, sowie wenig später Lobethal (1842), wo sich ca. 200 Anhänger des lutherischen Pastors Fritzsche niederließen. Viele Dörfer wurden in der traditionellen Form eines deutschen Waldhufendorfs errichtet und Fachwerkhäuser zierten das Straßenbild. Wenig später, als weitere deutsche Auswanderer nach Down Under kamen, wurde auch das fruchtbare Barossa-Tal von Deutschen besiedelt, die unter anderem die Siedlungen Bethanien (1842) und Langmeil (1843) gründeten. Viele Deutsche lebten in „freiwilliger Isolation“ in sogenannten „closed communities“, da aufgrund der großen Zahl an Deutschen in der Region nicht die Notwendigkeit bestand, Kontakt zu nichtdeutschen Siedlern zu knüpfen. Die meisten Einwohner der Orte konnten sich selbst versorgen und ihre Aufgaben erledigen, da verschiedene Berufsgruppen vertreten waren. Statistiken besagen zum Beispiel, dass „33 per cent […] farmers, 37 per cent tradesmen, 9 per cent in commerce, 1 per cent professionals (including all pastors and missionaries), 12 per cent labourers and 8 per cent in various other occupations” beschäftigt waren.

Klemzig (Gemälde von George French Angas).
Klemzig (Gemälde von George French Angas).

Die deutschen Emigranten galten als „founding pioneers“, die erheblich zur Besiedlung Australiens beitrugen und angesehene Arbeitskräfte waren. Deutsche galten als vertrauensvolle und hart arbeitende Bauern, die durch den Gemüseanbau in meist kleinen Familienwirtschaften die Versorgung der Stadt Adelaide sicherstellten. Daneben arbeiteten sie auf den Landgütern der englischen Herren und insbesondere die Frauen machten sich einen Namen als Schafschererinnen. Schließlich stellten die Schafzucht und der Wollexport eine wichtige Säule der Wirtschaft in der Kolonie dar. Es deutete sich also bereits im 19. Jahrhundert an, dass Australien auf Siedlungs- und Arbeitsmigranten angewiesen war. Gleichzeitig hatten sich die Motive der deutschen Auswanderer verändert: viele kamen nun aus wirtschaftlichen Gründen und mit der Hoffnung, ein eigenes Stück Land zu erwerben und sich selbst versorgen zu können. Im Barossa-Valley entstand beispielsweise gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein bekanntes Weinbaugebiet, denn viele deutsche Einwanderer brachten ihr Know-how als Winzer mit. Besonders bekannt wurde die Stadt Tanunda als Zentrum des Weinbaus. Doch auch der Anbau von Getreide sowie die Schweinezucht und die Milchwirtschaft wurden dort praktiziert. Gegen Ende der 1840er Jahre waren auch mehr Deutsche im Bergbau beschäftigt, nachdem in South Australia Kupfer entdeckt wurde. Eine große Gruppe von über 1.100 Personen kam aus dem Raum ClausthalZellerfeld im Harz. Ihre Auswanderung wurde staatlich vom Königreich Hannover gefördert.

Die Auswanderung nach Australien nahm also stetig zu; schon 1844 segelte das erste Schiff mit 180 Auswanderern von der Weser nach Port Adelaide ab, 1845 folgten von ebendaher zwei Schiffe mit 494, 1846 drei Schiffe mit 656, 1847 vier Schiffe mit 698 Passagieren für Süd-Australien. Auch von Hamburg aus starteten Schiffe ans andere Ende der Welt: im Oktober 1848 verließen allein sechs Schiffe mit 1.131 Auswanderern die Elbe, und im Jahre 1849 schifften sich ungefähr 4.000 Deutsche über beide norddeutsche Häfen ein. Nach der gescheiterten Revolution 1848/49 flohen viele deutsche Intellektuelle aus politischen Gründen auf den roten Kontinent. Diese Akademiker siedelten bevorzugt in der Hauptstadt Adelaide; geschätzt wird, dass mehr als 2.500 in einem Stadtteil zusammenkamen, der als „Deutsches Viertel“ bezeichnet wurde. Die Stadtbewohner hatten andere Berufe, sie waren zum Beispiel Ärzte, Gelehrte, Unternehmer, Theologen, Philologen, Künstler und Musiker. 1860 waren bereits über 9.000 deutsche Siedler in South Australia angekommen und die Zahlen stiegen bis zum 1. Weltkrieg weiter an. Der Anteil der Deutschen und ihrer Nachkommen an der Bevölkerung Südaustraliens blieb dabei immer konstant bei knapp 10%. Ab den 1850er Jahren wurde neben South Australia auch eine andere Region Ziel deutscher Auswanderer, was im nächsten Abschnitt genauer beleuchtet wird.

Sydney im Jahr 1883 (Gemälde von Alfred Tischbauer)
Sydney im Jahr 1883 (Gemälde von Alfred Tischbauer).

Auf der Suche nach Gold in Victoria

Nachdem man in Victoria, das sich 1851 von New South Wales separierte und danach eine eigene Kolonie wurde, den Erfolg der systematischen Besiedlung mit freien Einwanderern in der Nachbarregion Südaustralien wahrnahm, begannen auch in der Hauptstadt Melbourne Vorbereitungen, freie Siedler anzuwerben. Deutsche hatten sich inzwischen einen Namen als gute Wein- und Ackerbauern gemacht, sodass man versuchte, diese nach Victoria zu locken. So landeten 1848 und 1849 bereits 800 Deutsche in Port Phillip, dem Hafen von Melbourne. Jedoch waren unter den Neuankömmlingen hauptsächlich Handwerker und einige Landarbeiter sowie Künstler und Geschäftsleute. Die erste Gruppe ließ sich in der Nähe der heutigen Stadt Geelong nieder und gründete dort den Ort Germantown. Hinzu kamen Binnenmigranten, die von South Australia nach Victoria zogen und sich im Hinterland ein neues Leben aufbauen wollten. So entstanden 1851 mehrere deutsche Siedlungen im Landesinneren, unter anderem Hochkirch und Gnadental. Andere Einwanderer wiederum blieben eher im kulturellen Zentrum Melbourne, um dort ihr Geschäft aufzubauen oder ihre Forschung auszuweiten. Ein bekannter Deutscher darunter war der Botaniker Ferdinand von Müller, der bereits 1847 nach South Australia reiste und 1852 nach Victoria kam. Er trug maßgeblich zur Erforschung der Region bei, nahm an verschiedenen Exkursionen teil und wurde 1857 zum Direktor des Botanischen Gartens in Melbourne ernannt.69 Bis heute gilt er als bekannter und angesehener Mann in Australien.

