Die ‚anderen‘ transatlantischen Beziehungen – die Kooperation zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Kanada in der Ära Schmidt/Trudeau

1. Einleitung

Vor zwei Jahren feierte Kanada das 150. Jubiläum seiner Konföderation, die 1867 gegründet wurde. Die Bundesrepublik Deutschland nahm dies zum Anlass und unterstrich durch eine Reihe kultureller Veranstaltungen 150 Jahre deutsch-kanadische Freundschaft. Die deutsche Botschaft in Ottawa und das Goethe-Institut halfen bei der Koordination der Ausstellung „Canada and Germany: Partners from Immigration to Innovation“, welche die enge Verbindung der beiden Staaten symbolisieren sollte. Schließlich schätzt man, dass ca. 10% der heutigen Kanadier deutsche Wurzeln haben. Auch sollten die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen beider Länder heutzutage betont werden.

1.1.  Fragestellung(en)
Der Beginn dieser vertieften deutsch-kanadischen Beziehungen lässt sich insbesondere mit zwei Staatsmännern verbinden. Auf deutscher Seite spielte Bundeskanzler Helmut Schmidt eine entscheidende Rolle, auf kanadischer Seite Premierminister Pierre Trudeau. Doch inwieweit bereits für die Zeit von 1974 bis 1982 von etablierten deutsch-kanadischen Beziehungen gesprochen werden kann, soll im Laufe dieser Arbeit untersucht werden. Ebenso stellt sich die Frage, in welchen Politikfeldern die Kooperation der beiden Staaten stattfand. Nicht zuletzt soll auch die Dimension der bilateralen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Kanada analysiert werden.

Pierre Trudeau und Helmut Schmidt.
Pierre Trudeau und Helmut Schmidt.

1.2  Methodenüberblick
Diese Arbeit reiht sich in die Analyse einer bestimmten Zeitspanne der deutsch-kanadischen Beziehungen ein – jedoch eine Epoche, die zuvor vor dem Hintergrund des deutsch-kanadischen Verhältnisses in dieser Form noch nicht untersucht wurde. Die Analysemethode ist ereignishistorisch. Der Zeitrahmen erstreckt sich von 1974, als Helmut Schmidt deutscher Bundeskanzler wurde, bis 1982, als er von Helmut Kohl an der Spitze der Regierung abgelöst wurde. In einem ersten Kapitel wird zunächst kurz die historische Entwicklung der deutsch-kanadischen Beziehungen seit 1945 dargestellt. Anschließend liegt der Fokus auf der Ära Schmidt/Trudeau. Hierbei wird die wirtschaftliche, die militärische und sicherheitspolitische sowie die entwicklungspolitische Zusammenarbeit untersucht. Abschließend wird knapp auf das persönliche Verhältnis der beiden Regierungschefs eingegangen.

2. Abriss über die historische Entwicklung der deutsch-kanadischen Beziehungen seit 1945

Seit der Gründung Kanadas im Jahr 1867 gab es informelle Kontakte zum damaligen Deutschen Reich. Viele Deutsche wanderten mithilfe von Einwanderungsagenturen und Handelsbüros auf die andere Seite des Atlantiks aus. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde das deutsch-kanadische Verhältnis schließlich formalisiert. In diesem Kapitel wird zunächst die theoretische Phaseneinteilung der deutsch-kanadischen Beziehungen dargelegt und anschließend chronologisch auf die Entstehung der offiziellen bilateralen Beziehungen eingegangen.

2.1.  Phaseneinteilung der deutsch-kanadischen Beziehungen
Wilhelm Bleek kann als Vorreiter auf dem Forschungsgebiet des bilateralen Verhältnisses zwischen Kanada und der BRD gelten. Laut ihm sei der Normalzustand der Beziehungen zwischen Deutschland und Kanada gekennzeichnet durch benign neclect. Darunter versteht man, dass die beiden in der nordatlantischen Allianz verbündeten Staaten zwar gegenseitiges Wohlwollen empfinden, es jedoch an einem besonderen Interesse aneinander mangelt. Die Kontakte der beiden Länder lassen sich sowohl vom Typus als auch zeitlich gesehen unterschiedlich einteilen. Bleek unterscheidet dabei drei Arten des Verhältnisses:

  • Kein besonderes Interesse aneinander und kaum öffentliche Aufmerksamkeit füreinander, geschäftsmäßiger Umgang („business as usual“)
  • Besonderes Interesse aneinander und positive öffentliche Aufmerksamkeit
  • Besonderes Interesse aneinander und kritische Einstellung zueinander

Zudem ordnete er diese Typen zeitlich ein. Demnach kann für die Zeit von 1945 bis 1955 von einem wohlwollenden Interesse Kanadas an der Staatsgründung der Bundesrepublik gesprochen werden. Danach hingegen, von 1955 bis 1968, schenkten sich die beiden Länder kaum öffentliche Aufmerksamkeit. Die bundesdeutsch-kanadische Krise von 1968 bis 1975, auf die im Abschnitt 3.2 genauer eingegangen wird, zeichnete sich vorrangig durch ein kritisches Interesse aneinander aus. Die Blütezeit stellte sicherlich die Ära Schmidt/Trudeau von 1975 bis 1982 dar, die durch positives Interesse und positive öffentliche Aufmerksamkeit geprägt war. Nach 1982 etablierte sich ein geschäftsmäßiger Umgang miteinander bis hin zu relativer Ignoranz des jeweils anderen Staats. Die Phaseneinteilung von Bleek endet 1989/90, als sich nach dem Ende des Kalten Kriegs und der Auflösung des Ostblocks ohnehin eine neue Konstellation im internationalen Staatensystem herausbildete.

Interessant zu beobachten ist, dass das Verhältnis zwischen Kanada und der BRD durch die jeweiligen bilateralen Beziehungen zu den USA beeinflusst wurde. So pflegte Kanada lange Zeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs bis 1968/71 eine besondere Beziehung zum amerikanischen Nachbarn, eine sogenannte special relationship. Erst als 1971 und bis 1982/83 die Phase nationaler Abgrenzung von den USA einsetzte, öffnete Kanada sich in Richtung Europa und Japan, insbesondere um seine Abhängigkeit zu reduzieren und seine Handelsbeziehungen zu diversifizieren – bekannt wurde diese Politik, vorangetrieben durch Trudeau, als third option. Ab 1984 begann mit dem neuen Premierminister Brian Mulroney die kontinentalistische Wende und damit die erneute enge Partnerschaft mit den USA. Von deutscher Seite wurde das nordamerikanische Land zu oft als „Anhängsel der USA“ wahrgenommen, was den kanadischen Stolz verletzte. Insofern kann geschlussfolgert werden, dass die deutsch-kanadischen Beziehungen „außengeleitet“ waren, das heißt sie wurden durch externe Faktoren beeinflusst.

2.2  Kanada und die Gründung der BRD
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs, an dem auch Kanada auf der Seite der Alliierten teilgenommen hatte, wollte das Land Einfluss auf den Entwurf des Friedensvertrags mit Deutschland nehmen, blieb jedoch von den Konferenzen über die Zukunft Deutschlands ausgeschlossen und hatte kein Mitspracherecht bei der Gestaltung der Nachkriegsordnung. So folgte im Herbst 1946 die Repatriierung der kanadischen Truppen. Kanada war schließlich nur noch durch eine Militärmission, akkreditiert am Sitz des Alliierten Kontrollrats in Berlin, vertreten. Auch an der Berliner Luftbrücke beteiligte sich das Land nicht. 1949 wurde in Bonn die erste diplomatische Vertretung Kanadas gegründet, die sogenannte Civilian Mission to the Allied High Commission. Sie sollte insbesondere über die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der Bundesrepublik berichten. Am 10. Juli 1951 wurde sie zur Botschaft umfunktioniert und damit wurden erstmals offizielle diplomatische Beziehungen zwischen Kanada und der BRD unterhalten. Am 9. November 1951 nahm schließlich auch der deutsche Botschafter in Ottawa seine Arbeit auf. Im Dezember 1951 wurden erneut kanadische Streitkräfte in die Bundesrepublik entsandt, diesmal jedoch als NATO-Truppen – nach dem Beitritt Westdeutschlands zur NATO standen ab 1955 also kanadische Soldaten als Verbündete und nicht mehr als Besatzungsmächte auf deutschem Boden. Bis 1957 wurden das Kontingent aufgestockt, sodass mit der 4th Canadian Mechanized Brigade 6.700 kanadische Soldaten in der BRD stationiert waren. Auch die Royal Canadian Air Force Division mit 4.250 Soldaten und 64 Starfightern war in Westdeutschland stationiert.

Kanadische Soldaten in der Bundesrepublik (1959)
Kanadische Soldaten in der Bundesrepublik (1959)

Im April 1953 reiste Bundeskanzler Konrad Adenauer das erste Mal zu einem Freundschaftsbesuch nach Kanada, im Februar 1954 folgte der Gegenbesuch des kanadischen Premierministers Louis Saint Laurent in Bonn. In seine Regierungszeit – und später auch diejenige von Lester Pearson – fällt das „golden age“ der kanadischen Diplomatie, als Kanada auf internationaler Ebene die Rolle des Vermittlers zwischen größeren und kleineren Mächten des Commonwealth, den VN und der NATO einnahm. Es lässt sich also feststellen: „By the mid-1950s, German-Canadian relations had ‘normalized’.” Die Staatsbesuche setzten sich ebenfalls fort. Im Mai und Juni 1958 reiste Bundespräsident Theodor Heuss nach Kanada, im November des gleichen Jahres kam Premierminister John Diefenbaker in die BRD. Bei einer Umfrage im Mai 1961 wurde deutlich, dass sich auch auf der Ebene der beiden Völker das deutsch-kanadische Verhältnis gut entwickelt hatte. So standen insgesamt 54,5% der Kanadier dem deutschen Volk freundlich gegenüber, nur 10,3% unfreundlich.

Trotzdem zeichnete sich allmählich ein Wandel im deutsch-kanadischen Verhältnis ab. 1964 besuchte Bundeskanzler Ludwig Erhard und 1967 Bundespräsident Heinrich Lübke Kanada. Jedoch spiegelten die größer werdenden Zeitabstände zwischen den offiziellen Besuchen eine wachsende Entfremdung zwischen den Regierenden der beiden Staaten wider, sodass Bundeskanzler Willy Brandt 1969 zu Beginn der deutsch-kanadischen Krise nicht einmal von Premierminister Trudeau empfangen wurde. Ausdruck fand die kanadische Einstellung unter anderem im Weißbuch zur Außenpolitik 1970 und zur Verteidigungspolitik 1971. Dort wurde dem Erhalt der nationalen Einheit oberste Priorität eingeräumt. Zudem sollten unter der liberalen Trudeau-Regierung jegliche Abhängigkeitsprozesse Kanadas gestoppt werden, zum Beispiel durch die Kontrolle ausländischer Investitionen. Erst gegen Mitte der 1970er Jahre änderte sich die kanadische Einstellung und Trudeau begann, die Politik der third option zu praktizieren. In dieser Phase seiner Amtszeit entstand der Begriff „Trudeaumania“ und es wurde begonnen, um die EG und deren Mitgliedsstaaten zu werben, was das deutsch-kanadische Verhältnis positiv beeinflusste.

3. Das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Kanada in der Ära Schmidt/Trudeau

Nach seinem Amtsantritt als kanadischer Premierminister im Jahr 1968, verfolgte Trudeau die Politik der third option – eine nationale und internationale politische Reorientierung. Die Strategie sah dabei vor, bilaterale Beziehungen „in as many fields of mutual or converging interests as possible with other priority countries of Western Europe chosen on the basis of their intrinsic importance, the closeness of […] [Canada’s] traditional ties with them and the potential community of […] [Canada’s] interests and theirs” zu entwickeln. Des Weiteren sollten institutionelle Beziehungen zur EG hergestellt, das Verhältnis zu Frankreich vertieft und an den Ost-West-Entspannungen, vor allem durch die KSZE, teilgenommen werden. Die Schwerpunkte der kanadischen Regierung lagen dabei stets in den Bereichen der Außenwirtschaftspolitik, der Verteidigungspolitik und der Entwicklungszusammenarbeit. Auch die vorliegende Arbeit orientiert sich im weiteren Verlauf an diesen drei großen Politikfeldern.

Da die Bundesrepublik bereits in den 1970er Jahren die stärkste wirtschaftliche Kraft in der EG darstellte und auf dem Weg war, ihre politische Macht auszubauen und anzupassen, ist es verständlich, dass Westdeutschland unter den anderen Staates Westeuropas „high on […] [Canada’s] priority list“ stand. Vereinfacht wurde die Etablierung enger bilateraler Beziehungen durch „close and confident personal rapport which developed between Prime Minister Trudeau and Chancellor Schmidt.“ Die Kooperation der beiden Länder wurde durch viele gemeinsame Interessen gefördert und erstreckte sich auf unterschiedliche Bereiche:

„Visits in both directions at all levels, both from governments and the private sector, were encouraged. Political consultations were intensified. Cultural and scientific exchanges were expanded. Defence cooperation was increased. And a concerned effort was made not only to promote two-way trade and investment but also to seek forms of industrial cooperation which would go beyond the traditional pattern of raw materials for manufactured goods.”

In seiner achtjährigen Amtszeit besuchte Bundeskanzler Schmidt Kanada sechsmal. Die meisten deutsch-kanadischen Regierungsgespräche fanden auf dem nordamerikanischen Kontinent statt. Trudeau reiste ebenfalls sechsmal offiziell in die Bundesrepublik, davon fünfmal zu Bundeskanzler Schmidt. Auch luden die Regierungschefs sich immer wieder gegenseitig zu Besuchen ein. Die deutsch-kanadischen Beziehungen waren also zu keiner Zeit enger als zwischen 1974 und 1982, was nun im Folgenden anhand der drei politischen Kooperationsebenen Wirtschaft, Verteidigung und Entwicklungshilfe untersucht wird.

3.1 Wirtschaftliche Beziehungen
Die Zusammenarbeit zwischen Kanada und der Bundesrepublik auf ökonomischer Ebene spielte eine wichtige Rolle im Kontext der beiden Ölkrisen, des Kalten Kriegs und der friedlichen Nutzung von Kernenergie als auch im Rahmen der kanadischen Politik zum Schutz der Nation. Deshalb befasste sich beinahe jeder politische Austausch zwischen Schmidt und Trudeau mit einem wirtschaftlichen Thema. Die Dimension der deutsch-kanadischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen lässt sich mit dem Konzept der wirtschaftlich stabilen und exportorientierten Mittelmacht erklären. Beide Staaten verfolgten das Ziel, normale ökonomische Beziehungen aufzubauen, die sich von denjenigen mit der Supermacht USA unterschieden.