Konnte man die Struktur der Emigration nach Victoria in den ersten Jahren noch als Familien- bzw. Gruppenauswanderung beschreiben, änderte sich dies um ca. 1850 durch die ersten Goldfunde. Nun kamen vor allem einzelne, unverheiratete Männer, die vornehmlich als Goldsucher ihr Glück auf den Goldfeldern suchten. Doch auch Dienstboten und Landarbeiter befanden sich unter den deutschen Auswanderern. In ganz Victoria stieg die Bevölkerungszahl ab 1851 rasch an; allein die europäische Bevölkerung wuchs in nur einem Jahr von 190.000 auf 405.000 an.70 Bereits ein Jahrzehnt später, 1860, lebten fast 1,2 Mio. Menschen in Victoria. Besonders die Orte Ballarat und Bendigo zogen deutsche Goldsucher an. So kamen zwischen 1853 und 1855 allein 42 Schiffe aus Hamburg an der australischen Küste an. Dadurch zählte man 1854 bereits fast 4.000 in Deutschland Geborene, jedoch stieg die Zahl weiter an, sodass sich 1861 über 10.000 in Victoria befanden. Manche Schätzungen gehen sogar von noch höheren Zahlen aus: „German speakers consituted the largest group of immigrants from Europe, with perhaps 20.000 arriving between 1851 and 1860.“ Einig sind sich dennoch alle, dass die Deutschen die größte und einflußreichste Gruppe von Goldgräbern vom europäischen Festland stellten – sie besaßen sogar ihre eigene Goldgräbersektion. So ist es auch nicht verwunderlich, dass deutsche Siedler 1853 am Goldgräberaufstand, der Eureka Stockade, beteiligt waren. 1871 machte ein anderer Deutscher Schlagzeilen: der Goldsucher Bernhard Holtermann entdeckte – allerdings nicht in Victoria, sondern in New South Wales – den größten je gefundenen Goldklumpen. Er wog fast 300 Kilogramm und mit dem Erlös setzte sich der Deutsche zur Ruhe und widmete sich in Sydney der Fotografie. Der Goldrausch ließ relativ schnell nach, sodass auch die Einwanderungszahlen nach Victoria seit 1861 wieder abnahmen. Die deutschsprachige Bevölkerung blieb jedoch als einzige europäische Gruppe weiterhin in großen Zahlen präsent. So wurde 1891 ein Höchststand von über 11.000 Deutschen in Victoria erreicht. Es rückten aber im Laufe der Zeit vermehrt auch andere Kolonien in das Interesse deutscher Siedler.

Australische Goldgräber, um 1855 (Gemälde von Edwin Stocqueler).
Australische Goldgräber, um 1855 (Gemälde von Edwin Stocqueler).

Pionierarbeit in New South Wales und Queensland

Neusüdwales war bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine Sträflingskolonie, sodass dort zunächst keine freien Einwanderer siedelten. Die ersten deutschen Siedler kamen kurz vor 1850, zunächst jedoch eher in kleineren Gruppen. Die Deutschen galten auch in New South Wales als „künftige Siedler und verläßliche Landwirte“ und arbeiteten vor allem im Wein- und Olivenanbau sowie teilweise in der Seidenverarbeitung. Es wird also deutlich, dass deutsche Einwanderer in New South Wales, ähnlich wie in South Australia, bevorzugt in der Landwirtschaft tätig waren, anders als dies bei den deutschen Goldsuchern in Victoria der Fall war. Nach Berichten aus Frankfurt a. M. verließen 1848 an dreihundert, 1849 über sechshundert Landleute und Winzer vom Oberrhein und der Mosel ihre Heimat, um in Neu-Süd-Wales Schaafszucht und Weinbau zu betreiben, schreibt Heising zum Beispiel 1853. Auch ist die Immigration wieder als Familien- und Gruppeneinwanderung zu charakterisieren. 1849 wurden zum Beispiel 104 Familien in New South Wales willkommen geheißen.80 Auch der bekannteste Deutsche in Australien erreichte bereits 1842 den roten Kontinent. Ludwig Leichhardt machte sich als Forscher einen Namen. Von New South Wales und dem späteren Queensland aus führte er 1845/46 mehrere Expeditionen in den Norden Australiens durch und wollte als Erster versuchen, das Land von Ost nach West zu durchqueren. Bei diesem Versuch jedoch verschwanden er und seine Begleiter und wurden nie wieder gefunden. Für seine Leistungen aber wird er bis heute gewürdigt und in Sydney wurde sogar ein Stadtteil nach ihm benannt.

Besonders interessant ist die Migration nach New South Wales und ins spätere Queensland insbesondere nach 1850, denn es handelt sich dabei um eine erste Form von assisted immigration. Diese Form der unterstützten Einwanderung, bei der den Migranten beispielsweise ein Reisekostenzuschuss für die Überfahrt gewährt wurde, ist auch für die Migrationen im 20. Jahrhundert charakteristisch, wie im zweiten großen Kapitel dieser Arbeit dargestellt wird. Im 19. Jahrhundert standen die Regierungen der einzelnen Kolonien untereinander im Wettbewerb um europäische Einwanderer. Dafür beschäftigten sie deutsche Einwanderungsagenten, die in ihrer deutschen Heimat Werbung machen und Deutsche damit nach Australien locken sollten, wo dringend Siedler und Arbeitskräfte benötigt wurden. Da sich viele Auswanderer die Reise finanziell nicht leisten konnten, wurde diese von den Behörden der australischen Provinzen subventioniert. Deshalb kann man auch im 19. Jahrhundert bereits von assisted immigration sprechen – allerdings mit der Einschränkung, dass es sich dabei nicht um staatliche Unterstützung handelte, da Australien als Staat noch gar nicht existierte. In Neusüdwales arbeitete der deutsche Konsul Wilhelm Kirchner, der vor allem in Hamburg und Preußen Auswanderungsratgeber publizierte: „Die Nahrung kann nicht zu den Hungrigen gebracht werden, so laßt die Hungrigen zur Nahrung kommen, den Arbeiter zur Arbeit und zum guten Verdienst“. Seinem Aufruf folgten prompt 2.000 Siedler, die 1853 in Sydney ankamen; von 1854 bis 1857 erreichten weitere 4.000 Auswanderer die Hauptstadt. Gegen Ende der 1860er Jahren führte auch die innerstaatliche Migration von Südaustralien zu einem Anstieg der Deutschen in Neusüdwales, 1880 entstanden mehrere deutsche Bauernsiedlungen. Die deutschen Siedler waren eine der wenigen Gruppen, denen erfolgreiche Landwirtschaft gelang, wie die Regierung in New South Wales bereits 1870 feststellte: Deutsche seien demnach „useful labourers and good agriculturalists“. Die Zahl deutscher Siedler erreichte jedoch nie einen so hohen Stand wie in Südaustralien oder Queensland; 1891 wurden 9.565 aus deutschen Gebieten stammende Menschen in Neusüdwales gezählt. Dadurch konnten die wenigen Deutschen aber schneller in die Gesellschaft integriert werden, da sie nicht in ihren eigenen deutschen Siedlungen isoliert waren.

Queensland wurde erst 1859 von New South Wales abgetrennt und eine eigenständige Provinz, zog dann aber umso mehr deutsche Siedler an. Zwar kamen die ersten bereits 1854 als Schafhirten oder sogenannte boundary riders und siedelten in den Darling Downs, jedoch beginnt die Massenmigration nach Queensland erst in den 1860er Jahren. Auch hierfür war ein deutscher Agent, der Kaufmann Johann Heussler, verantwortlich. Die Migration verlief etwas anders, denn die Regierung konnte die Reise nicht subventionieren. Stattdessen wurde den Einwanderern, die die Reisekosten selbst trugen, bei Ankunft ein Stück Land zugewiesen, dass diese besiedeln und bearbeiten sollten – dieses System nannte man land-order-System. Dennoch verzeichnete man bereits 1861 über 2.100 Deutschstämmige in Queensland; in den 1870er Jahren wanderten dann nochmals über 10.500 aus. Die Immigration lässt sich, wie in New South Wales und South Australia, auch hier wieder als Familienauswanderung charakterisieren. Die allgemein guten Erfahrungen mit Deutschen in den anderen Regionen trugen dazu bei, dass deutsche Siedler gern gesehen waren und als Pioniere ganze Landstriche rodeten, um danach Landwirtschaft betreiben zu können. Im Distrikt von Beenleigh in der Umgebung der Hauptstadt Brisbane wurde zum Beispiel Zuckerrohr, Pfeilwurz, Mais, Tabak und Kaffee angebaut, etwas weiter nördlich an der Küste setzte man eher auf Milchwirtschaft und Schweinezucht. Es wird also auch hier deutlich, dass der Großteil der deutschen Siedler in der Landwirtschaft auf kleineren Farmen beschäftigt war; trotzdem gab es auch einige Geschäftsleute und Handwerker, die in Brisbane lebten. Bis 1893 wanderten ca. 23.000 deutschsprachige Menschen nach Queensland ein; so entstanden viele Orte mit deutschen Namen, zum Beispiel Bethanien, Bismarck, Marburg, Engelsburg oder Habsburg. Es ist also nicht verwunderlich, dass der Anteil der deutschstämmigen Bevölkerung in Queensland am höchsten war: „1881 there were over 37.000 German-speaking immigrants living in Australia and Queensland had the highest concentration at 5.5 per cent of the population.“

'Erste Wohnhütte eines deutschen Ansiedlers' in Rosewood, Queensland, ca. 1880.
‚Erste Wohnhütte eines deutschen Ansiedlers‘ in Rosewood, Queensland, ca. 1880.

Auffallend ist, dass nur sehr wenige deutsche Siedler nach Westaustralien und Tasmanien auswanderten, wo die Zahl der Deutschen nie die Höhe anderer Kolonien erreichte. Deshalb wird auf diese Regionen ebenso wenig eingegangen wie auf den erst später gegründeten Bundesstaat des Northern Territory, wo sich nur vereinzelte deutsche Missionsanstalten befanden. Tampke kommt schlussendlich zu dem Ergebnis, dass die deutsche Immigration im 19. Jahrhundert eine große „success story“ sei, sowohl für die Einwanderer als auch für die florierende neue Gesellschaft Australiens. Durchschnittlich emigrierten zwischen 1861 und 1890 jährlich etwa 1.000 Deutsche auf den roten Kontinent, doch zur Jahrtausendwende gingen die Zahlen zurück. Wie sich die deutsche Einwanderung nach Down Under im 20. Jahrhundert entwickelte, wird nun im zweiten Teil dieser Arbeit untersucht.

Arbeitsmigranten gesucht: die Einwanderungswelle(n) im 20. Jahrhundert

Im Jahr 1901 wurde Australien unabhängig vom Mutterland Großbritannien, gerade deshalb war es jedoch auch weiterhin auf die Einwanderung von Arbeitskräften angewiesen. Um einer möglichen Überfremdung vorzubeugen und aus Angst vor Konkurrenz – denn im ausgehenden 19. Jahrhundert waren immer mehr Chinesen und andere Asiaten nach Down Under gekommen – wurde 1901 der Immigration Restriction Act verabschiedet. Er war Bestandteil der diskriminierenden White Australia Policy, deren Ziel es war, die Präsenz europäischer, insbesondere britischer, Immigranten zu erhöhen und asiatische Einwanderer auszuschließen. Nach wie vor gab es in Europa ein allgemeines Auswanderungsstreben, das die australische Regierung gut zu nutzen wusste. Für Deutsche war die Ausreise jedoch nicht mehr so einfach. Einerseits bestand zeitweise ein Ausreiseverbot aus dem Deutschen Reich, da man das Arbeitskräftepotenzial nicht verlieren wollte. So kamen in den ersten Jahren des unabhängigen Australiens (1902-1905) nur knapp 4.000 deutsche Siedler auf den roten Kontinent, was einem Anteil von 2,1% entsprach. Britische Immigranten aus dem Commonwealth machten hingegen über 80% aus. Zwischen 1906 und 1910 wanderten über 9.700 Deutsche aus, was auch nur 2,5% entsprach, damit lagen die deutschen Auswanderer auf Platz zwei hinter den Briten; von 1911 bis 1915 erreichten rund 12.500 Deutsche (2%) – Kriegsgefangene waren nicht mit eingeschlossen – den fünften Kontinent. Die Zahlen der bereits in Australien lebenden Deutschstämmigen waren nicht eindeutig definiert. Lodewyckx unterschied drei Gruppen:

  • Deutschaustralier (alte Kolonisten und deren Nachkommen)
  • Lutheraner (über ihre Konfession definiert)
  • Im Deutschen Reich Geborene

Laut Lodewyckx lebten 1901 rund 75.000 Lutheraner in Australien. Interessant ist, dass der seit 1901 regelmäßig durchgeführte Zensus der australischen Regierung für das gleiche Jahr auf nur ca. 38.350 German-born-people kommt. Nimmt man nun für das Jahr 1911 bei Lodewyckx aber die Zahl der im Deutschen Reich Geborenen kommt man auf 32.990 – die australischen Statistiken geben mit 33.296 immerhin einen nicht wesentlich höheren Wert an.102 Es wird aber deutlich, dass die Definition „deutsch“ unterschiedlich ausgelegt werden kann.