3.1.1 Bilaterale Investitionen und Zusammenarbeit
Ende 1974 erließ die Trudeau-Regierung ein Gesetz zur Überprüfung ausländischer Investitionen, um die Schlüsselbereiche der kanadischen Wirtschaft besser kontrollieren zu können. Dies hatte auch Auswirkungen auf die deutsch-kanadischen Handelsbeziehungen, weshalb sich viele Konsultationen zwischen Schmidt und Trudeau um die Erleichterung deutscher Investitionen in Kanada drehten. Schließlich war man sich auf beiden Seiten des Atlantiks einig, den Warenaustausch zu erweitern und bilaterale Wirtschaftsbeziehungen zu vertiefen. Der kanadische Außenhandel sei zwar bereits zwischen 1973 und 1975 um fast ein Drittel gestiegen, jedoch bestehe immer noch ein Handelsüberschuss zugunsten der BRD, notierte ein Mitarbeiter der Botschaft in Ottawa im Frühjahr 1976. Auch gab es noch zu wenig persönliche Kontakte zwischen deutschen und kanadischen Geschäftsleuten, weshalb die 1968 gegründete Deutsch-Kanadische Industrie- und Handelskammer (AHK) stärker gefördert werden sollte. Die neue kanadische Investitionspolitik und Gesetzgebung habe hingegen deutsche und europäische Investoren entmutigt, in Kanada zu investieren. Die Gesetzgebung der Foreign Investment Review Agency (FIRA) und ihre politische Umsetzung verringerte das Angebot ausländischer Investitionen zwar nicht substanziell, setzte aber die Schwelle für die konkrete Durchführung nach oben, da der FIRA-Überprüfungsprozess die Modalitäten der ausländischen Investitionen veränderte, um bevorzugt positive Auswirkungen im Sinne der nationalen Ziele der Trudeau-Regierung zu erreichen. Bundeskanzler Schmidt betonte aber sein großes persönliches Interesse am Ausbau des deutsch-kanadischen Verhältnisses, weshalb er für 1977 einen Besuch in Kanada in Begleitung führender Persönlichkeiten der deutschen Industrie und der Gewerkschaften plante.

Nichtsdestotrotz spielte die kanadische Investitionspolitik auch beim deutsch-kanadischen Regierungsgespräch 1981 wieder eine große Rolle. Das kanadische Volk und die kanadische Regierung seien sich der großen Bedeutung der BR Deutschland als verlässlicher Wirtschaftspartner sehr bewusst und Trudeau zeigte sich froh über die Verdreifachung deutscher Investitionen in Kanada seit 1977. Die FIRA verhindere außerdem keine ausländischen Investitionen, sondern stelle nur den Gewinn für Kanada fest. Zudem seien im Falle Westdeutschlands 96% aller Anträge genehmigt worden. Kanada wisse auch um die Zuverlässigkeit deutscher Partner, weshalb diese in verschiedenen Bereichen wie beispielsweise Forstwirtschaft, Bodenschätze, Energie und Manufaktur willkommen seien. Schmidt wies dennoch darauf hin, dass das Investitionsklima von deutschen Unternehmern nicht als günstig eingeschätzt werde, was sich ungünstig auf die Investitionsbereitschaft in Kanada auswirke. Deshalb sollten beide Staaten Wege finden, das Meinungsbild zu verbessern. Zum Beispiel könne man die Kontakte zum Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) intensivieren und die Beziehungen der Gewerkschaften vertiefen. Nachdem die BRD in den 1980er Jahren viele Möglichkeiten hatte, im Ausland zu investieren, sollte ein großer Teil dieser Investitionen in das befreundete Kanada gehen. Auch 1983 wurde die FIRA-Gesetzgebung durch Schmidt nochmals kritisch thematisiert, der Fokus schließlich aber auf die verstärkte Förderung und Stärkung von Kontakten zwischen deutschen und kanadischen Unternehmen gelenkt. So kam beispielsweise der Vorschlag einer deutsch-kanadischen Konferenz für interessierte Vertreter von Unternehmen, Banken und sachkundigen Parlamentariern auf.

Insgesamt waren sich beide Regierungschef immer über die großen Entwicklungsmöglichkeiten für die bilateralen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen einig und förderten eine verstärkte Kooperation zwischen Kanada und der Bundesrepublik. Auch brachte Trudeau den Vorschlag ein, dass man vielleicht ein ‚gigantisches‘ deutsch-kanadisches Gemeinschaftsprojekt brauche, von dem neue Impulse für die deutsch-kanadische Zusammenarbeit ausgehen könnten. Tatsächlich wurden die sogenannten Joint Ventures vorangetrieben und weitere Fortschritte in der energiepolitischen Kooperation forciert. So wollten die beiden Staaten bei der Exploration und Förderung arktischer Erdgasreserven zusammenarbeiten. Die BRD hatte dabei auch das Ziel, ihre Erdgaseinfuhren so weit wie möglich zu diversifizieren und dabei auf Erdgasexporte aus Kanada zurückzugreifen. Jedoch blieb Kritik an den deutsch-kanadischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen bestehen: „Yet existing trade flows between the two nations […] [were] underdeveloped, fickle and unbalanced“ und Kanada blieb für die BRD ein „minor trading partner“, der als Zielland für Exporte nur an 21. Stelle stand. 1986 konstatierte der bayerische Wirtschafts- und Transportminister somit richtig: „Only when we begin to strengthen industrial co-operation between our countries and develop, produce, and market joint products, we will achieve stable trade relations.” Es wird also deutlich, dass in der Ära Schmidt/Trudeau die deutsch-kanadischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwar gefördert und vertieft wurden, ihr Potenzial jedoch nicht voll ausgeschöpft werden konnte. Somit blieb das Ziel der beiden Mittelmächte Kanada und der BRD, auf dem Gebiet der Außenwirtschaftsbeziehungen Gegengewichte zu den USA zu errichten, letztendlich unerreicht.

3.1.2 Kooperation auf internationaler Ebene – EG, EURATOM und G7
Neben den bilateralen Abkommen wollte Kanada unter Trudeau auch seine Beziehungen zu internationalen Organisationen vertiefen, insbesondere seine Handelsbeziehungen zur Europäischen Gemeinschaft. Die EG sollte als komplementärer Faktor im wirtschaftlichen Bereich zum bereits existierenden militärischen Engagement in Europa aufgebaut werden und ein Gegengewicht zur engen Verflechtung mit den USA darstellen. Kanadische Waren sollten so einfacher auf den europäischen Markt gelangen können. Bundeskanzler Schmidt sagte Trudeau dafür seine „volle Unterstützung“ zu. Bei den Vertragsverhandlungen zwischen Kanada und der EG nahm die Bundesrepublik eine wichtige Rolle ein, da sie den contractual link herstellte, sodass die kanadischen Beziehungen zur Europäischen Gemeinschaft als Ergänzung zu den Beziehungen mit den USA akzeptiert wurden. Kanada war der BRD dankbar für die Unterstützung seiner Anliegen in Europa und lobte die Wirtschaftsbeziehungen zu Westdeutschland als „die besten zwischen Kanada und den EG-Ländern“. Die Bundesregierung unter Schmidt wollte den Kontakt mit der Trudeau-Regierung auf diesem Gebiet weiterhin fördern. Jedoch wird deutlich, dass die handels- und wirtschaftspolitische Zusammenarbeit der beiden Staaten weitgehend über die EG ablief: Wenn die Kanadier in Bonn vorstellig wurden, dann galt das dem einflussreichen und prosperierenden Mitglied in der Europäischen Gemeinschaft, weniger der Bundesrepublik per se. Kanada nutzte Westdeutschland also als Sprachrohr für seine eigenen Interessen in Europa.