In den folgenden Abschnitten wird sichtbar werden, dass die Zahl der Deutschen ohnehin immer zeitlichen Schwankungen unterworfen war. Während der Weltkriege wurden Ein- und Auswanderungszahlen oft nicht erfasst und die Immigration teilweise verboten. So setzte die australische Regierung zum Beispiel in Folge des 1. Weltkriegs ein Einreiseverbot für Deutsche durch. Aber auch nach dem 2. Weltkrieg dauerte es eine Weile, bis man als Deutscher wieder nach Down Under reisen konnte. Dafür schnellte die Zahl dann zu Beginn der 1950er Jahre in die Höhe. Deshalb sollte man die Migrationen im 20. Jahrhundert nicht als großes Ganzes analysieren, sondern den Fokus auf bestimmte Perioden legen. Dabei darf die Strategie der australischen Regierung – der Wunsch nach (europäischen) Arbeitskräften – jedoch nicht übersehen werden.

Ein Auswandererschiff aus dem Jahr 1905.
Ein Auswandererschiff aus dem Jahr 1905.

„Enemy Aliens“: Deutsche in Australien während und nach dem 1. Weltkrieg

Seit der Vereinigung aller Bundesstaaten zu einem geeinten Australien wurde die Einwanderung für Deutsche schwieriger. Wie bereits gezeigt, gingen die Zahlen deshalb zurück. Zugleich stellt Von Tiesenhausen fest: „1901 war das Jahr für die Australiendeutschen, in welchem die ersten Schatten des Weltkrieges für sie auftauchten.“ Denn schon Jahre bevor in Europa der Krieg ausbrach, begann in Down Under vermehrt Pressehetze gegen Deutsche, die unter anderem für die Absenkung des Lebensstandards verantwortlich gemacht wurden. Der Beginn des Great War trug ebenso wenig zu einem entspannten Umgang mit den Deutschaustraliern bei, im Gegenteil kam es zu den „absurdesten Maßnahmen“, um den Feind im eigenen Land zu kontrollieren. Waren die Deutschen jahrzehntelang gut integrierte und angesehene Siedler, wurden sie während des Kriegs zu „Ausgestoßenen, in der Öffentlichkeit nicht selten zu gefährlichen Feinden“ stilisiert. Der Kriegsbeginn bedeutete also einen „tiefen Einschnitt“ in der Geschichte der Deutschen in Australien – und das waren Schätzungen zufolge 1914 immerhin ca. 60.000 Menschen. In diesem Jahr verabschiedete die australische Regierung den sogenannten War Precautions Act. Das Gesetz, in Verbindung mit einem allgemeinen „anti-German feeling“ innerhalb der australischen Bevölkerung, hatte jedoch sehr wohl Einschränkungen für die in Australien lebenden Deutschen zur Folge. So gerieten alle, besonders diejenigen in ihren eigenen Siedlungen, unter Generalverdacht. Außerdem wurden deutsche Schulen geschlossen, Deutsch als Unterrichtssprache verboten und deutsche Gottesdienste abgeschafft. Damit einher erging auch ein Verbot, auf Deutsch zu publizieren; zudem mussten sämtliche deutsche Zeitungen und Clubs schließen. Andere Deutsche wurden aus ihrer Arbeit entlassen und viele sahen sich Diskriminierungen ausgesetzt. Des Weiteren wurden deutsche Ortsnamen verändert; so wurde zum Beispiel die erste Siedlung Klemzig in Gaza umbenannt, aus Hahndorf wurde Ambleside und Lobethal hieß nun Tweedvale. Um offene Angriffe zu vermeiden und dem Druck der Öffentlichkeit zu entgehen, änderten auch viele deutsche Siedler ihren Namen in ein englisches Äquivalent ab.

Durch die Erlassung der Aliens Restriction Order 1915 wurde die Situation der Deutschaustralier noch schwieriger. Sie mussten sich nun offiziell mit ihrem deutschen Namen registrieren lassen, es kam zu Besitzbeschränkungen und Hausdurchsuchungen der Polizei. Außerdem wurden viele Deutsche willkürlich verhaftet, deportiert und einige von ihnen in Lager interniert; auch Australiendeutsche zweiter und dritter Generation wurden eingesperrt. Von den rund 33.000 in Deutschland Geborenen, die 1914 in Australien sesshaft waren, wurden 14% als sogenannte enemy aliens verhaftet. In absoluten Zahlen waren damit jedoch weniger als 6.000 Deutsche interniert – im Vergleich zur Zeit des 2. Weltkriegs war dies wenig. Das stimmt in etwa mit den Zahlen bei Lodewyckx und Von Tiesenhausen überein, die beide jeweils angeben, dass in den vier Kriegsjahren 5.688 Deutsche und Österreicher verhaftet worden seien. Der Großteil davon (5.188) seien Reichsdeutsche gewesen, von denen über 1.000 nicht einmal in Australien festgenommen, sondern nur dorthin deportiert worden seien. Somit seien nur knapp 4.000 in Deutschland Geborene in Australien selbst verhaftet worden. Von den rund 175.000 Deutschaustraliern – das sind diejenigen, die zwar deutscher Herkunft sind, aber bereits in Australien geboren wurden – waren nur 61 interniert.113 Einige Häftlinge wurden nach Torrens Island gebracht, das in den Anfangsjahren 1914/15 für schlechte Haftbedingungen und eine hohe Intensität von Gewalt bekannt war. Dort litten knapp 300 deutsche Zivilisten unter Misshandlungen und anderen Strafen. Tampke meint schließlich: „But in the end, verbal or written abuse, temporary dismissals of councillors or aldermen, threatening resolutions or the changing of German placenames cannot be ranked among the real tragedies of the war.“

Plakette des Internierungslagers Torrens Island.
Plakette des Internierungslagers Torrens Island.