Auch auf einem anderen Gebiet strebte Kanada eine Kooperation mit den europäischen Staaten an. Als einer der wichtigsten Uranlieferanten für Europa bestand seit 1959 ein Kooperationsabkommen zwischen dem nordamerikanischen Land und der EG. Nach diversen Veränderungen im Bereich nuklearer Sicherheitsmaßnahmen – zum Beispiel die Gefahr der Profileration durch ein gestiegenes Know-how und der beschleunigte Export von Kernkraftanlagen in Staaten der Dritten Welt – wünschte Kanada nun eine Ergänzung zum bestehenden Abkommen. Es müsse ein besonderes System der Safeguards, also verstärkte Sicherheitsvorkehrungen zur Kontrolle von Nichtkernwaffenstaaten, geben. Kanada wolle Uran nur in Länder exportieren, welche die Kernenergie friedlich nutzten. Zudem sollten Schwellenländer in die Verantwortung eingebunden werden, um eine unkontrollierte Entwicklung von Kernenergie zu verhindern. Problematisch war auch, dass zu viele Länder dem 1968 aufgesetzten Nichtverbreitungsvertrag fernblieben, woraufhin die Unterzeichnerstaaten, unter anderem Kanada und die BRD, ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärken wollten. Für die Bundesrepublik wies Schmidt im Gespräch mit Trudeau darauf hin, dass die BRD auf die friedliche Nutzung von Atomenergie angewiesen sei und das Know-how für Kernkraftwerke exportieren wolle. Trudeau war ebenfalls der Meinung, dass auch Entwicklungsländer Zugang zur Technologie der friedlichen Kernkraftnutzung haben sollten, sich aber vertraglich verpflichten müssten, keine Nuklearwaffen zu bauen. Nichtsdestotrotz drohte Kanada 1978 seine Uranlieferungen an die europäischen Staaten einzustellen, wovon auch die Bundesrepublik betroffen war. Um den Streit zwischen Kanada und den europäischen Staaten zu beenden, lieferte die BRD sogar Formulierungsvorschläge für die Verhandlungen zwischen Kanada und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM). Letztendlich einigten sich die beiden Regierungschefs in einer gemeinsamen Erklärung zur friedlichen Nutzung der Kernenergie darauf, die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) zu stärken und sich gemeinsam für die Erhöhung der Safeguards einzusetzen. Für Uranexporte nach Japan und an die EURATOM-Staaten fand Kanada eine temporäre Lösung. Dazu erklärte Premierminister Trudeau am Rande des Weltwirtschaftsgipfels 1978, dass Kanada auf Grundlage wirksamer Sicherheitsmaßnahmen weiterhin ein zuverlässiger Lieferant von Kernbrennstoff für die Europäer sei. Erneute Verhandlungen zwischen Kanada und den EURATOM-Mitgliedern führten Ende 1977 zu einem Zwischenabkommen. 1981 waren schließlich alle Schwierigkeiten der kanadischen Uranlieferungen dank des Abkommens mit der Europäischen Atomgemeinschaft beseitigt und Trudeau zeigte sich sehr zufrieden mit der Anwendung der full scope Safeguards, jedoch müsse man weiter zusammenarbeiten und die IAEA als Institution stärken und schützen. Auch in diesem Bereich wird also deutlich, dass die Kooperation zwischen Kanada und der Bundesrepublik hauptsächlich dem Zweck diente, (gemeinsame) Interessen durchzusetzen. Kanada schreckte dabei nicht vor Uranlieferstopps gegenüber seiner Verbündeten zurück, um eine Erhöhung der Sicherheitsmaßnahmen zu erzwingen. Westdeutschland konnte anderseits auch nicht auf den Export von Know-how der Kernenergie verzichten und riskierte damit Unstimmigkeiten mit Kanada.

Eine letzte Ausprägung der deutsch-kanadischen Zusammenarbeit stellten die Weltwirtschaftsgipfel dar, auf denen Supermächte und Mittelmächte gemeinsam auftreten konnten. Die Bundesrepublik war seit dem Beginn 1973 bei der Konferenz der Staats- und Regierungschefs über Wirtschafts- und Währungsfragen anwesend. Mit Japan und Italien wurde aus der informellen Gruppe 1975 der erste Weltwirtschaftsgipfel als G6-Gipfel in Frankreich abgehalten. Trudeau nutzte die Gespräche mit Schmidt, um auf den Wunsch Kanadas nach einer Beteiligung an diesen Treffen hinzuweisen. Der Bundeskanzler sagte seine Unterstützung zu, da „die wirtschaftliche und finanzielle Potenz, über die Kanada, eines der an Rohstoffen reichsten Länder der westlichen Welt, verfügt, seine Hinzuziehung wünschenswert macht[e]“. Er forderte in einem Brief an den britischen Premierminister Harold Wilson, Kanadas Wunsch offen zu begegnen, sofern alle Teilnehmerstaaten mit der Beteiligung des nordamerikanischen Landes einverstanden waren. Hierbei wird wieder die Rolle der BRD deutlich, die als Sprachrohr für kanadische Interessen dient, diesmal sogar auf internationaler Ebene. Unter Schmidt galt die Bundesrepublik politisch somit als ‚Sponsor‘ für die Kontaktbemühungen Kanadas. Bei späteren Weltwirtschaftsgipfeln sprachen sich Kanada und Westdeutschland oftmals ab, um eine gemeinsame Haltung zu vertreten und so der Stimme einer Mittelmacht gegenüber den großen Staaten mehr Gewicht zu verleihen.

G7-Gipfel mit Schmidt und Trudeau (1978).
G7-Gipfel mit Schmidt und Trudeau (1978).

3.2 Militärische und sicherheitspolitische Kooperation
Ein anderes wichtiges Feld der deutsch-kanadischen Zusammenarbeit bildete der militärische und sicherheitspolitische Bereich. Bis auf eine einzige Ausnahme – die deutsch-kanadische Krise von 1969 bis 1975 – verliefen die Beziehungen der beiden NATO-Staaten reibungslos, geradezu harmonisch. Gerade während der Krisenzeit jedoch kam das national-defensiv orientierte Interesse des kanadischen Premierministers an außenpolitischen Handlungsfeldern zur Geltung. So entschied die Trudeau-Regierung 1969 „to take early steps to bring about a planned and phased reduction of the size of Canadian forces in Europe”. Das kanadische Truppenkontingent der NATO in der BRD sollte von 10.000 auf 5.000 Mann reduziert werden.

3.2.1 Von der deutsch-kanadischen Krise zur militärischen Zusammenarbeit
Die Überlegungen der kanadischen Regierung Ende der 1960er Jahre, ihre verbliebenen 5.000 Streitkräfte aus Europa abzuziehen, um den vernachlässigten Norden Kanadas zu schützen, wurden in der Bundesrepublik als harter Schlag empfunden. Deshalb versuchte die Schmidt-Regierung intensiv die Kanadier bei ihrem Vorhaben umzustimmen. Deren Pläne konnten kritisch als nachlassendes Interesse Kanadas an Europa gedeutet werden, auch wenn 1975 die erste Entspannungsphase des Kalten Kriegs den Rückzug verständlicher gemacht hatte. Nichtsdestotrotz befürchtete man in Westdeutschland, dass eine Zurücknahme der kanadischen Truppen auf das Heimatgebiet als Beginn einer Erosion gedeutet werden könne mit Auswirkungen auch auf andere Partner der Allianz. So nutzten Bundeskanzler, Außen- und Verteidigungsminister als auch deutsche Botschafter ihren Einfluss in Kanada, um auf die militärische, politische und psychologische Bedeutung der kanadischen Truppen in der BRD hinzuweisen. Wichtig zu wissen ist, dass der militärische Beitrag Kanadas mit nur 5.000 Mann zahlenmäßig unbedeutend war, weshalb sich die Argumente der Bundesrepublik auf politische Befürchtungen fokussierten. Auch wurde auf die Gefahr einer möglichen Kettenreaktion und auf die Gefährdung des Plans der beiderseitigen – in Ost und West – Truppenverringerung hingewiesen. Zuletzt führte die BRD psychologische und symbolische Gründe an.