Trotzdem hatte der 1. Weltkrieg massive Folgen für die deutsche Migration auf den roten Kontinent und die dort lebenden Deutschen. Abgesehen davon, dass deutsche Verbände erst nach 1920 wieder langsam belebt und deutsche Schulen erst 1924 wieder eröffnet wurden sowie der Tatsache, dass Deutsch in Australien nur noch als „Fremdsprache“ gelehrt wurde, wurden nach Kriegsende über 6.000 Deutsche des Landes verwiesen. Bis 1925 bestand außerdem ein Einwanderungsverbot für Deutsche, das nur in individuellen Härtefällen ausgesetzt wurde. So kamen 1919 nur 54, 1920 115, 1921 76 und 1922 86 Deutsche nach Down Under. Für die Jahre 1923 und 1924 gehen die Zahlen weit auseinander: laut den Auswanderungsstatistiken des Statistischen Jahrbuchs für das Deutsche Reich reisten 1923 nur 51, 1924 sogar nur 3 Deutsche nach Australien ein. Lodewyckx gibt hingegen an, dass in diesen beiden Jahren 130 und 235 Deutsche nach Australien einwanderten. Vermutlich konnten in den Wirren nach dem 1. Weltkrieg nicht alle Zahlen korrekt erfasst werden. Es wird aber deutlich, dass die Überseemigration erheblich eingebrochen ist, denn auch nach der Aufhebung des Einreiseverbots 1925 stiegen die Zahlen nicht wirklich an. Von 1926 bis kurz vor dem 2. Weltkrieg – die letzten Zahlen stammten von Januar bis August 1939 – wanderten insgesamt nur 1.607 Menschen ab. Verwirrend ist dabei, dass Richards in seinen Statistiken, die auf offiziellen Jahrbüchern des Commonwealth und australischen Einwanderungsstatistiken beruhen, für die Jahre 1936 bis 1940 auf 9.514 Einwanderer mit deutscher Staatsangehörigkeit kommt. Es kann nur spekuliert werden, dass die Zahlen in Deutschland anders erfasst wurden und, dass dabei zum Beispiel Flüchtlinge des NS-Regimes nicht überall mitgezählt wurden. Man kann auch feststellen, dass der Anteil Deutscher an der australischen Bevölkerung zurückging. Erinnert man sich daran, dass am Abend des 1. Weltkriegs noch knapp 33.000 Deutsche in Australien gezählt wurden, fällt beim Zensus von 1921 auf, dass nur noch rund 22.400 Deutsche (2,7%) in Down Under lebten; 1933 waren es dann nur noch ca. 16.850 (1,9%).123 Dennoch ist Lodewyckx überzeugt, dass die Deutschen auch 1921 noch den „bei weitem […] wichtigsten nichtbritischen Bestandteil der australischen Bevölkerung“ bildeten.

Nach 1933 waren unter den Immigranten wenig freie Einwanderer; stattdessen kamen Deutsche, die aus politischen und rassischen Gründen aus Nazi-Deutschland flüchteten. Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 1.600 jüdische Flüchtlinge von 1933 bis 1940 nach Australien auswanderten. In den 1940er Jahren sind keine Ein- und Auswanderungszahlen mehr bekannt. Auch während des 2. Weltkriegs litten Deutschstämmige in Down Under unter Diskriminierung und Verhaftung, jedoch fiel der Hass nicht so radikal aus wie noch während des Great War. Trotzdem waren 1.115 Deutsche in Australien interniert; hinzu kamen 1.651 Kriegsgefangene. Nach Kriegsende befanden sich nur noch ca. 14.500 Deutsche in Australien; in allen Bundesstaaten war die Anzahl deutscher Siedler gesunken. Beim Zensus von 1947 wurden knapp 14.600 Deutsche gezählt, woran ein klarer Rückgang der genuin deutschen Bevölkerung in Australien sichtbar wird. Die Massenauswanderung Deutscher setzte erst wieder in den 1950er Jahren ein, als das Auswanderungsverbot der alliierten Besatzungsmächte aufgehoben wurde. Diese Migration soll im Folgenden analysiert werden.

Georg Auer, ein Jude aus Österreich, der mit der Dunera nach Australien kam und bis 1942 interniert wurde. Anschließend trat er in die Australische Armee ein.
Georg Auer, ein Jude aus Österreich, der mit der Dunera nach Australien kam und bis 1942 interniert wurde. Anschließend trat er in die Australische Armee ein.

Schnell geheilte Wunden nach dem 2. Weltkrieg: deutsche Immigration nach Australien nach 1945

Die Erfahrungen, die Australien während des 2. Weltkriegs gemacht hatte – das Land wurde besonders im Norden stark ausgebombt und die Japaner drangen zeitweise bis in den Hafen von Sydney vor –, führten ab 1946 zu einer besonderen Migrationsstrategie. Das neu geschaffene Ministerium für staatlich subventionierte Einwanderungspolitik, das Immigration Departement, unter der Leitung von Arthur Calwell rief deshalb gleich zu Beginn das Motto Populate or perish! („Bevölkern oder untergehen“) aus. Ziel war es, durch Einwanderung von Weißen bzw. Europäern eine rasche Bevölkerungszunahme herbeizuführen, weil man dachte, sich nur so gegen die bevölkerungsreichen asiatischen Staaten, welche zeitweise zur yellow peril („gelbe Gefahr“) aufgebauscht wurden, zur Wehr setzen zu können. Man versuchte also „mittels intensiv verfolgter Immigrationsprogramme die Wirtschaftsund Verteidigungskraft des Landes zu stärken“. Dabei diente Europa mit seinen unzähligen Ausreisewilligen als „Millionenreservoir“, von dem Australien seit 1946 Gebrauch machte. Für eine erfolgreiche Industrialisierung des Landes war Down Under schlichtweg auf Arbeitskräfte angewiesen. Nachdem man relativ schnell merkte, dass nur britische Emigranten nicht ausreichend für einen spürbaren Bevölkerungsanstieg waren, entschied die australische Regierung sich „other sources“ zuzuwenden. So wurden ab 1946/47 vor allem (jüdische) Flüchtlinge und sogenannte Displaced Persons (DPs) aufgenommen. Vereinzelt reisten auch Deutsche wieder nach Australien ein. Zwischen 1947 und 1952 wurden 240 deutsche Experten von der australischen Regierung rekrutiert, ab 1949 kamen deutsche DPs und Heimatvertriebene. Auch deutsche Frauen, die während und nach dem Krieg Männer anderer Nationalitäten geheiratet hatten, durften zwischen 1948 und 1951 einreisen. Das generelle Auswanderungsverbot für Deutsche wurde 1950 aufgehoben. Ein Jahr später kamen die sogenannten Jennings Germans nach Australien – 150 Zimmerleute, die in Deutschland angeworben wurden und beim Aufbau der Hauptstadt Canberra mithalfen. Insgesamt erreichten so im Rahmen des Special Project Workers Scheme 5.000 hochqualifizierte deutsche Arbeitskräfte zwischen 1950 und 1952 den roten Kontinent und erhielten einen Zweijahresvertrag. Es wird also deutlich, dass im Gegensatz zur Situation nach dem 1. Weltkrieg deutsche Migranten früher wieder in Australien willkommen waren. Die deutsch-australischen Beziehungen normalisierten sich rascher und „the wounds left by two world wars healed more quickly than expected“. So befürworteten zum Beispiel 1953 insgesamt 65% der Australier die deutsche Einwanderung, nur 24% waren noch dagegen. Relativ schnell erreichten die Deutschen wieder den Status der „most desirable migrants, after the British“, da sie als fleißige und zuverlässige Arbeitskräfte geschätzt wurden, was auch ein Verdienst der frühen deutschen Siedler war, die sich um das Land verdient gemacht hatten. Von 1945 bis 1953 wanderten geschätzt 23.000 Deutsche nach Australien ein und die Zahlen stiegen noch weiter.