Schmidt argumentierte mit der Möglichkeit langer Perioden der Bedrohung mit Maßnahmen bis „an den Rand des Waffeneinsatzes“ und sah dadurch bereits Mitte der 1970er Jahre, als gerade Entspannung eingekehrt war, den 2. Kalten Krieg voraus. Des Weiteren verwies er auf den politischen Faktor, den Kanada berücksichtigen müsse, denn ohne die Anwesenheit kanadischer Truppen in Europa, wäre das Land wohl nicht bei der KSZE-Konferenz in Helsinki anwesend gewesen. Trudeau bestätigte, dass dies ein starkes Argument für Kanadas Engagement in der NATO gewesen sei und deutete an, dass sich sein Land vermutlich für das Verbleiben eines Truppenkontingents in der BRD entscheiden würde. Trotzdem betonten deutsche Vertreter auch weiterhin die Bedeutung des kanadischen Verteidigungsbeitrags. So begrüßte Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei einem Besuch des kanadischen Außenministers Allan MacEachen in Bonn 1976 die Bereitschaft des Bündnispartners zur Stärkung der konventionellen Streitkräfte in Europa. Dabei wurden entsprechend dem guten Stand der deutsch-kanadischen Beziehungen alle Gespräche in freundschaftlichem und offenem Geist und im Zeichen des bestehenden gegenseitigen Vertrauens und Verständnisses geführt, was der Sache sicherlich dienlich war. Die BRD verbreitete den Eindruck, dass die kanadischen Truppen in der deutschen Bevölkerung gut aufgenommen wurden und sich sehr wohl fühlten, weshalb die Streitkräfte in Westdeutschland eine große militärische, politische und psychologische Bedeutung innehatten. Auch Verteidigungsminister Georg Leber würdigte die effektive deutsch-kanadische Verteidigungskooperation, vor allem bei der Beschaffung neuer Kampfpanzer des Typs Leopard für die kanadischen Truppen in der BRD. Die Bundesrepublik lobte die Entscheidung Kanadas, seine Truppen mit neuen Panzern auszustatten, insbesondere, da dabei mit Westdeutschland kooperiert wurde. Das nordamerikanische Land kaufte schließlich 183 Leopard-Panzer für die Streitkräfte in Europa. Außerdem wurde das kanadische Kontingent im Laufe der Zeit bis 1987 sogar wieder auf 7.100 Mann erhöht. Die Panzerausbildung von deutschen und kanadischen Soldaten sollte gemeinsam stattfinden und die Bundeswehr durfte in den 1970er Jahren auf einem kanadischen Trainingsgelände in der Provinz Manitoba üben und später auch in Labrador Luftübungen durchführen. Im weiteren Verlauf wurde immer wieder die vorzügliche Integration der kanadischen Truppen in der BRD und das sehr gute Verhältnis zwischen Deutschen und Kanadiern und deren hohes Ansehen hervorgehoben sowie Dank für den kanadischen Verteidigungsbeitrag geäußert. Insofern ist es also richtig, dass sich die deutsch-kanadische Zusammenarbeit im verteidigungspolitischen Bereich, abgesehen von wenigen Jahren der Krise, sehr kooperativ und effektiv gestaltete. Letztendlich profitierten beide Staaten von der militärischen Kooperation, besonders vor dem Hintergrund ihres Status als Mittelmächte, die jeweils nur als Allianzpartner am Kalten Krieg beteiligt waren und sich vorrangig um die friedliche Konfliktbeilegung bemühten.

3.2.2 NATO-Partner und Teilnehmerstaaten am KSZE-Prozess
Neben der bilateralen Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und den kanadischen Streitkräften fällt auch auf, dass beide Staaten in der NATO oftmals gleiche Positionen vertraten. Trudeau wies auf den politischen Charakter der NATO und die Notwendigkeit der Abstimmung zwischen Nordamerikanern und Europäern hin. Schmidt betonte ebenfalls den Zusammenhalt im Bündnis. Beide Regierungschefs stellten schließlich fest: „we are completely together“ in Fragen zur atlantischen Allianz. So stimmten sich die Beiden beispielsweise 1982 während eines Telefonats ab, wie mit der Situation in Polen (Protestbewegung und Streiks der Solidarność) umgegangen werden sollte. Auch hier wird der friedliche Charakter der Mittelmächte deutlich. Des Weiteren ist auffällig, dass die BRD als Vermittler kanadischer Interessen gegenüber den USA genutzt wurde, wie es Trudeau 1977 vorschlug. Schmidt sollte mit Präsident Jimmy Carter über dessen harten Kurs gegen die Sowjetunion sprechen. Auf entgegengesetzter Seite wurde 1982 auch von Seiten der USA der Wunsch an den Bundeskanzler herangetragen, mit Kanada zu sprechen und Trudeau auszurichten, dass man gerne die störenden Probleme zwischen den beiden nordamerikanischen Staaten ausräumen möchte. In dem sehr vertraulichen Gespräch zwischen Schmidt und Trudeau ist interessant zu beobachten, wie kritisch der kanadische Premierminister über den großen Nachbarn und die Einmischung der USA in kanadische Angelegenheiten spricht. Kanada müsse frei über seine diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen entscheiden können. Zudem sei man in Kanada die „ständigen Anklagen und Vorwürfe der Amerikaner wirklich leid“. Auch hier wird also deutlich, wie sich die beiden Mittelmächte auf einer Ebene begegnen und die BRD als Vermittler zwischen Kanada und der Supermacht USA auftritt.

Neben ihrem NATO-Beitrag arbeiteten die Bundesrepublik und Kanada bei der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zusammen. Durch die Teilnahme der USA und Kanada akzeptierten diese beiden nordamerikanischen Staaten die Verantwortlichkeiten und Interessen in und für Europa und bewiesen ihre Solidarität mit den europäischen Partnern. Jedoch lässt sich Kanadas Rolle im KSZE-Prozess auch als „extension abroad of national policies“ charakterisieren. Ein gemeinsames Interesse hatten Kanada und die Bundesrepublik bei der KSZE aber doch: beide Staaten stellten die Freizügigkeit der Menschen und insbesondere die Familienzusammenführung heraus. Zusätzlich war man sich über die große Bedeutung der Folgekonferenz 1977 in Belgrad einig, um zu prüfen, was bisher erreicht wurde und wo noch Druck auf die andere Seite ausgeübt werden konnte. Von beiden Staaten wird die Konferenz von Helsinki am Ende als Erfolg gewertet. Die Mittelmächte zeigten verstärktes Engagement auf dem Gebiet der internationalen Verhandlungsdiplomatie. Zugleich wurde vor allem die Wichtigkeit der vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen (VSBM) betont.

Unterzeichnung der Schlussakte während der KSZE-Konferenz.
Unterzeichnung der Schlussakte während der KSZE-Konferenz.