Die erste große Einwanderungswelle begann 1952, als zwischen Deutschland und Australien ein Wanderungsabkommen geschlossen wurde, das vorerst auf fünf Jahre befristet war, wobei die Auswanderungskontingente jedes Jahr neu festgelegt wurden. Es handelte sich bei der Migration also um eine assisted immigration, die staatlich unterstützt wurde. Der Wanderungsvertrag sah vor, dass rund 4.000 Menschen, vor allem Einzelpersonen mit ihren Familien aus Westdeutschland – denn DDR-Bürger wurden als „unsozial oder gar halbkriminell“ eingestuft – nach Down Under emigrieren sollten. Das Agreement galt als Grundstein für eine konstante deutsche Einwanderung ins wirtschaftlich prosperierende Australien und die Auswanderung war – abgesehen von privat oder von kirchlichen Institutionen bezahlten Reisen – nur noch über das staatliche Auswanderungsprogramm möglich. Damit konnte auf deutscher Seite die Zahl und Qualifikation der Emigranten kontrolliert werden. Spezielle Arbeiter, wie es 1951 noch bei den Jennings Germans der Fall gewesen war, konnten somit nicht mehr angeworben werden. Auch die private Auswanderung war an hohe Hürden gekoppelt. Man brauchte zum Beispiel einen Bürgen vor Ort in Australien, der die Kosten der Reise trug sowie Wohnraum und Arbeit zur Verfügung stellte. Deshalb emigrierten nur wenige Deutsche selbstständig. Am auswanderungsfreudigsten zeigten sich die Heimatvertriebenen, die im Jahr 1953 34% der Emigranten ausmachten; die Alteingesessenen dagegen zog es nicht in die Ferne. Australien legte jedoch besonderen Wert auf „Reichsdeutsche“, Deutschland hingegen wollte vor allem „Volksdeutsche“ auswandern lassen, was zu Konflikten führte. Außerdem forderte Australien besonders junge Arbeiter und Fachkräfte mit Erfahrung, die in Entwicklungsprojekten, im Straßen- und Eisenbahnbau sowie in der Industrie eingesetzt werden sollten, ein geringerer Teil auch in der Landwirtschaft; zudem Frauen in klassischen Berufen, also als Hausangestellte und Krankenschwestern.

Deutschland hingegen wollte lieber ältere Landwirte mit ihren Familien und Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten auswandern lassen. Einerseits war man sich also über die Herkunft der Deutschen Emigranten uneinig, andererseits bestanden auch unterschiedliche Ansprüche, was die Qualifikationen der Auswanderer anging. So wurde das Abkommen lange und intensiv verhandelt, bevor sich die beiden Länder für 1952 wie folgt auf 4.000 Menschen einigen konnten:

  • 1.000 Facharbeiter der Metall- und Elektroindustrie
  • 500 Landarbeiter
  • 100 ledige Frauen
  • 2.400 Familienangehörige

Für ausgewählte Personen wurde die Überfahrt bezahlt, wobei sowohl die deutsche, als auch die australische Seite einen Zuschuss gaben; internationale Wohlfahrtsverbände sowie das Provisorische Zwischenstaatliche Komitee für die Auswanderung aus Europa, in dem Deutschland und Australien seit Anfang 1952 Mitglieder waren, beteiligten sich ebenfalls. Die Kriterien für deutsche Auswanderer waren sehr streng. Die Kandidaten mussten sich verpflichten, zwei Jahre lang im Land an einem von der australischen Regierung zugewiesenen Arbeitsplatz zu arbeiten und wurden Sicherheitsprüfungen sowie Medizinchecks unterzogen. Zudem konnten nur deutsche Staatsangehörige ausgewählt werden und es galten bestimmte Altersgrenzen. Vor Ort wurde die verpflichtende Teilnahme an Englischkursen vorgesehen. Biedermann kennzeichnet die Emigration der Deutschen als „Auswanderung auf Bewährung“, da es weder eine Arbeitsplatzgarantie gab, noch war sicher, dass die deutschen Auswanderer nach Ablauf der Zweijahresfrist auch wirklich in Australien bleiben konnten. Diejenigen Deutschen, die jedoch das Abenteuer am anderen Ende der Welt auf sich nahmen, konnten als Industriearbeiter in Sydney, Melbourne, Brisbane und Adelaide neu anfangen, da sie besser qualifiziert waren als andere europäische Einwanderer, denen nur die Beschäftigung als Landarbeiter auf Farmen oder Plantagen blieb. Das Wanderungsabkommen selbst wurde übrigens 1957 nochmal bis 1961 verlängert. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Aus- und Einwanderung in den 1950er Jahren ein von staatlicher Seite extrem regulierter Prozess war. Die Auswanderung selbst war „Ergebnis staatlichen Handelns“, wofür die Regierungen einen bestimmten Rahmen geschaffen hatten – damit unterschied sich die Immigration klar von derjenigen des 19. Jahrhunderts.

Auswanderung lediger Frauen nach Australien zu dieser Zeit.
Auswanderung lediger Frauen nach Australien zu dieser Zeit.

Auch die Aus- und Einwanderungszahlen fallen nach dem 2. Weltkrieg deutlich höher aus, als dies noch im vorherigen Jahrhundert der Fall war. Der Zensus von 1954 zählte über 65.400 Deutsche und es wird geschätzt, dass zwischen 1950 und 1961 rund 80.500 Deutsche nach Australien zogen. Glaubt man den Werten der australischen Einwanderungsstatistiken waren es sogar noch mehr, nämlich ca. 86.000.153 Von diesen Einwanderern kamen 84% als assisted immigrants, was zeigt, wie gut die Politik der unterstützten Immigration angenommen wurde. 1961 waren 109.300 Deutsche in Australien registriert, was mit 6,1% der höchste Anteil der Migranten des 20. Jahrhunderts war. Damit bildeten die deutschen Einwanderer nach den Italienern die zweitgrößte Gruppe der nichtbritischen Migranten, machten aber trotzdem nur 1% der australischen Bevölkerung aus. Ab 1961 sank die Zahl deutscher Emigranten nach Down Under, was nun im letzten Abschnitt genauer thematisiert wird.