3.3 Entwicklungspolitische Zusammenarbeit
Als letztes Feld der Kooperation zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Kanada soll die Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit untersucht werden. Im Kontext des Kalten Kriegs konnte man den Eindruck gewinnen, dass dieses Politikfeld – heute auch unter dem Bereich der soft power bekannt – eher den Mittelmächten überlassen wurde. Die USA und die Sowjetunion schienen mehr auf die hard power, die militärische Aufrüstung und Auseinandersetzung, fokussiert. Trotzdem versuchten die Supermächte mitunter, die neu entstandenen Staaten der Dritten Welt in ihr Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu integrieren. Jedoch konnten auch die Mittelmächte aktiv werden. So arbeiteten Kanada und die BRD bei diversen Treffen der Konferenz über internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit (KIWZ) sowie der IV. Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD IV) zusammen und tauschten sich über den Nord-Süd-Dialog aus. Unter dem Nord-Süd-Dialog wurde der Versuch der Einigung zwischen den Industrieländern der Ersten Welt und den Schwellen- und Entwicklungsländern der Dritten Welt verstanden.

3.3.1 UNCTAD IV-Konferenz und KIWZ-Treffen
Für die westlichen Staaten kam durch vermehrte Aktivitäten des Ostblocks immer mehr die Herausforderung auf, die Schwellen- und Entwicklungsländer in ihrem Interesse zu beeinflussen und den Handel mit der Dritten Welt voranzutreiben. Auch in den deutsch-kanadischen Konsultationen spielte die Entwicklungspolitik und das Verhältnis zur Dritten Welt eine Rolle, wenn auch eine untergeordnete. Dennoch waren sich die beiden Außenminister, Genscher und MacEachen, einig, dass ein Fehlschlag der UNCTAD IV-Konferenz 1976 in Nairobi vermieden werden konnte. Es gehe für die westliche Staatenwelt aber weiterhin darum, die Initiative zurückzugewinnen und die Verantwortung des Ostens deutlich zu machen. Der kanadische Außenminister stimmte dieser Linie zu.

Außerdem kooperierten Kanada und die BRD auch bei den KIWZ-Treffen zwischen 1975 und 1977 in Paris. An den Konferenzen nahmen acht Industrie- und 19 Entwicklungsländer teil, um die gesamten Probleme des Nord-Süd-Verhältnisses zu behandeln. Kanada, das gemeinsam mit Venezuela die Ko-Präsidentschaft der KIWZ innehatte, beurteilte die Haltung der Staaten der Dritten Welt kritisch, da diese durch ihr Beharren auf eine Schuldenregelung und die Sicherung der Kaufkraft die Konferenz blockieren würden. Kanada wollte sich schließlich mit den USA, Japan und der BRD absprechen und Kompromisse finden. Es bestand die Gefahr, dass die Entwicklungsländer gegen den Kurs der Industrieländer rebellierten und sich schließlich an die OPEC-Staaten wandten. Kanada und die Bundesrepublik waren sich jedoch einig, dass die Staaten der Dritten Welt realisieren würden, dass ihre Interessen bei den OPEC auch nicht am besten aufgehoben waren.

Nichtsdestotrotz ist interessant zu beobachten, dass die BRD in den vertraulichen Dokumenten die Kanadier und ihre Rolle bei der KIWZ heftig kritisierte. Nachdem festgestellt wurde, dass die Ergebnisse der Konferenz nicht zufriedenstellend waren, weder für die Entwicklungs- noch für die Industrieländer, machte Westdeutschland in manchen Bereichen Kanada dafür verantwortlich. Die Bundesrepublik kritisierte die Ko-Präsidentschaft durch MacEachen, dem es nicht gelang, durch die Mittelmacht Kanada das Schwergewicht der Industrieländer wie die USA und die EG unmittelbar zu repräsentieren. Kanada nahm nur eine „Mittelrolle“ ein, wohingegen die Entwicklungsländer vom aufstrebenden Venezuela, das die Machtverhältnisse direkt verkörperte, geführt wurden. Das Ungleichgewicht zwischen den Ko-Präsidenten lag in ihrer unterschiedlichen Hausmacht. Für die BRD stellte sich die Sprecherschaft durch MacEachen, den Vertreter einer industriellen Mittelmacht, gegenüber eines Exponenten der Speerspitze der anderen Seite als negativ heraus. Die Bundesrepublik zog daraus das Fazit für künftige Konferenzen einerseits das gemeinsame Auftreten der EG zu sichern und andererseits die Kontakte zu führenden Industrieländern, insbesondere zu den USA und zu Japan, zu verstärken und sich bezüglich gemeinsamer Positionen abzustimmen. Kanada wurde vorerst nicht als Ansprechpartner für Fragen der Entwicklungszusammenarbeit betrachtet. Deutlich wird an diesem Beispiel auch der Nachteil einer Mittelmacht, die nur begrenzten Einfluss hat und gewisse Interessen deshalb nur begrenzt durchsetzen kann, weshalb sich in diesem Fall die BRD an durchsetzungsstärkere Partner wie die USA wandte.

3.3.2 Intensivierung des Nord-Süd-Dialogs als gemeinsame Aufgabe
Kanada und die Bundesrepublik waren sich schließlich jedoch einig, dass man nicht zulassen dürfe, dass die Entwicklungsländer nur den Westen anklagten, während der Osten sich seiner Verantwortung entziehen könne. Man müsse verhindern, dass die Sowjetunion und der Ostblock von den Vereinbarungen des Nord-Süd-Dialogs profitierten. Auch waren sich MacEachen und Genscher einig, dass die Entwicklungsländer falsch handelten, wenn sie den OPEC-Staaten folgten. Diese Denkart beschreibt die deutsch-kanadische Haltung während der 1970er und 1980er Jahre gut. Um eine gemeinsame westliche Position zu formulieren, wurden dann immer wieder Gipfeltreffen der westlichen Industriestaaten angeregt, mal mit den Großmächten, mal ohne. So wurde 1978 ein informelles Treffen auf Jamaika abgehalten, an dem sieben Staats- und Regierungschefs beteiligt waren. Neben Kanada und der BRD nahmen auch Jamaika als Gastgeber, Nigeria, Venezuela, Australien und Norwegen teil. Somit waren wichtige Mittelmächte und führende Entwicklungsländer aus der Dritten Welt vertreten. Das Hauptthema des Treffens bildete der Versuch, den Konflikt zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern zu lösen. Alle Teilnehmer teilten die gemeinsame Sorge um die Weltwirtschaft und ihre zuungunsten der EL ungleichmäßige Entwicklung, weshalb man das Ziel größerer wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit anstrebte. Die Mittelmächte konnten den Staaten der Dritten Welt eher auf Augenhöhe begegnen und versuchten, sie von den OPEC-Staaten, von denen die Entwicklungsländer keine Entwicklungshilfe zu erwarten hatten, zu lösen und wieder näher an die westliche Welt zu binden. Trudeau wies in einem Gespräch mit Schmidt auf die Ungeduld der Entwicklungsländer, nicht nur gegenüber der Industriestaaten, sondern auch gegenüber den OPEC-Staaten hin, und der Bundeskanzler stimmte ein, dass die Länder der Dritten Welt lernen müssten, private Investitionen der Industrienationen zu garantieren, da Investitionen als ein sehr wichtiges Mittel zur Entwicklung galten.