Von Wirtschaftswunder und Wirtschaftskrise: Auswanderung nach Australien im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts

Für die rückläufigen deutschen Einwanderungszahlen seit Beginn der 1960er Jahre gibt es verschiedene Erklärungen. Einerseits war es so, dass Australien unter den Folgen einer Wirtschaftskrise litt, weshalb dort die Arbeitslosigkeit 1960 erstmals höher als in Deutschland war. Andererseits konnte man in der BRD die Auswirkungen des Wirtschaftswunders und der stark gestiegenen Wirtschaftskraft spüren. Die deutschen Facharbeiter wurden nun im eigenen Land benötigt und sahen ihre Chance auf Wohlstand und den Wunsch nach einer besseren Zukunft in der Heimat. Damit sank das Interesse der Deutschen, den langen Weg ans andere Ende der Welt auf sich zu nehmen. Trotzdem erreichten zwischen 1961 und 1970 insgesamt 31.185 deutsche Auswanderer den roten Kontinent, die dauerhaft oder zumindest für eine längere Zeit dort blieben. Noch mehr reisten nur temporär nach Down Under, weshalb andere Statistiken höhere Zahlen wie etwa 54.010 aufweisen.159 Auffallend ist die Tendenz, dass die Einwanderung gegen Ende des 20. Jahrhunderts abnimmt; das gleiche ließ sich bereits für die Immigration gegen Ende des 19. Jahrhunderts verzeichnen. Anders war jedoch die Konzentration der Deutschen, die keinesfalls mehr isoliert in ihren deutschen Dörfern auf dem Land lebten, sondern sich in den großen Städten schnell assimilierten, auch wenn es bestimmte Stadtviertel gab, in denen mehr Deutsche wohnten. In Sydney waren dies Banktown, Fairfield und Blacktown, in Melbourne Keilor und Sunshine. Durch die schnelle Assimilation, die auch deshalb gelang, da die Deutschen, anders als im 19. Jahrhundert, ihre Muttersprache aufgaben und rasch englisch lernten, wurden deutsche Einwanderer als „‘invisible‘ migrants“ bezeichnet – also als Immigranten, die in der Gesellschaft nicht mehr als ausländische Einwanderer wahrgenommen wurden. Die meisten Deutschen waren „industrial workers [und] skilled tradesmen“, die später dank ihres höheren Einkommens Siedlungen in den Vororten gründeten. 1971 lebten über 110.000 Deutsche in Australien, was einem Anteil von 4,3% an der Einwanderungsbevölkerung entsprach. Sie waren wie folgt auf unterschiedliche Berufsgruppen verteilt: 10,5% waren in freien und technischen Berufen beschäftigt, 6,1% als Manager und Unternehmer und 20% als Angestellte und Verkaufspersonal; 12,3% arbeiteten im Dienstleistungssektor, 2,4% als Farmer und Fischer sowie 1,3% als Jäger und Soldaten; die große Mehrheit machten mit 43,7% Arbeiter und Bergleute aus. Daraus wird ersichtlich, dass sich auch die Art der Beschäftigung der Deutschen in Australien verändert hatte. Waren im 19. Jahrhundert fast 80% in der Landwirtschaft tätig, wird anhand dieser Zahlen deutlich, wie sich die Aufgaben der deutschen Siedler geändert hatten – auch wenn sich darüber streiten lässt, ob man wie Körner den Bergbau in den sekundären Sektor einordnen muss.

Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten, wie unter anderem die Ölkrisen, sanken die Einwanderungszahlen besonders ab Mitte der 1970er Jahre weiter. So erreichten zwischen 1971 und 1980 nur 16.630 Deutsche den fünften Kontinent; insgesamt waren damit nach Kriegsende bis 1981 ca. 148.000 Deutsche nach Australien ausgewandert.165 Des Weiteren wiesen die Deutschen die „höchste Rückwandererquote“ auf. Bis 1974 kehrten 40.000 Menschen – das waren fast 30% der Nachkriegsauswanderer – nach Deutschland zurück. Erstaunlich ist dennoch, dass beim Zensus des Jahres 1981 immer noch über 110.000 Deutsche in Australien gelistet waren; ihr Anteil an der Migrationsbevölkerung war jedoch auf 3,7% zurückgegangen. Das lässt sich durch den Kurswechsel in der australischen Immigrationspolitik erklären. Bereits in den 1960er Jahren wurden die Einwanderungsbestimmungen gelockert, 1973 schließlich die diskriminierende White Australia Policy offiziell beendet. Man schuf drei Einwanderungskategorien und fokussierte sich, neben der Immigration unmittelbarer Verwandter und der durch Patenschaften bzw. Bürgschaften unterstützten Immigration, auch auf die wirtschaftlich relevante Einwanderung, bei der die berufliche Qualifikation der Immigranten und nicht mehr deren Herkunft im Fokus stand. Davon fühlten sich insbesondere Migranten aus den asiatischen Ländern sowie aus dem Nahen und Mittleren Osten angezogen. Mit Körner lässt sich das Phänomen so beschreiben: das „Sinken des europäischen Anteils ging mit einer anfänglich langsamen, seit 1970 sich beschleunigenden Einwanderung aus den asiatischen und mittelöstlichen Ländern einher.“ Seit 1978 funktioniert Australiens neue Immigrationspolitik nach einem Punktesystem. Die Zahl deutscher Einwanderer war in den 1980er Jahren rückläufig, sodass im Durchschnitt jährlich 1.800 kamen; in den 1990er Jahren dann nur noch durchschnittlich 1.000 Deutsche pro Jahr. Die meisten der in Deutschland geborenen Auswanderer lebten in den 1990er Jahren in New South Wales (30%) und in Victoria (27%); danach folgten Queensland (17,5%) und South Australia (12%). Im Vergleich zum 19. Jahrhundert veränderte sich also sich die Reihenfolge der Bundessstaaten, was den Anteil deutscher Siedler angeht. Noch 1891 wies Queensland die höchste Rate an Deutschstämmigen auf und auch Südaustralien hatte einen vergleichbar hohen Anteil Deutscher an der Bevölkerung nachzuweisen.

Trotz einiger Einschränkungen bei der Immigration gelten Australien und die australische Gesellschaft heute als multi-kulturell und multi-ethnisch – auch aufgrund des hohen Anteils an Personen, die im Ausland geboren wurden. Beim großen Zensus von 2001 wurden in Down Under 108.220 in Deutschland Geborene gezählt. Viel interessanter ist jedoch die Tatsache, dass dabei insgesamt 700.000 Australier (von insgesamt 21 Mio.) angaben, deutsche Vorfahren zu haben. Damit machten die Deutschstämmigen auch weiterhin eine der größten Gruppen nichtbritischer Herkunft aus. Auch der Aspekt, dass „Germans, after the British, were continuously listed in opinion polls as the most popular immigrants and the most desirable neighbours“, hat bis heute Bestand. In den 2000er Jahren nahmen die Einwanderungszahlen im Übrigen wieder leicht zu; bis 2015 wanderten fast 25.000 Deutsche dauerhaft nach Australien aus. Das Land nimmt damit einen Platz unter den ersten zehn der beliebtesten Zielländer ein. Im Juni 2016 lebten 124.300 Deutsche auf dem roten Kontinent, machten damit jedoch nur noch 0,5% der Bevölkerung aus. Sie gelten heute nicht mehr als „exponierte Minderheit“, da sie englisch sprechen und nicht räumlich konzentriert leben. Dank der deutschen Siedler des 19. Jahrhunderts bleibt den deutschen Auswanderern aber bis heute eine besondere Immigrationsgeschichte im Vergleich zu anderen Migranten erhalten.

Prozentualer Anteil von Menschen deutscher Abstammung zur Gesamtpopulation Australiens im Jahr 2011
Prozentualer Anteil von Menschen deutscher Abstammung zur Gesamtpopulation Australiens im Jahr 2011.

Fazit

Diese Arbeit analysierte vergleichend die Einwanderungswellen deutscher Siedler nach Australien im 19. und 20. Jahrhundert und untersuchte die unterschiedliche Situation der Deutschen im Zielland im Laufe der Zeit. Dabei wurde besonders deutlich, dass man zwischen verschiedenen Migrationsformen unterscheiden muss, wobei sich nicht nur zwischen den Einwanderungen des 19. und 20. Jahrhunderts Unterschiede feststellen lassen, sondern auch bei den einzelnen Auswanderungswellen, die teilweise nur zehn Jahre hintereinander stattfanden.

Nachdem um 1800 bereits vereinzelt Deutsche nach Australien kamen, begann die Auswanderung in größeren Gruppen erst gegen Ende der 1830er Jahre. Diese Siedler ließen sich mitsamt ihrer Familien in South Australia nieder und gründeten eigene deutsche Siedlungen. Sie arbeiteten zu großen Teilen in der Landwirtschaft und im Weinbau, wo sie großes Know-how besaßen. Die zweite Welle zog es durch den Goldfund in Victoria in den 1850er Jahren nach Down Under. Diese Einwanderungsgruppe war jedoch sehr viel heterogener als die erste, denn es wanderten vor allem alleinstehende, junge Männer aus. Seit ab den 1860er Jahren New South Wales nicht mehr als Strafgefangenenkolonie diente, war die freie Immigration auch dorthin und nach Queensland möglich. Es emigrierten insbesondere größere Gruppen und Familien, die auf dem roten Kontinent von Landwirtschaft und Viehzucht lebten. Die allermeisten Emigranten des 19. Jahrhunderts wanderten aufgrund wirtschaftlicher Motive aus, wenige, wie die gescheiterten Revolutionäre von 1848/49, aus politischen Gründen. Dennoch war allen die Hoffnung gemein, in Australien ein neues Leben zu beginnen.

Das gleiche Ziel verfolgten die deutschen Auswanderer auch im 20. Jahrhundert. Während des 1. Weltkriegs wurde ihnen das Leben jedoch schwer gemacht, denn sie litten unter Beschränkungen, Entlassungen und Inhaftierungen. Zeitweise kam es zu einem Einwanderungsverbot. Nach dem 2. Weltkrieg normalisierten sich die deutsch-australischen Beziehungen schnell. Im Jahr 1952 schloss Deutschland mit Australien ein Wanderungsabkommen, um die Auswanderung deutscher Bürger zu kontrollieren. Down Under war von europäischen Arbeitskräften abhängig und viele Deutsche hatten ihren Anteil am australischen Nachkriegswirtschaftswachstum. Charakteristisch für die Migration zu dieser Zeit war, dass insbesondere Einzelpersonen auf den fünften Kontinent kamen und, dass diese Emigration staatlich unterstützt wurde – man spricht von assisted immigration. Auch wenn die Zahlen deutscher Auswanderer nach Australien gegen Ende des 20. Jahrhunderts sanken, machen die in Deutschland Geborenen und die Deutschaustralier bis heute eine wichtige Bevölkerungsgruppe aus.

Zusammenfassend kann man konstatieren, dass die Situation bzw. Beschäftigung der deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts von der Region, in der sie siedelten, abhing. Im 20. Jahrhundert hingegen waren es vor allem die staatlichen Institutionen, die bestimmten, wer wohin emigrieren durfte. Somit kann man sagen: In einem sehr zentralen Punkt unterscheiden sich die Arbeitsmigranten des 20. Jahrhunderts von den Pionieren des 19. Jahrhunderts. Während jenen bei der Übersiedlung und Eingewöhnung keine staatliche Hilfestellung gewährt wurde, konnte die überwiegende Zahl der Arbeitsmigranten des 20. Jahrhunderts mit einer von beiden Ländern ‚unterstützten Wanderung‘ (Assisted Passage Scheme) ausreisen. Außerdem fällt auf: Im 19. Jahrhundert waren die Einwanderer aus bestimmten Gegenden Deutschlands und hauptsächlich in Gruppen nach Australien gekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg  kamen Einzelpersonen aus allen Teilen Deutschlands. Eine bedeutende Gemeinsamkeit ist hingegen, dass es die Siedler des 19. Jahrhunderts als auch die Arbeitsmigranten des 20. Jahrhunderts aus wirtschaftlichen Gründen und mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Down Under zog. Diese zwei Kriterien spielen auch heute neben der gestiegenen Abenteuerlust junger Deutscher eine wichtige Rolle bei der Auswanderung nach Australien – also in ein Land, in dem deutsche Traditionen bis heute überdauert haben, wie man zum Beispiel in Hahndorf erleben kann.

Artikel verfasst und zur Verfügung gestellt von: Theresa Pachner

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Ian Harmstorf / Michael Cigler: Deutsche Siedler in Australien. Von den Anfängen bis zur Neuzeit


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