Zu Beginn der 1980er Jahre wurden schließlich Nord-Süd-Gipfel angestrebt: Kanada und die Bundesrepublik stimmten sich über einen Zeitpunkt ab, da beide Staaten die Notwendigkeit und Bedeutung eines solchen Gipfels als hoch einstuften. Trudeau wollte außerdem aus dem Weltwirtschaftsgipfel 1981, dessen Gastgeber er war, einen hochgradig politischen Dialog machen. Zuvor strebte er deshalb einen Besuch in Entwicklungsländern an, um die Nord-Süd-Problematik besser vorbereiten zu können. So kam es auch dazu, dass der kanadische Premierminister auf dem Nord-Süd-Gipfeltreffen von Cancún 1981 als stellvertretender Vorsitzender fungierte. Auch Schmidt war die Dringlichkeit, den Nord-Süd-Konflikt zu lösen, bewusst. Er machte Trudeau in einem Gespräch klar, dass 1981 ein „gefährliches Jahr“ werden könne und man auf die Gefahren der politischen Entwicklung in der Dritten Welt und eventuelle mittelamerikanische Krisen gut vorbereitet sein müsse. Von beiden wurde zusätzlich die Tatsache, dass der amerikanische Präsident Ronald Reagan noch nicht am internationalen Dialog teilnehmen konnte, kritisch bewertet. Hierbei wird wiederum deutlich, dass die Mittelmächte sehr wohl auf die Supermacht USA angewiesen waren und sich deren Einfluss und Beteiligung erhofften, um auf internationaler Ebene, wie es auch der Nord-Süd-Dialog war, Krisen erfolgreich beilegen zu können.

4. Die persönliche Ebene der deutsch-kanadischen Beziehungen: das Verhältnis von Schmidt und Trudeau

Dass es zwischen zwei Politikern und Staats- und Regierungschefs zu einer persönlichen Freundschaft kommt, ist wohl eher vom deutsch-französischen Verhältnis bekannt. Umso interessanter ist es also, dass sich beobachten lässt, dass sich auch zwischen Schmidt und Trudeau über den Atlantik hinweg eine freundschaftliche Beziehung herausgebildet hatte, über die allerdings wenig berichtet wurde. Doch ganz offensichtlich sind sich im März 1975 – nach sieben Jahren politischer Dürre zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Kanada – nicht nur die beiden Staaten, sondern vor allem ihre damaligen Regierungschefs näher gekommen. Auch für das Verhältnis der Minister lässt sich dies feststellen, sodass viele Gespräche in sehr gelöster, aufgeschlossener Atmosphäre geführt wurden und man sich immer wieder gegenseitig zu Besuchen einlud.

4.1 Freundschaftliche Beziehungen der beiden Regierungschefs
Bundeskanzler Schmidt und Premierminister Trudeau lernten sich während eines gemeinsamen Frühstücks im Rahmen der KSZE-Konferenz in Helsinki 1975 kennen und schätzen, obwohl die Umstände nicht einfach waren, da die deutsch-kanadische Krise noch nicht ausgestanden war und der kanadische Regierungschef zu Schmidts Vorgänger Brandt kein besonders gutes Verhältnis gepflegt hatte. Schmidt jedoch gelang es auch während der Krise Trudeaus Vertrauen zu gewinnen, insbesondere durch seine kraftvolle und überzeugende Argumentation für den Verbleib der kanadischen Truppen in der BRD – und das, obwohl Bundeskanzler Schmidt Sozialdemokrat war. Beide Regierungschefs unterschieden sich in Herkunft, Parteizugehörigkeit – Trudeau gehörte den Liberalen an – und Persönlichkeitsstruktur, teilten aber ihre Vorliebe für intellektuelle Herausforderungen und schätzten die politische Entschlusskraft des jeweils anderen. Sie waren also „very different personalities […] [who] met on the same intellectual Level” – und gleichzeitig ließen sich Gemeinsamkeiten in ihrer politischen Philosophie und in ihrem politischen Führungsstil erkennen. So stimmten die Beiden in ihren Einschätzungen der internationalen Lage der 1970er Jahre, in ihrem Beharren auf die Fortsetzung der Entspannungsbemühungen und in ihrer Skepsis gegenüber der Politik der USA überein. Trudeaus erster offizieller Besuch in der Bundesrepublik begann 1975 mit einem Skiwochenende in Bayern, ehe er zu Gesprächen nach Bonn weitereiste. 1978 unternahmen schließlich beide Regierungschefs zusammen einen Segeltörn an der Ostsee. Der Kanadier schenkte dem Deutschen schlussendlich sogar ein Segelboot als Dank für die Freundschaft. Andersherum konnte Schmidt bei einem seiner Kanada-Besuche von einem Ausflug in die kanadischen Northwest Territories profitieren, den Trudeau für ihn arrangiert hatte. Man konnte schließlich konstatieren: Zwischen Premierminister Trudeau und Bundeskanzler Schmidt entspann sich eine Abfolge persönlicher Treffen, die schließlich sogar in die Freundschaft der beiden Regierungschefs mündete.

Helmut Schmidt am Grab von Pierre Trudeau in Montreal (2011).
Helmut Schmidt am Grab von Pierre Trudeau in Montreal (2011).

4.2 Eine Veränderung des deutsch-kanadischen Verhältnisses nach der Ära Schmidt/Trudeau?
Es ist sicher, dass die Krönung der Blütezeit der deutsch-kanadischen Beziehungen zwischen 1975 und 1982 die persönliche Freundschaft der beiden Regierungschefs Schmidt und Trudeau war. Deshalb lässt sich annehmen, dass sich das deutsch-kanadische Verhältnis nach deren Amtszeit änderte. Schmidts Nachfolger Kohl besuchte Kanada noch dreimal, konnte aber kein enges Verhältnis zum kanadischen Regierungschef aufbauen. Als Trudeau 1982 zu einem offiziellen Besuch in die Bundesrepublik reiste, besuchte er anschließend privat den ehemaligen Bundeskanzler. Dies zeigte ganz klar, dass sich zwischen Schmidt und Trudeau ein Freundschaftsverhältnis entwickelt hatte, das über deren politische Amtszeit hinaus Bestand hatte. 1983 war der Kanadier ein letztes Mal zu Gast in der BRD. Im gleichen Jahr reiste auch der kanadische Generalgouverneur Edward C. Schreyer nach Westdeutschland, was ein großes öffentliches Echo auslöste. Es lässt sich festhalten, dass die Zahl der offiziellen Besuche zwischen Spitzenpolitikern der Bundesrepublik und Kanadas nach der Ägide Schmidt-Trudeau eindeutig zurückgegangen ist und man nur noch am Rande von internationalen Treffen wie G7, NATO und VN zusammentraf. Somit schlussfolgert Bleek:

„Die in der persönlichen Zuneigung der beiden Regierungschefs angelegte entente cordiale zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Kanada ging zu Ende, als zunächst Helmut Schmidt im Herbst 1982 sein Amt abgab und dann Pierre Trudeau im Sommer 1984 zurücktrat.“

Im September 1990 trat schließlich der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker einen offiziellen Besuch in Kanada an. Ein Problem von Staatsbesuchen in Kanada war aber sicherlich, dass sie in der Regel an einen Aufenthalt in den USA geknüpft wurden. Was heute Zeit spart und umweltfreundlicher erscheint, bekräftigte damals den kanadischen Minderwertigkeitskomplex und führte zu Vorwürfen wie fehlendem Einfühlungsvermögen deutscher Politiker. 1987 hält Bleek fest:

„Mit Ausnahme von Helmut Schmidt, den persönliche und familiäre Gründe gegen solche Vorurteile immunisieren, hat die Bundesrepublik Deutschland noch nicht genügend Einfühlungsvermögen für den kanadischen Wunsch nach eigenständiger Achtung und Identität entwickelt.“

Nachdem ab 1984 Premierminister Mulroney sein Programm des constructive internationalism startete und Kanada einen anderen Kurs einschlug, um die Beziehungen zu den USA zu verbessern sowie bilaterale Beziehungen zu den Staaten des asiatisch-pazifischen Raums aufzubauen, geriet das deutsch-kanadische Verhältnis endgültig in den Hintergrund.

5. Fazit

Diese Arbeit analysierte das deutsch-kanadische Verhältnis in der Ära Schmidt/Trudeau und untersuchte dabei, inwiefern für den Zeitraum von 1974 bis 1982 von bilateralen Beziehungen gesprochen werden konnte. Deutlich wurde, dass die beiden politischen Mittelmächte sehr wohl bilaterale Beziehungen unterhielten, wenn auch nicht in jedem Politikfeld. So kooperierten Kanada und die Bundesrepublik vorrangig in ökonomischen Fragen und im militärischen sowie sicherheitspolitischen Bereich. Zudem versuchten sie sich bei der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit abzustimmen. Das Verhältnis der beiden Staaten stand jedoch immer im Schatten der jeweiligen Beziehung zur Supermacht USA, weshalb man die deutsch-kanadischen Beziehungen berechtigterweise als „andere“ transatlantische Beziehungen charakterisieren kann.

Die USA wurden für das deutsch-kanadische Verhältnis als Problem wahrgenommen, verband die beiden Staaten zur Supermacht doch einerseits die Loyalität zum nordamerikanischen Bündnis und seiner Führungsmacht, anderseits aber auch der Wunsch nach eigenen Einflussmöglichkeiten und der Bewahrung partieller Souveränität. Als nicht-nukleare Mittelmächte teilten Kanada und die BRD das Interesse an einer friedlichen Konfliktlösung und versuchten, sich einen Handlungsspielraum unterhalb der Führungsmächte des Kalten Kriegs zu bewahren. Dafür mussten sie, in dem Bestreben, nicht zum reinen Spielball der Politik der Supermächte zu werden, ihre Politik aufeinander abstimmen und gemeinsam agieren. So erreichte die Zusammenarbeit der beiden Staaten verschiedene Dimensionen.

Mit Blick auf Kanada fällt auf, dass das nordamerikanische Land die Bundesrepublik als Ansprechpartner in Europa benötigte, insbesondere durch Trudeaus Politik der third option. Kanada wollte seine internationalen Handelsbeziehungen diversifizieren und fand in der BRD, allen voran in der Person des Bundeskanzlers, „einen Fürsprecher“ bei den Verhandlungen mit der Europäischen Gemeinschaft. Schmidt und Trudeau tauschten sich oft über die Entwicklungen in Europa und der EG aus und Westdeutschland unterstützte Kanada auch bei den Verhandlungen eines neuen Abkommens mit EURATOM. Daran hatte aber auch die Bundesrepublik selbst großes Interesse, da sie Kanada als einen der wichtigsten Uranlieferanten nicht verlieren wollte. In anderen Bereichen wurde hingegen deutlich, dass die deutsch-kanadischen Wirtschaftsbeziehungen noch sehr viel Entwicklungspotenzial enthielten und ausbaufähig waren. Auch in den 1980er Jahren war der Handel noch großen Fluktuationen unterworfen, was den unterentwickelten Wirtschaftsbeziehungen geschuldet war.

Mit Ausnahme der deutsch-kanadischen Krise verlief die militärische Kooperation zwischen Kanada und der Bundesrepublik problemlos. Die beiden Staaten bauten sogar ihre Zusammenarbeit aus, beispielsweise durch gemeinsame Trainingsübungen und Rüstungskooperationen. Auch waren lange Zeit kanadische Truppen in der BRD als Verteidigungsbeitrag im Rahmen der NATO stationiert. Zwischen 1951 und 1993 hatten somit mehr als 100.000 kanadische Soldaten in Militärbasen auf deutschem Boden gedient und das Verhältnis zur deutschen Bevölkerung wurde immer als sehr gut beschrieben. Gerade im sicherheitspolitischen Bereich haben also beide Staaten gegenseitig voneinander profitiert und sich als nicht-nukleare Mittelmächte immer eng bezüglich gemeinsamer Positionen in der atlantischen Allianz abgestimmt. Doch auch in diesem Politikfeld wurde der jeweils andere Partner oft als Sprachrohr für eigene Interessen genutzt. Besonders Kanada hoffte über die BRD seine Anliegen beim US-Präsidenten vortragen zu können, und andersherum stellte Kanada für die Bundesrepublik eine wichtige Informationsquelle vom nordamerikanischen Kontinent dar.

Beim Blick auf die entwicklungspolitische Kooperation ließ sich festhalten, dass es problematisch war, dieses Feld den Mittelmächten zu überlassen, da sie mitunter Schwierigkeiten hatten, die Interessen der Industriestaaten gegenüber den Entwicklungsländern angemessen zu repräsentieren. Dabei wurden auch Uneinigkeiten zwischen der BRD und Kanada sichtbar. Somit musste auch diese Politikdimension mit den Supermächten gedacht werden. Also kooperierten Kanada und Westdeutschland auch hier nicht ohne die enge Bindung an die USA.

Zusammenfassend kann man also festhalten:

„Zwischen Kanada und der Bundesrepublik Deutschland […] [bestand] auf wirtschaftlicher, militärischer, kultureller und internationaler Ebene eine funktionierende und weitgehend konfliktfreie Zusammenarbeit. Allerdings schöpf[t]en die Beziehungen keineswegs ihr Entwicklungspotential aus. […] Der Grund für die bisherigen Perzeptionsprobleme […] [war] die dominierende Orientierung der beiden Staaten auf die atlantische Bündnisvormacht USA. Dabei m[u]ßten [sic!] die Bundesrepublik Deutschland und Kanada eigentlich ein gemeinsames Interesse daran haben, ihre Positionen als nicht-nukleare Mittelmächte im Bündnis zu koordinieren.“

Auffallend ist für die 1970er und 1980er Jahre auch, dass die kulturelle Dimension in den offiziellen Dokumenten kaum Erwähnung fand. Obwohl gerade auf diesem Politikfeld die strukturellen Voraussetzungen gut waren, da Kanada es durch sein Konzept des Multikulturalismus geschafft hatte, sich deutlich von den USA und deren Idee eines kulturellen melting pot zu unterscheiden, fanden die deutsch-kanadischen Kulturbeziehungen kaum Beachtung.

1994 schätzte der langjährige kanadische Botschafter in Deutschland John G. H. Halstead den Versuch Kanadas, während des Kalten Kriegs bilaterale Beziehungen zu den verschiedenen europäischen Staaten aufzubauen, eher als gescheitert ein: „Even in the case of the Federal Republic of Germany, I cannot in all honesty say that we were successful in building a new partnership.” Bundeskanzler Schmidt und Premierminister Trudeau hatten es zwar geschafft untereinander eine freundschaftliche Beziehung zu entwickeln, doch das bilaterale Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland und Kanada blieb auf bestimmte Politikfelder beschränkt und konnte sich nie ganz aus dem Schatten der Supermacht USA lösen. Ob dies heute Angela Merkel und Justin Trudeau, dem amtierenden kanadischen Premierminister und Sohn von Pierre Trudeau, aufgrund der Differenzen zu US-Präsident Donald Trump besser gelingen wird, bleibt vorerst eine Frage der Zukunft.

Artikel verfasst und zur Verfügung gestellt von: Theresa Pachner

Empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:*
Josef Becker, Rainer-Olaf Schultze: Im Spannungsfeld des Atlantischen Dreiecks: Kanadas Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg


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